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Wechseljahre – nicht der Abschied von allem

Soll ich mich outen? Über ein Thema sprechen, das von einer Art Tabu umgeben ist? Riskieren, dass man mich mit kritischem oder mitleidigem Blick betrachtet und guckt, ob man mir was anmerkt? Über mich sprechen lassen, als sei ich ein durchgedrehter Teenager mitten in der Pubertät, von dem man sagt: „Abwarten. Irgendwann wird er wieder normal.“? Und so schöne Sätze zu hören bekommen wie: „Gewiss, die Jugend ist vorbei! Aber es bedeutet nicht den Abschied von allem!“ Ich rede von den „Wechseljahren“. Diese seltsam geheimnisumwobene Zeit der großen Hormonumstellung im Körper einer Frau, deren Umschreibung allein schon etwas Irritierendes hat:

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Autor:

Cornelia Kurth

Soll ich mich outen? Über ein Thema sprechen, das von einer Art Tabu umgeben ist? Riskieren, dass man mich mit kritischem oder mitleidigem Blick betrachtet und guckt, ob man mir was anmerkt? Über mich sprechen lassen, als sei ich ein durchgedrehter Teenager mitten in der Pubertät, von dem man sagt: „Abwarten. Irgendwann wird er wieder normal.“? Und so schöne Sätze zu hören bekommen wie: „Gewiss, die Jugend ist vorbei! Aber es bedeutet nicht den Abschied von allem!“

Ich rede von den „Wechseljahren“. Diese seltsam geheimnisumwobene Zeit der großen Hormonumstellung im Körper einer Frau, deren Umschreibung allein schon etwas Irritierendes hat: „Während dieses Lebensabschnitts wechselt die Frau von der Phase der Geschlechtsreife ins sogenannte Senium“, so heißt es in einem Internet-Informationsportal.

Na schön, ich bin 50 Jahre alt. Wie lange habe ich noch bis zum „Senium“, dem „Greisenalter“? Und was steht mir überhaupt bevor?

Im Rintelner Kreiskrankenhaus hält Dr. med. Irina Schmidt, Oberärztin auf der Gynäkologischen Station, einen Vortrag. „Wie komme ich gesund durch die Wechseljahre?“ ist das Thema. Etwa 15 Frauen im Alter zwischen 45 und 60 Jahren haben sich im Emma-Zentrum versammelt, dort, wo es ansonsten um Schwangere geht, um junge Mütter und ihre Babys.

Vielleicht erfahre ich hier in dem rundherum auf Frauendinge eingestellten Zentrum, andere Dinge, als das, was auf entsprechenden ärztlichen Seiten im Internet zu finden ist.

Die allgemeinen Informationen über das „Klimakterium“ (übersetzt: „Kritischer Zeitpunkt im Leben“) sind nämlich eine Art Horrorlektüre. Nach einem ersten Satz, in dem regelmäßig betont wird, dass es sich bei den Wechseljahren nicht, nein, auf keinen Fall, um eine Krankheit handele, liest man Auflistungen von krankhaften Beschwerden, wie sie auf dem Beipackzettel eines riskanten Medikamentes nicht drastischer auftauchen könnten. Die sagenhaften „Hitzewallungen“ sind da nur der Anfang.

Konzentrations- und Gedächtnisschwäche; Herzrasen, Schlaflosigkeit und Depressionen; Bluthochdruck, Knochenschwund, Arthrose; und dann so Dinge, die frau auch nicht gerne liest: Haarausfall auf dem Kopf, dafür Haarwuchs im Gesicht; Austrocknung der Haut, die papierdünn und faltig wird; Austrocknung der Schleimhäute speziell in der Vagina, was den Sex zu einer schmerzhaften Sache macht; Austrocknung der Augen.

Sowieso: rundherum Austrocknung.

Kein Wunder, dass es noch bis in die 1980er Jahre hinein bei Experten aus der „Deutschen Menopause Gesellschaft“ hieß, die Frau jenseits der Gebärfähigkeit sei biologisch eigentlich nicht vorgesehen.

Was mich persönlich betrifft, so befinde ich mich im Stadium der sogenannten „Perimenopause“, also mitten in der Zeit des „Wechsels“ (von einem weiblichen Wesen zum alternden Neutrum?). Die bei meiner Geburt noch zu Hunderttausenden vorrätig gewesenen Eibläschen, die Follikel, haben sich in rasantem Tempo vermindert. Eins, zwei oder drei dürften noch vorhanden sein, die Menstruation jedenfalls ist so gut wie vorbei. Noch versucht mein Gehirn die Eierstöcke zur Arbeit anzutreiben. Es schüttet jede Menge Geschlechtshormone aus, damit in der Gebärmutter Östrogen und Gestagen produziert werden. Die Gebärmutter aber kann will nicht mehr, und so entsteht ein hormonelles Ungleichgewicht, ähnlich demjenigen im Körper eines pubertierenden Menschen, nur in die andere Richtung.

Die eigentliche „Menopause“ ist die allerletzte Regelblutung. Danach beginnt die „Postmenopause“, mit deren endgültigem Abschluss die Metamorphose vollendet ist. 65 bis 70 Jahre alt werde ich dann wohl sein und damit das Tor zum „Greisenalter“, des Seniums durchschritten haben. Was soll da noch Ärgeres kommen, als das, was ich bereits durchgemacht haben werde?

Dr. Irina Schmidt, bitte sagen Sie mir, dass das alles so nicht wahr ist!

Die Oberärztin hat eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet, mit allerlei Statistiken über den Verlauf der Hormonproduktion im weiblichen Körper und anderen Informationen. Bevor sie mit dem eigentlichen Vortrag beginnt, weist sie die Frauen im Raum darauf hin, dass sie durchschnittlich noch etwa 30 Jahre zu leben haben. 30 Jahre ohne die gehörige Portion Östrogen. Und dann kommt es schon wieder: der Damenbart, die austrocknende Schleimhaut, Inkontinenzprobleme und beginnende Osteoporose, das volle Programm.

„Also, ich bin ja 52 Jahre alt und habe noch regelmäßig meine Menstruation“, meint, wie zur Selbstverteidigung, eine Frau unter den Zuhörerinnen. O ja, solche Bemerkungen kenne ich. „Bei mir ist noch alles in Ordnung“, oder: „Was, du bist jetzt schon in den Wechseljahren?“, oder: „Na ja, es hat gerade so ein bisschen angefangen, aber eigentlich bin ich doch noch ganz Frau.“

Ich kenne überhaupt keine Frau in meiner Nähe, die nicht so oder ähnlich redet. Ich selbst sage gerne: „Na ja, ich bin jetzt auch so in dem Alter. Aber, also, ich merke nichts, gar nichts.“

Dr. Irina Schmidt geht auf die 52-Jährige zu und reagiert genau so, wie ich es befürchtete: „In Ihrem Alter noch immer die Regel, da haben Sie eine sehr gute Anlage, einen wirklich gesunden Körper.“

Ich wusste es!

So neutral und sachlich der ganze Vortrag gehalten ist und so sehr auch die Gynäkologin mehrmals betont, die Wechseljahre an sich seien keine Krankheit – in Wirklichkeit ist selbst die Ärztin nicht frei von der Vorstellung, Frauen ab 45 Jahren befänden sich mitten in einem gefährlichen Prozess, in dem die möglichen Gebrechen wie eine riesige Lawine auf einen zurollen.

Dabei sollte doch ein anderer Blick auf die Wechseljahre möglich sein. Die erst verminderte und dann fast ganz gestoppte Östrogen-Produktion hat Auswirkungen auf den weiblichen Körper, keine Frage. Etwa 80 Prozent aller Frauen müssen die Hitzewallungen ertragen, die dadurch entstehen, dass die Temperaturregelung über das Gehirn außer Takt gerät.

Jede dritte Frau außerdem leidet ernsthaft in der Zeit der Hormonumstellung, sei es nun durch depressive Verstimmungen, besagte Schleimhauttrockenheit oder auch Harninkontinenz. Gegen diese Beschwerden kann man teils mit Hormongaben, teils auch mit Naturheilmitteln angehen.

Warum aber werden rundweg alle kritischen Faktoren des allgemeinen Älterwerdens auf das Klimakterium geschoben? Es scheint fast so, als sei das Alter mit seinen Gefährdungen eine reine Frauenangelegenheit. Arthrose, Hautalterung, Inkontinenzprobleme, Anfälligkeit für Herz-Kreislauferkrankungen und auch für die Osteoporose, für Demenz, Diabetes und was nicht noch alles eine Folge speziell der Wechseljahre sein soll, sind das nicht einfach nur mögliche Folgen des natürlichen Altwerdens?

Und zwar solche, die nicht alle auf einmal und auf einen Schlag zur Wirkung kommen, sondern meistens nach und nach, beim einen mehr, beim anderen weniger, bei manchen früher, anderen später und insgesamt bei Männern nicht so viel anders als bei den Frauen?

Wie so manches Mal bei mich bewegenden Fragen spreche ich mit meiner Mutter darüber. Sie ist weit über 70 Jahre alt, eine lebhafte, kluge Frau, die gleich einen Lachanfall bekommt, als ich ihr meine Thematik darlege. „Wenn man sich vor all diesen Dingen fürchtet, Dinge, die eintreten können oder auch nicht, dann fürchtet man sich ganz einfach vor dem Leben“, sagt sie. „Die ,Nebenwirkungen‘ der Wechseljahre, die könnte man ebenso gut als Nebenwirkungen des Geborenseins aufzählen. Wir werden alle alt. So ist es nun mal. Soll man deshalb schon weinen, bevor es so weit ist?“

Man soll ja nicht weinen. Das meint auch die Gynäkologin. Das letzte Schaubild ihres Vortrages zeigt ein glücklich lächelndes, quicklebendig wirkendes altes Ehepaar. Dieses hat vermutlich alle guten Ratschläge befolgt, vom Sportreiben über gesunde Ernährung bis hin zum Verzicht auf Zigaretten, Alkohol und Zuckerzeug.

Der Text darunter: „Jeder Wandel birgt auch neue Chancen. Die Wechseljahre sind keineswegs der Abschied von allem.“ Ob noch jemand Fragen habe, blickt die Ärztin in die Runde. Nein – keiner fragt mehr etwas.

Abwarten.

Und gegen Hitzewallungen Salbeitee trinken.

Wohl kaum eine Phase im Leben einer Frau wird so oft hinter vorgehaltener Hand besprochen wie die Wechseljahre. Oft heißt es, in dieser Zeit sei man nicht man selbst und Hitzewallungen seien noch das Angenehmste, was die Frauen dann erwarte. Doch sind Wechseljahre wirklich etwas, das man durchstehen und durchleiden muss? Unsere Autorin outet sich – als Frau, die bald in die Wechseljahre kommt.

Wer sich über die Wechseljahre informieren will, kann sich leicht vorkommen, als würde er auf einem Beipackzettel die ellenlange Liste von Nebenwirkungen eines Medikaments lesen. Aber sind Wechseljahre wirklich nur schlimm? Foto: Elena Ray, Fotolia

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