weather-image
16°

Was kostet Herr Mustermann die Kassen?

Neunzig Prozent der deutschen Bevölkerung sind gesetzlich krankenversichert sagt der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen GKV. Bei so vielen Menschen wird, um Tendenzen und Entwicklungen deutlich zu machen, der statistische Durchschnittsmensch erfunden. Rechnerisch hat dieser Max Mustermann im Jahr 2009 bei der AOK Niedersachsen 2212 Euro an Kosten für medizinische Leistungen verursacht.

270_008_4244078_lk_gesund1.jpg

Autor:

Karl-Heinz Recklebe

Auf den ersten Blick viel Geld. Wenn man aber bedenkt, dass betragsfrei mitversicherte Familienmitglieder darin ebenso enthalten sind, wie die chronisch Kranken, die im Einzelfall, wie zum Beispiel bei einem Bluter, jährliche Kosten von bis zu einer Million Euro verursachen können, relativiert sich diese Zahl, erläutert Klaus Altmann von der AOK Niedersachsen. Versicherte in anderen Krankenkassen verursachen abweichende Kosten, weil keine Versichertengruppe der anderen gleicht. Bis zum Jahr 2008 haben die Krankenkassen ihre Aufwendungen aus den Beiträgen ihrer Mitglieder finanziert. Die Beitragssätze in den verschiedenen gesetzlichen Krankenkassen – und davon gab es mehr als zweihundert – waren deshalb unterschiedlich und ein wichtiges Argument im Wettbewerb der Kassen untereinander. Seit der letzten Gesundheitsreform und der Einführung des Gesundheitsfonds ist das anders. Seit 2009 gibt es in allen gesetzlichen Krankenkassen nur noch einen einheitlichen Beitragssatz, der zurzeit 14,9 Prozent beträgt. Zwar zahlen die Arbeitgeber die Krankenkassenbeiträge wie bisher an die jeweilige Kasse. Diese dürfen die Beträge aber nicht behalten, sondern müssen sie an den Gesundheitsfonds weiterleiten. Neben den Beiträgen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber fließt noch ein Zuschuss aus dem Bundeshaushalt in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten zur Deckung der Kosten für ihre Versicherten aus diesem Topf, der von allen gesetzlich Versicherten gespeist wird, eine Grundpauschale pro Kopf. Das waren im letzten Jahr 2222,65 Euro.

Zusätzlich zu dieser Grundpauschale erhalten die Krankenkassen dann aber noch Zu- oder Abschläge aus dem Gesundheitsfonds. Diese richten sich nach Alter und Geschlecht der Versicherten sowie in Abhängigkeit von schwerwiegenden oder chronischen Krankheiten. Alles ziemlich kompliziert. Mehr Verwaltungsaufwand ist programmiert. Und zwar nicht nur durch den neuen Gesundheitsfonds, sondern auch bei den Krankenkassen. Denn für die Zu- und Abschläge je Versicherten, müssen die Kassen umfangreiche Dokumentationen für jeden einzelnen Versicherten führen. Schon in der Zeit von 1992 bis 2005 sind die Verwaltungskosten aller gesetzlichen Krankenkassen um 50,2 Prozent gestiegen.

Das Bundesministerium für Gesundheit berichtet, dass in der gesetzlichen Krankenversicherung insgesamt die Netto-Verwaltungskosten im Jahr 2008 einen Anteil von 5,16 Prozent an den Gesamtausgaben ausgemacht haben. Die Vertreter der Kassen verweisen deshalb gern darauf, dass sie damit deutlich unter denen der privaten Krankenkassen liegen, verschweigen aber, dass durch die überproportional gestiegenen Gesundheitskosten ihr Verwaltungsaufwand bei gleich bleibendem Prozentsatz ebenso überproportional mit gestiegen ist. Kein Wunder, wenn Politik und Versicherte unisono aufschreien, dass nun einige Kassen für 2010 einen Zusatzbeitrag von 8 Euro je Versicherten angekündigt haben. Dieser gilt wohlgemerkt unabhängig von der Einkommenshöhe und trifft natürlich Geringverdiener besonders hart. Vielen wird wohl nur der Wechsel der Krankenkasse als Option bleiben, um dieser erneuten Kostensteigerung zu entgehen. Schon jetzt gibt es ein Ungleichgewicht in der Beitragslast, denn seit dem 1. Juli 2009 trägt vom einheitlichen Beitragssatz aller gesetzlichen Krankenversicherungen in Höhe von 14,9 Prozent der Arbeitgeber 7 Prozent und der Arbeitnehmer 7,9 Prozent.

Tabletten en masse: Medikamente sind im Gesundheitswesen ein eno
  • Tabletten en masse: Medikamente sind im Gesundheitswesen ein enormer Kostenfaktor. Fotos: bilderbox

Ein Zusatzbeitrag verschiebt die Gewichte weiter in Richtung Arbeitnehmer, der indirekt aus seinen Steuern auch noch den Bundeszuschuss zum Gesundheitsfonds trägt, der 2010 auf 11,8 Milliarden Euro steigen soll. Die Frage, ob nicht mehr Kostentransparenz für den Kassenpatienten auch zu niedrigeren Kosten und damit weniger steigenden Beiträgen führt, erhält angesichts der angekündigten Zusatzbeiträge neue Brisanz. Die Vertreter der gesetzlichen Krankenkassen halten sich bei der Frage der Kostentransparenz bedeckt. Da wird gern von der Solidargemeinschaft der Versicherten gesprochen, und dass man nicht Kranke gegen Gesunde, Alte gegen Junge oder Frauen gegen Männer ausspielen möchte. Außerdem wird mit den hohen Kosten argumentiert, die eine Kostentransparenz für den Kassenpatienten verursachen würde.

Ein entsprechender Vorstoß noch unter Gesundheitsminister Horst Seehofer ist schon 1997 an dem gemeinsamen Widerstand von Ärzten und Krankenkassen gescheitert. Sie konnten sich nicht einigen, wie die geschätzten Kosten von 1,25 Milliarden Euro für die Erstellung und den Versand von Rechnungskopien zwischen ihnen aufgeteilt werden sollten. Michael Erdmann von der Barmer GEK setzt daher wie viele andere Krankenkassen auch auf Aufklärungskampagnen, Präventionsangebote und Bonussysteme, um die ständig steigenden Gesundheitskosten zu begrenzen.

Nach der Einführung des Gesundheitsfonds 2009 und dem einheitlichen Beitragssatz werben die Kassen jetzt mit individuellen Leistungen zur Gesunderhaltung und mit Bonussystemen, die zu Beitragsrückvergütungen führen können. Ob diese Angebote tatsächlich zu verminderten Gesundheitsausgaben führen, bleibt abzuwarten. Die angekündigten Zusatzbeiträge sprechen dagegen.

Kostenaufwendig: Operationen im Krankenhaus.

Gesundheit ist ein hohes Gut, Gesundheitspolitik ein heißes Eisen. Die Kosten steigen, Krankenkassen kündigen Zusatzbeiträge für ihre Versicherten an – doch wie viel kostet Herr Mustermann eigentlich wirklich die Kassen? So viel steht fest: Krankenhausaufenthalte und Medikamente belasten das Budget der Kassen am stärksten, aber auch die Verwaltung kostet viel Geld.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare