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Was hier landet, gehört zum alten Eisen

Was bei den Sanns landet, gehört definitiv zum alten Eisen: defekte Waschmaschinen, Küchenherde, Computer, Fahrräder, Gartentore, Zäune, Autoreifen und kunterbunter Krempel aus Wohnungsentrümpelungen. An den Hauswänden entlang der Hofeinfahrt türmen sich nutzlos gewordene Objekte zu einem Stillleben auf: Rohre, Ketten, Kerzenständer aus Metall, Außenleuchten aus den 70er Jahren und wohl noch ältere Eisenbahn-Laternen rosten vor sich hin.

Endlich was zum Ausladen – die Brüder Roland und Heinrich

Von Alda Maria Grüter

Was bei den Sanns landet, gehört definitiv zum alten Eisen: defekte Waschmaschinen, Küchenherde, Computer, Fahrräder, Gartentore, Zäune, Autoreifen und kunterbunter Krempel aus Wohnungsentrümpelungen. An den Hauswänden entlang der Hofeinfahrt türmen sich nutzlos gewordene Objekte zu einem Stillleben auf: Rohre, Ketten, Kerzenständer aus Metall, Außenleuchten aus den 70er Jahren und wohl noch ältere Eisenbahn-Laternen rosten vor sich hin. „Einige Gegenstände sind schon seit Ewigkeiten hier“, sagt Heinrich Sann. Der Strohschneider, die Zinkwannen und der „Ideal-Heißwringer“ – keiner wollte sie bislang haben. Ab und zu aber käme schon mal jemand vorbei, zum Stöbern, und manchmal entdecke man den einen oder anderen erstehenswerten Artikel. „Wie auf einem Flohmarkt.“

Auf ihren Familienbetrieb sind die Sanns mächtig stolz. Die Zeiten, als die Mutter sich um Haushalt und die sieben Kinder kümmerte, dazu noch im Betrieb voll mit anpackte, sind längst vorbei. Firmen-Chefin Katharina Sann ist mittlerweile 73: „Aber immer noch der Häuptling“, sagt Karl zu der alten Dame, die gerade auf den Hof hinauskommt, um einen guten Morgen zu wünschen. Sohn Nummer drei ist auch schnell zur Stelle, herzt und hätschelt die Mutter, und während er mit schalkhaftem Lachen ihre Haare zu einer „Punk-Frisur“ zurechtfummelt, definiert er die Rollen der Söhne: „Und wir sind deine Bodyguards“, sagt Ronald Sann.

Es geht noch eine Weile lustig weiter. Überhaupt: Selten steht einer alleine und gelangweilt auf dem Hof herum. Dort, wo die Fläche frei bleiben muss für die Warenlieferung, das ist der Punkt, an dem sich der Familien-Clan trifft. Ob Tochter, Sohn, Enkelkinder – ein Sann kommt selten allein. Und jedes Mal gibt es viel zu erzählen und viel zu besprechen, Privates und Geschäftliches. „Der familiäre Zusammenhalt ist schon toll“, sagt Heinrich Sann. Nur, dass es mit dem Schrotthandel nicht so gut laufe, das bereite ihm Sorgen. Ein Transporter sei gerade unterwegs, hole von einer Kleingarten-Parzelle ausrangierte Gartenmöbel ab. „Wenig Altmetalle, keine umfangreichen Entrümpelungsarbeiten, keine Haushaltsauflösungen. Aber zum Glück“, sagt Heinrich Sann, „sind wir vielseitig, nehmen eben alles an.“

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Die Sanns geben sich optimistisch, denn Auftragsflauten, die habe man bislang irgendwie immer überstehen können. „Eigentlich möchte ich mich gar nicht mehr daran erinnern, am schlimmsten war’s vor zwanzig Jahren. Mann, da lief es vielleicht schlecht mit dem Schrotthandel.“ Mutter Katharina dreht die erinnerte Zeit noch ein paar Jahrzehnte weiter zurück: „Wir haben einfach immer genügsam leben müssen.“ Von 1959 bis 1965 habe die Familie nicht einmal ein richtiges Dach über dem Kopf gehabt: Neun Personen lebten auf engstem Raum in einem Wohnwagen. „Für eine Familie mit sieben kleinen Kindern war es nicht leicht, eine passende Wohnung zu finden. Eine, die auch bezahlbar war“, sagt Katharina Sann. In der Neuen Marktstraße fanden sie eine Bleibe: „Ein Raum für neun Personen!“ Erst 1974 bezogen sie eine größere Wohnung in der Heinestraße, zwei Jahre später kauften sie das gegenüberliegende alte Gebäude mit der Hausnummer 40, in dem Katharina Sann bis heute lebt. Ronald Sann wohnt in dem Haus nebenan – und hat somit den kürzesten Weg zur Arbeit, ergänzt Heinrich Sann, bevor er plötzlich von Balou unterbrochen wird. Lauthals bellt das Hofhündchen und signalisiert: Da ist jemand! Ein Mann, der kumpelhaft grüßt, fragt, ob er eine Holzpalette bekommen könnte. „Da hinten, nimm Dir eine.“ Heinrich Sann zeigt in die Richtung, wo sich die Paletten befinden. Logisch, dass der gute Bekannte sie kostenlos bekommt. Alle Hände voll zu tun haben die Brüder wirklich nicht, sagt Heinrich Sann immer wieder und horcht, ob der Kleintransporter vielleicht schon anrückt. Leider Fehlanzeige. Dafür hat Heinrich Sann jetzt Zeit zum Erzählen: So ein Schrotthandel sei gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten alles andere als eine lukrative Einnahmequelle. 125 Tonnen Schrott – Eisenschrott und andere Metalle wie Alu und Kupfer – verkaufe Sann durchschnittlich in einem Jahr an den Entsorgungsfachbetrieb „Hennies Rohstoffe“ in Hannover. „Von solchen Mengen sind wir jetzt weit entfernt.“ Der extrem lange und harte Winter habe sich negativ auf die Auftragslage ausgewirkt: „Nichts zu entrümpeln, keiner bot einem Alteisen an – Stillstand den ganzen Winter über. Aber die Personalkosten, die Ausgaben für Versicherungen und, und, und – alles lief weiter.“ Um mehr als die Hälfte sei der Umsatz geschrumpft. Dringend notwendige Anschaffungen habe man daher zurückstellen müssen. Seit zwei Monaten werden erstmals wieder schwarze Zahlen geschrieben. Große Sprünge könne man trotzdem nicht machen: „Wir gleiten so dahin. Es reicht, um zumindest keine Schulden machen zu müssen.“ 2008 sei ein gutes Jahr gewesen, erzählt Heinrich Sann weiter. Da haben Schrotthändler vom Preishochstand profitiert. Bis der Crash kam. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Branche heftig durchgeschüttelt und tiefe Spuren hinterlassen. „Vor zwei Jahren bekam ich für ein Kilo Alteisen 18 Cent, jetzt sind es nur noch acht Cent.“ Für Misch-Schrott, „Schredderkram wie Herde und Waschmaschinen“, der zu 90 Prozent aus Haushalten stammt, erhält er pro Tonne gerade einmal 60 bis 70 Euro. Alles Tagespreise, versteht sich, die somit immer wieder Schwankungen unterworfen sind. An richtig gutes Material heranzukommen, sei auch längst nicht mehr so leicht wie früher. Eisenbahnschienen und Heizkörper aus Gusseisen, die würden echt was einbringen – nur: „Wo gibt es die noch zu holen?“ Überhaupt: Wer glaubt, unter dem ganzen Schrott auch so manche Schätze entdecken zu können, der irrt. „Wenn wir Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen durchführen, dann haben die Verwandten schon vorher die vorhandenen wertvollen Sachen rausgeholt. Für uns bleibt wirklich nur der Müll übrig.“ Letzteres hat Heinrich Sann in seinen 35 Berufsjahren zuhauf gesehen: Zugemüllte Räume, Dreck, Unrat, Ratten, Ungeziefer. „Nicht nur im Fernsehen, auch in Hameln gibt es Messie-Wohnungen.“ Manchmal sei die Arbeit richtig ekelig. Richtig traurig hingegen gehe es oft bei Zwangsversteigerungen zu, wenn eine Familie von jetzt auf gleich das Haus räumen muss. „Die Szenen, die sich da abspielen, die nehmen einen schon mit.“

Der nächste Auftrag kommt per Telefon: „Eine Firma hat alte Alu-Jalousien zum Abholen“, sagt Heinrich Sann. Mitarbeiter Bernd Radzey ist schon unterwegs. Bloß keine Zeit verlieren, lautet die Devise. Und vor allem nichts länger als nötig liegen lassen. Weil: Fast noch schlimmer als die niedrigen Schrott-Preise sei der „Schrott-Klau“. „Die Konkurrenz ist groß. Und die Wilden, von denen 80 Prozent vielleicht nicht einmal einen Gewerbeschein besitzen, erschweren uns ehrlichen Leuten das Geschäft.“ Vor der Nase weg würde man ihm den Schrott stehlen. „Die Kunden bestellen uns, stellen das alte Zeug fein vor die Tür – und wenn wir zum Abholen kommen, ist oftmals nichts mehr da.“ Um 16 Uhr ist Schicht auf dem Schrottplatz – viel zu entladen, zu sortieren und zu stapeln hat es unter dem Strich nicht gegeben. Bretter, Türrahmen, Monitore. „Wieder nichts als Kleinkram – aber morgen ist auch noch ein Tag“, sagt Heinrich Sann.

„Mutter Katharina ist zwar schon 73, aber immer noch der Häuptling“, sagt Schrotthändler Heinrich Sann.

Fotos: amg

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