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Geschichtswerkstatt kritisiert Sapia

"Was hätten die Geschwister Scholl wohl dazu gesagt?"

Auetal (rnk). In einem Offenen Brief hat die Geschichtswerkstatt der Herderschule Bückeburg die Entscheidung von Bürgermeisterin Ursula Sapia, ein Konzert gegen Rechts wegen der Gefahr einer rechten Gegenaktion zu verbieten, kritisiert und zugleich gebeten, die Absage zu überdenken: Man dürfe das Feld nicht den Feinden der Demokratie überlassen, schreiben die Schüler sowie Projektleiter Klaus Maiwald.

Der Brief der Schüler hat folgenden Hintergrund: Am 11. September 2005 hat die Geschichtswerkstatt zusammen mit Ursula Sapia eine Infotafel über Zwangsarbeit auf dem jüdischen Friedhof in Hattendorf eingeweiht. "Wir haben bei dieser Veranstaltung sehr deutlich gemacht, dass diese Tafel auch ein sichtbares Zeichen gegen Rechtsextreme setzt und dass es die Aufgabe aller demokratisch gesinnten Bürgerinnen und Bürger ist, unsere Grundwerte zu verteidigen und sich nicht der rechten Gewalt zu beugen", heißt es in dem Brief. Die Schmierereien und Zerstörungen auf dem jüdischen Friedhof in Hattendorf schon wenige Wochen nach der gemeinsamen Feier hätten verdeutlicht, dass Rechtsextreme weiterhin gewaltbereit seien: "Wir dürfen daraus aber nicht die Konsequenz ziehen, vor den Neonazis in die Knie zu gehen." Die Geschichtswerkstatt, so begründen die Schüler, erforsche schon seit vielen Jahren die NS-Vergangenheit in unserer Heimat: "Das Motto unserer Gruppe bleibt nach wie vor, aktive Erinnerungsarbeit gegen das Vergessen zu leisten. Wir verstehen daher die Ängstlichkeit der Gemeinde Auetal nicht, sich der Einschüchterung von Neonazis zu beugen. Wir haben in den letzten Jahren sehr häufig mit Opfern der Nazidiktatur sprechen können. Diese Menschen haben uns immer wieder versichert, wie froh sie sind, dass heute in der Bundesrepublik offen die Vergangenheit aufgearbeitet wird." Ein russischer Historiker arbeite gerade an seinem neuesten Buch "Gegen das Vergessen - Wie deutsche Schüler das Gedächtnis an die Tragödie sowjetischer Kriegsgefangener und Ostarbeiter bewahren". Der Geschichtswerkstatt sei in diesem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet. Diese Anerkennung sei Ansporn und Motivation zugleich, "uns auch zukünftig für unsere Demokratie einzusetzen und uns gegen alle Formen von Gewalt, Rassismus, Extremismus und Antisemitismus zu wenden." Weiter schreiben die Schüler: "Am kommenden Sonntag sehen wir uns im Bückeburger Rathaussaal das Theaterstück "Die Weiße Rose" an, das die letzten Tage der Geschwister Scholl thematisiert. Hans und Sophie Scholl haben in einer Diktatur Zivilcourage gezeigt, wo ihnen klar war, mit welchen Konsequenzen sie zu rechnen hatten. Dennoch sind beide mutig ihren Weg bis in den Tod gegangen. Wir fragen uns heute angesichts Ihrer Entscheidung, ein Rockkonzert gegen Rechts zu verweigern, was die Geschwister Scholl wohl dazu gesagt hätten. Wenn es noch nicht einmal in einem Rechtsstaat möglich sein soll, sich gegen demokratiefeindliche Gruppierungen zu wehren, ist es in der Tat schlecht um unsere Gesellschaft bestellt. Einen friedlichen Protest gegen Rechtsradikale zu untersagen, bedeutet doch in letzter Konsequenz, das Feld den Feinden der Demokratie zu überlassen. Wollen Sie das wirklich?" Der Brief schließt emotional: "Wir leben in einem freien Land und möchten auch zukünftig frei bleiben. Uns wird daher ganz unbehaglich angesichts der Vorstellung, dass Rechtsextreme entscheiden, welche kulturellen und sonstigen Veranstaltungen stattfinden können."

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