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Warum Sören keine zweite Chance bekam

An „Bruno“ können sich noch viele erinnern. Der Braunbär war von Mitte Mai bis Ende Juni 2006 in Bayerns Wäldern unterwegs, bevor er erlegt wurde. Jetzt hat das Weserbergland seinen eigenen „Bruno: „Sören“, den Elch. Nicht nur Tierschützer stellen sich nach seinem Tod eine Frage: Musste der Jungbulle denn wirklich erschossen werden?

Verschnaufpause im Garten: Es war das erste Mal, das ein Elch au

Von Birte Hansen und Hans Weimann

In den Internetforen der regionalen Medien, die den Fall Sören verfolgt haben, wird Kritik laut. Sörens Ausbruch aus dem Wisentgehege in Springe, so die Meinung einiger, hätte für ihn nicht tödlich enden müssen. Andere stellen infrage, dass die Betreiber des Wisentgeheges die Tiere artgerecht halten. Wieder andere nehmen das dramatische Ereignis vom Samstag zum Anlass für eine verbale Abrechnung mit dem Menschen als solchem, der sich nicht über das Tier als solches zu stellen habe, und möchten am liebsten die gesamte Zoohaltung abgeschafft wissen. Von einigen Kommentatoren aber bekommt Forstamtsdirektor Joachim Menzel, der seit 18 Jahren in diesem Amt tätig ist, für seine Entscheidung auch Rückendeckung.

Menzel (60) bleibt dabei: Ja, er habe das Tier erschießen müssen, sagte er gestern gegenüber der Dewezet. Der Jungbulle war aus dem Gehege, das er sich mit fünf weiteren Elchen (Kühen, Bullen und Kälbern) teilt, ausgebrochen. Über den Grund wird noch immer spekuliert. Als wahrscheinlich gilt „innerartiger Stress“, den es in der Herde gegeben haben müsse, ausgelöst möglicherweise durch eine Elch-Kuh, die ihre Kälber aggressiv verteidigt haben könnte, so Menzels Ausführungen. Eine möglicherweise nicht artgerechte Haltung aber sei keinesfalls ein Stressfaktor, so Menzel weiter – gerade die „große Gehegegröße“ sei das Markenzeichen des Wisentgeheges in Springe. Vier bis fünf Hektar (ein Hektar entspricht der Größe eines Fußballfeldes) stünden den sechs Elchen zur Verfügung, die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) schreibt von drei Hektar. Nach Einschätzung des Deutschen Tierschutzbundes in Bonn entspricht diese Größe nicht den Vorgaben des „Gutachtens zur Haltung von Wild in Gehegen“ vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz entspricht. Danach ist für jedes Tier eine Fläche von 10 000 Quadratmetern, sprich ein Hektar, vorzusehen.

Welche Gefahr tatsächlich von dem flüchtenden Elch Sören für die Bevölkerung ausgegangen ist, ist schwer zu sagen. Aufgrund ihres Körperbaus mit einer Größe von über 2,30 Meter Schulterhöhe und einem Gewicht bis zu 800 Kilogramm können Elche durchaus eine Gefahr für Menschen darstellen, erklärt Marius Tünte vom Deutschen Tierschutzbund. Der Springer Elch Sören wog etwa 500 Kilogramm. Zwar seien Elche von ihrem Wesen her normalerweise sehr friedfertige Tiere, die Konflikten aus dem Weg gehen, charakterisiert Tünte die Tiere, die einst auch in diesen Gefilden beheimatet waren. Elchmütter könnten allerdings zur Verteidigung ihrer Kälber und Bullen in der Brunftzeit sehr angriffslustig sein. „Wenn die Tiere Menschen angreifen, so geht die größte Gefahr von ihren tretenden Hufen aus. Es gibt in Skandinavien und Alaska immer wieder tödliche Zwischenfälle.“ Auch Sören hat nach Menzels Schilderung mit einem Vorderlauf nach einem Mann getreten, der in Eldagsen versucht hatte, den ausgebüxten Elch zu bremsen.

Forstamtsdirektor: Joachim Menzel. Foto: Dana
  • Forstamtsdirektor: Joachim Menzel. Foto: Dana

Sanft gebremst wurde Sören einmal: Eine Tierärztin verpasste dem Elch nach seinem ersten Ausbruch aus dem Gehege und seinem kilometer- und stundenlangen Lauf über Felder zwischen Springe und Völksen, durch Straßen und Gärten in Eldagsen einen Narkoseschuss. Doch auch im Einzelgehege, in das Sören dann gebracht wurde, blieb er nicht. Während sich die Mitarbeiter des Sauparks um eine Elchkuh kümmerten, die ebenfalls aus dem Elchgehege ausgebrochen, aber auf dem Saupark-Gelände geblieben war, haute Sören wieder ab. Hunderte Besucher wurden aus Sicherheitsgründen aufgefordert, den Saupark zu verlassen. Die zweite Bremsung des Jungbullen war nicht mehr sanft, sondern tödlich. Beim ersten Ausbrechen sei Sören noch eher vorsichtig durch die Gegend getrottet, so Menzels Beschreibung, beim zweiten Anlauf sei Sören „richtig schnell“ unterwegs gewesen. „Der hatte Zug! Er überwand einen Zaun nach dem anderen lief auf die Straße zu.“ Menzel habe keine andere Möglichkeit gesehen, den Irrlauf des Elchs zu beenden, außer jener, die Sörens Ende bedeutete. Mit einem der stärksten Jagdgewehre in Deutschland, Kaliber 8 x 68, hat er den Bullen getötet. Dass Sören keine zweite Chance per Narkosepfeil bekam, begründet Menzel damit, dass die Entfernung zu dem Elch zu diesem Zeitpunkt dafür zu groß gewesen sei. Für einen Narkoseschuss müsse man sich dem Tier bis auf unter 30 Meter nähern. Er aber sei 300 Meter von Sören entfernt gewesen. „Die Verantwortung, dass jemandem durch unser Tier etwas passiert, konnte ich nicht übernehmen“, erklärt Menzel seine einsame Entscheidung. „Spaß macht das nicht“, beteuert er, spricht von „Nottötung“ und weist darauf hin, dass der Tod des Elches auch für das Wisentgehege ein großer Verlust sei. 2000 bis 3000 Euro kostet ein Tier. Kritik an Menzels Handeln habe ihm gegenüber noch niemand geübt und „die würde ich auch zurückweisen“, sagt er entschieden. Heute steht ein Gespräch mit Thomas Henning, Leiter des Wisentgeheges an, der zum Zeitpunkt des Elch-Laufs und bis gestern bei einer Tagung in Ungarn war. Gegenüber dieser Zeitung erklärte Henning am Telefon, dass er auf die Entfernung nicht einschätzen könne, ob der Elch übereilt erschossen wurde, aber „möglicherweise hätte es eine andere Lösung gegeben“. Auf der anderen Seite sei ein Elch potenziell gefährlich und „eine andere Liga als ein Rehwild auf der Straße“, so Henning.

Was zu tun ist und wie es so weit kommen konnte, wird jetzt analysiert. Menzel hat einen Bericht vom stellvertretenden Gehegeleiter Heiko Brede angefordert. Dann soll entschieden werden, ob um das Elch-Gehege herum ein Elektrozaun gezogen werden soll, wie es beispielsweise in einem Wildpark in der Lüneburger Heide bei Nindorf-Hanstedt der Fall ist. Der zwei Meter hohe Zaun ohne Strom in Springe hat den verwirrten Sören jedenfalls nicht vom Ausbruch abgehalten. Dass es aber so weit kam, wie es kam, lag nach Menzels Einschätzung bei Sören selbst. „Seit er weg ist, ist wieder Ruhe im Gehege“, sagt Menzel.

Doch Elche beschäftigen die Gehege-Mitarbeiter weiter: Vergangene Woche war eine Kuh tot aufgefunden worden. Woran sie starb, soll die Obduktion klären.

Elch Sören stand offenbar unter Stress, als er am Samstag aus dem Wisentgehege in Springe ausbrach. Dass sein Irrlauf für ihn tödlich endete, ruft auch Kritiker auf den Plan, doch der Forstamtsdirektor steht zu seinem Vorgehen.

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