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Hans-Georg Spangenberger zum Wandel des Lutherbildes in der Kirche

Warum Luther eigentlich katholisch ist

BAD MÜNDER. Im Jubiläumsjahr ist der große Reformator allgegenwärtig. In einem mitunter recht oberflächlichen Luther-Hype wird dabei – wie mit einem millionenfach verkauften Playmobil-Männchen – publikumswirksam an liebgewonnene Legenden und Luther-Kultgegenstände erinnert.

Neue Sichtweisen auf den Reformator stellt Hans-Georg Spangenberger in einem Vortrag vor. Foto: Huppert

Autor

Christoph Huppert Reporter

BAD MÜNDER. Mehr Tiefgang und vor allem neue Sichtweisen auf den Reformator präsentierte jetzt der vor wenigen Monaten in den Ruhestand gegangene Hamelner Pastoralreferent Hans-Georg Spangenberger seinen Zuhörern im Pfarrheim der St. Johannes Baptist Gemeinde. Spangenberger referierte einleitend den Wandel der Luther-Rezeption in der katholischen Kirche: Von den schroffen Beschimpfungen als „amoralischer Alkoholiker“, „Zerstörer der kirchlichen Einheit“ und „Wüterich“ durch den lange Zeit das Lutherbild prägenden Johannes Cochläus (1549) bis zur neuen Sicht im 20. Jahrhundert durch den Luxemburger Historiker Joseph Lortz, der den Reformator 1939 als einen nach „vielen verpassten Gelegenheiten um seines Glaubens Willen aus der katholischen Kirche herausgewachsenen“ Kirchenmann charakterisierte. Die damit eingeleitete Annäherung an Luther ebnete den Weg zur modernen Luthersicht der katholischen Kirche.

„Worin liegt eigentlich heute noch die Spaltung begründet?“, wollte ein Teilnehmer der Vortragsveranstaltung dann auch wissen. Spangenberger: „Nur das Bischofsamt ist noch der springende Punkt!“ So sehe man etwa das Augsburger Bekenntnis von 1530 im katholischen Verständnis heute nicht mehr als „Gründungsdokument einer neuen Kirche“, sondern als ein „katholisches Reformdokument und als Zeichen für die Wahrung der Einheit der Kirche“. Luther, der „absichtslos zum Reformator“ wurde, habe nie die Spaltung der Kirche beabsichtigt, sei vielmehr eingebunden gewesen in eine „gesamteuropäische Reformbewegung“. „Stimmt. Luther gehört nicht den Evangelischen allein“, kommentierte Pastor Dietmar Adler dann auch Spangenbergers Aussagen. „Faktisch haben wir Kircheneinheit“, stellte ein anderer Zuhörer ergänzend fest.

Spürbare Aha-Effekte
bei den Zuhörern

Luther sei zudem kein Sozialreformer gewesen, habe nie gesellschaftlichen Umsturz beabsichtigt, so Spangenberger, dem es eindrucksvoll gelang, die komplexen kirchengeschichtlichen Zusammenhänge auf ein allgemein verständliches Maß zu reduzieren. Sein wiederholtes „Daher kommt das!“ bewirkte ein ums andere Mal einen spürbaren Aha-Effekt bei seinen Zuhörern. Wie bei der Tatsache, dass Luther sich sehr stark auf den Kirchenvater Augustinus und – weniger bekannt – auf die Lehren des Bernhard von Clairvaux gegründet habe.

Sehr erhellend auch Spangenbergers Darstellung der Verknüpfung von Ablasshandel, Frühkapitalismus und klerikalen Versorgungs- und Geschäftsmodellen. So war am Ende klar, dass „Bruder Martin“, der sich als Augustinermönch freilich nie so genannt habe, zeitlebens auf der reformbedürftigen römisch-katholischen Kirche fußte. „Zeit für die auch durch die moderne katholische Lutherforschung nahegelegte Ökumene“, so Spangenberger, der auch Mitglied der Ökumene-Kommission des Bistums Hildesheim ist. „Wir danken Gott, dass es euch gibt“, versicherten sich evangelische und katholische Christen gegenseitig am 11. März bei einem bundesweiten Versöhnungsgottesdienst in St. Michael in Hildesheim. Spangenberger: „Dass wir uns das so sagen können, nach einer konfliktreichen 500-jährigen Geschichte, ist sehr viel.“

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