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Siechenhäuser und Verwahranstalten im Schaumburger Land / Vor 100 Jahren das erste Altenheim

Warten auf einen gnädigen Tod

Ohne Altersheime, im amtlichen Sprachgebrauch „Pflegeheime“ und von den Betreibern gern „Seniorenresidenzen“ genannt, würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Im Schaumburger Land bieten mittlerweile an die 50 Häuser dieser Art ihre Dienste an – Tendenz stark steigend. Die Ursachen sind bekannt: Veränderte soziale Strukturen, neue Formen des Zusammenlebens und steigende Lebenserwartung, um nur einige Schlagworte zu nennen.

Pulsmessen und Urinprobe im Siechenhaus-Hospiz. Abbildung aus de

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Bis vor 50 Jahren hätte sich eine derartige Entwicklung noch keiner vorstellen können. Die Möglichkeit (oder Notwendigkeit), den Lebensabend in neuer Umgebung und unter „seinesgleichen“ zu verbringen, war die absolute Ausnahme. Eltern und Großeltern lebten mit ihren Kindern und Kindeskindern – wie selbstverständlich – unter einem Dach. Die Lösung des generationsübergreifenden Pakts galt als gesellschaftlicher Makel.

Auf dem Lande hielten sich solche Vorstellungen noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Anders war die Entwicklung in den Städten. Mit der Zunahme und Zusammenballung der Bevölkerung geriet auch das soziale Gefüge mehr und mehr aus dem Lot. Als erste wurden die ohne Angehörige „dahinsiechenden“ Krüppel, Idioten und andere geistig und/oder körperlich Behinderten „ausquartiert“. Sie landeten zusammen mit anderen hilflosen und gebrechlichen Leuten bis ins 18. Jahrhundert hinein in sogenannten „Siechenhäusern“. Das waren hospizähnlichen, von wohlhabenden Bürgern und/oder der Obrigkeit gegründete und unterstützte Einrichtungen. Einen erheblichen Teil der Insassen machten – zumindest bis zur Eindämmung der Seuche im 16. Jahrhundert – die zahllosen Lepra-Kranken aus.

Die ersten Siechenquartiere im Schaumburger Land gab es in Stadthagen, Rinteln, (Hessisch) Oldendorf und Rodenberg. Das „St. Johannes-Siechenhaus“ in Stadthagen existierte nachweislich schon um 1350. Ähnlich früh dürften auch die erstmals im 15. und 16. Jahrhundert urkundlich erwähnten „Verwahranstalten“ in den drei anderen Orten gegründet worden sein. Die Unterbringungsverhältnisse müssen – zeitgenössischen Berichten zufolge – katastrophal gewesen sein. Das Dasein der Insassen erschöpfte sich in einem seelenlosen „Vor-sich-hin-vegetieren“ und dem Warten auf einen (hoffentlich) gnädigen Tod.

Standort des ersten heimischen Alten- und Pflegeheims: Der &bdqu
  • Standort des ersten heimischen Alten- und Pflegeheims: Der „Lungershausen’sche Hof“ in Bückeburg, heute Sitz des Hubschraubermuseums.
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Um den „normalen“ Bürgern den Anblick und die Begegnung mit den Insassen zu ersparen, wurden die Häuser außerhalb der Stadtmauern angesiedelt. Zur Ausstattung gehörten neben Vieh und Ackerland auch eine eigene Kapelle und ein eigener Friedhof. Standort des Rintelner Siechenhauses war bis ins 17. Jahrhundert hinein die Gegend vor dem Seetor.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts begann sich die Einstellung gegenüber den Bedürfnissen der außerhalb ihrer Familien untergebrachten Menschen zu ändern. Die erste heimische Altenherberge, in der das neue Denken spürbar wurde, öffnete vor gut 100 Jahren in der damaligen schaumburg-lippischen Residenz- und Landeshauptstadt Bückeburg ihre Pforten. Standort war der „Lungershausen’sche Hof“ – heute viel besser unter der Bezeichnung „Münchhausenhof“ und als Sitz des Hubschraubermuseums bekannt.

Das Anwesen sei „zum Altersheim wie geschaffen“, schwärmte bei der Vorstellung des Projekts die Landes-Zeitung. „Das Haus mit den Linden vor der Haustür und der mit Reben umrankten Front gewähret einen freundlichen Anblick“. Durch hohe Fenster falle das Tageslicht „voll herein“ und der helle Anstrich der Wände, die Palmen und Blattgewächse gäben dem Treppenhauses „etwas sehr Anheimelndes“. Zur Ausstattung gehörten Warm- und Kaltwasser, eine Küche, ein von den Wohnräumen leicht erreichbares Esszimmer sowie „weit über 20, allen hygienischen Anforderungen entsprechende und zum Teil bereits möblierte Zimmer“. Es sei kein Raum vorhanden, „der nicht einen behaglichen Eindruck machte und Licht und Luft in weitgehendem Maße den Zutritt gestattet“.

Nichts zu kritisieren gab es auch – zumindest aus heutiger Sicht – an den Pflege- und Unterbringungskosten. Der Tagessatz lag bei 90 Pfennig. Wer ein eigenes Zimmer beanspruchte, musste 1,30 RM auf den Tisch des Hauses legen.

Einziehen durften „betagte, körperlich oder geistig schwachen Bewohner des Fürstentums Schaumburg-Lippe beiderlei Geschlechts“. Voraussetzung war allerdings, dass sie einen untadeligen Lebenswandel geführt hatten und frei von ansteckenden oder Ekel erregenden Krankheiten waren. Eine weitere Vorgabe war die strikte Beachtung der „hausgesetzlichen Vorschriften“. Dazu gehörte insbesondere die Pflicht, „sich eines ruhigen, bescheidenen und friedlichen Wandels, innerhalb wie außerhalb des Hauses, zu befleißigen“.

Die Idee zur Gründung der Einrichtung war während der Vorbereitung der im Jahre 1907 anstehenden Silberhochzeit des Fürsten Georg und seiner Ehefrau Marie Anna entstanden. Bei der Suche nach einem angemessenen Geschenkbeitrag der Landeskinder reifte der Plan, den Anlass zu einer großherzigen und nicht zuletzt öffentlichkeitswirksamen Geste zu nutzen: Die Landeskinder sollten 50 Tausend RM aus dem Steuersäckel zahlen, Georg die gleiche Summe drauflegen und die Gesamtsumme einer sozialen Stiftung zugutekommen. Man entschied sich für eine – nach damaligen Maßstäben – hochmoderne Pflegeeinrichtung.

Trotz des attraktiven Angebots hielt sich Nachfrage in Grenzen. Bis Ende des Ersten Weltkrieges, also während der ersten zehn Jahre, waren selten mehr als ein Dutzend Leute in dem von Grund auf erneuerten Gebäudekomplex untergebracht. Die Folge: Das Haus war und blieb – auch unter der anschließenden Regie des Freistaates und später des Landkreises Schaumburg-Lippe – ein Zuschussgeschäft. Eine Neuausrichtung auf die sich nach 1945 verändernden Anforderungen lohnte nicht mehr. In Bückeburg und andernorts wurde – meist unter der Trägerschaft von Kirchen und Kommunen – der Bau neuer, modernerer Pflegeeinrichtungen in Angriff genommen. Da traf es sich gut, dass sich eine Initiative zur Gründung eines Hubschrauber-Museums für das Haus interessierte. Mitte der 1960er Jahre war endgültig Schluss.

So oder so ähnlich muss man sich das Leben und Treiben in einem mittelalterlichen Siechenhaus vorstellen.

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