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Selbst die Sackgassen werden freigeräumt: Bei Nacht und Schneetreiben im Räumfahrzeug unterwegs in Rinteln

Warten auf Daisy: „Was soll’s, mir gefällt’s!“

Samstagmorgen, halb sechs in Rinteln: Heino Stemme ist hellwach. Er ist Mitglied des „Wintertrupps“ des städtischen Bauhofs und so früh unterwegs, weil er Rintelns Straßen von dem Schnee befreit, den Sturmtief „Daisy“ bringt. Unsere Zeitung hat ihn auf seiner morgendlichen Fahrt begleitet – und herausgefunden, dass frühes Aufstehen und Schneeschieben auch großen Spaß machen können.

Ein Anwohner muss frühmorgens sein Auto umparken – das Räu

Autor:

Cornelia Kurth

Schneesturm „Daisy“ war angekündigt für die Nacht von Freitag auf Samstag, Unwetterwarnungen drohten bis zu 20 Zentimeter Neuschnee mit hohen Schneewehen an und ich konnte nicht schlafen, weil ich einen Telefonanruf erwartete, die Aufforderung nämlich, am frühen Morgen in das Räumungsfahrzeug von Heino Stemme (46) einzusteigen, der zusammen mit anderen Kollegen des Bauhofs die Stadt vor dem Chaos retten würde.

Doch dann, als es halb sechs so weit ist, hatte es nur ganz harmlos geschneit, drei Zentimeter vielleicht, allerhöchstens fünf. Alles sieht so still und friedlich aus, als ich zum Treffpunkt am Brückentor wandere, wo Heino Stemme bereits in seinem orangefarbenen LKW wartet und darüber lacht, wie ich mich abmühe, auf den hohen Beifahrersitz zu klettern.

Seit vier Wochen haben er und seine Kollegen vom Rintelner Bauhof ununterbrochen Bereitschaftsdienst – „freiwillig, ich mach das gern!“ – höchst ausgeschlafen sitzt er hinterm Steuer in der warmen Kabine und als ich frage: „Lohnt sich das denn überhaupt, die Schneeschieberei?“, da meint er: „Klar! Selbst leichter Wind verweht den trockenen Schnee. Wenn man da einen Tag nicht räumt, ist schnell kein Durchkommen mehr.“

„Da sieht man wirklich, was man schafft“, sagt Heino
  • „Da sieht man wirklich, was man schafft“, sagt Heino Stemme, dem das nächtliche Schneeschieben Spaß macht. Zwischen vier und sechs Stunden dauert eine Räumfahrt – wenn ein Kollege ausfällt auch länger. Hier räumt Kollege Matthias Koepke den Stormweg in der Nordstadt frei. Fotos: tol

Wir fahren los, Richtung Doktorsee, in die Dunkelheit. In den ersten Minuten merke ich gar nicht, dass die Räumarbeit schon begonnen hat, so ruhig rollt der LKW über die Straße, während die Schneeflocken uns im Scheinwerferlicht entgegen treiben. Ich hatte mir irgendwie vorgestellt, dass der Schnee in hohem Bogen rechts und links vom Wagen beiseite stiebt, doch davon ist nichts zu sehen. „Guck mal aus dem Seitenfenster“, sagt Heino. Ah, tatsächlich, die große Schiebeschaufel, am Steuerpult schräg zum Straßenrand hin eingestellt, schaufelt ganze Schneewogen zur Seite, wie ein Schiff, das Wellen erzeugt. Man könnte stundenlang hingucken, als stünde man an Bord und sähe ins Wasser hinunter.

Schon wieder lacht Heino. „Ich war ja wirklich mal bei der Marine“, sagt er. „Damals, in Wilhelmshaven, lange her, Bundeswehrzeit.“ Der gelernte Maurer arbeitete später als Betriebsmaurer bei der Glasfabrik Stoevesandt, bevor er vor 15 Jahren die in seinen Augen sicherere Stelle im städtischen Bauhof annahm. Im Sommer schneidet er Hecken und Bäume, fährt den Baumschnitt ab und schreddert das Material, damit es kompostiert werden kann. Seit zehn Jahren gehört er zum Wintertrupp des Bauhofs, streut Salz und Splitt und schiebt den Schnee auf den innerstädtischen Straßen.

„Na ja, mit richtig viel Schnee hatte ich bisher kaum was zu tun“, sagt er. „Das hier ist mein erster Schneewinter. Bei diesem Wetter bringt es nicht viel, Splitt zu streuen, der ist gleich wieder unterm Schnee verschwunden. Und Salz, das macht die Straßen nur matschig, bevor dann alles wieder gefriert.“ Gut gelaunt steuert er seinen riesigen Wagen über die Umgehungsstraße und schließlich ins Industriegebiet Süd. „Mir macht das Spaß mit dem Schnee!“, meint er und guckt durch den Rückspiegel auf die hinter uns freigeräumte Straße. „Da sieht man wirklich, was man schafft!“

Man sieht es, ja. Denn dort, wo der Wind zupacken kann, entstehen im Handumdrehen Schneewehen, die bis zu 15 Zentimeter hoch sind. Für den Allradantrieb des Räumungswagen sind sie kein Problem, aber normale Autos könnten da echte Schwierigkeiten bekommen. Apropos: Autos. „Schreib mal in deiner Reportage, dass die Leute ihre Autos nicht mitten auf der Straße parken sollen! Die machen uns die meiste Mühe!“

In den Wohnstraßen der Südstadt ist manchmal kaum ein Durchkommen für das mächtige Räumauto, weil Anwohner einen Parkplatz nicht erst freischaufelten, bevor sie ihren Wagen dort abstellten, sondern das Auto einen halben Meter vom Bordstein entfernt parkten. Heino umschifft die Hindernisse mit Bravour, fast ohne abzubremsen, aber vor und hinter den parkenden Autos muss der Schnee liegen bleiben. Immerhin, die nachlässigen Fahrer kommen ohne Schneeschaufelei gewiss nicht mehr aus ihrer Parklücke raus.

Die meisten Bürger begrüßen die Räumfahrzeuge und wissen es sehr zu schätzen, dass sie selbst in kleinen Nebenstraßen nicht einschneien müssen. Selbst die meisten Sackgassen werden freigeräumt, auch wenn das umständliche Wendemanöver und schwieriges Rückwärtsfahren bedeutet. In Heinos Fahrerkabine liegen ein paar Flaschen Glühwein und Süßigkeiten herum, Geschenke von Leuten, die den Wagen anhielten, um dem Fahrer was Gutes zu tun.

Als es auf unserer morgendlichen Fahrt langsam heller wird und erste Anwohner den Schnee vor ihren Haustüren wegschippen, sieht man allerdings auch so manches grummelige Gesicht. Da hat jemand gerade den Bürgersteig hübsch gefegt, da kommt Heino vorbei und schiebt neuen Schnee über die Straßenrandhügel, von dem ein Teil dann auf dem Bürgersteig landet. „Herrjeh“, sagt er. „Das lässt sich nun mal nicht ändern. Wenn die Leute ihren Schnee nicht auf die Straße schippen würden, sondern – so soll es nämlich sein – auf das eigene Grundstück, dann gäbe es auch weniger Ärger. So bekommen sie ihren Schnee von mir zurück.“

Unermüdlich fährt er die Straßen ab, hin und wieder zurück und manchmal sogar nochmal hin, weil sonst nicht aller Schnee mitgenommen wird. Mir kommt es vor, als hätten wir eine ziemlich hohe Geschwindigkeit drauf, zumal die Schneeflocken dichter fallen und eindrucksvoll rechts und links vor der großen Autoscheibe davonsausen. Ein Blick auf den Tacho zeigt aber, dass wir niemals mit mehr als 40 Kilometern pro Stunde unterwegs sind, meisten mit kaum mehr als 30 Kilometern pro Stunde. „Geduld muss man schon haben“, sagt Heino. Vier bis sechs Stunden dauern seine Runden und heute wird es sicher lange gehen, da er noch nach Engern fahren muss, einer der fünf Landwirte, die für den Bauhof mit ihren Treckern als Schneeräumer einspringen, ist erkrankt.

Manchmal begegnen wir Heinos Kollegen, die teils in einem der drei großen Bauhof-LKW sitzen, manchmal auch in den kleinen Räumungsfahrzeugen, die für die Gassen der Innenstadt zuständig sind. Auch die Müllleute werden für den Winterdienst eingesetzt, sie streuen Sand und Salz, räumen unwegsame Stellen frei und müssen sich manchmal Kritik gefallen lassen, weil sie es wegen dieser zusätzlichen Arbeiten nicht immer schaffen, alle Mülltonnen zu leeren.

Heute, am Samstagmorgen aber, ist so wenig los in der Stadt und auf der Umgehungsstraße, dass es auch kaum Reibungspunkte gibt. Nur mal wieder eine Frau, die böse unter ihrem tief ins Gesicht heruntergezogenen Hut hervorblickt, weil Heino ihr etwas zusätzlichen Schnee zum Schippen heranschieben muss. Aus dem Autoradio dudelt Popmusik und ab und zu die Verkehrs- und Wetternachrichten. Das angekündigte Sturmtief „Daisy“ lässt noch auf sich warten, so ist es zu hören, wobei die Stimme der Ansagerin fast ein wenig enttäuscht klingt. „Mir soll’s recht sein“, sagt Heino. „Dann fahr ich eben heute Mittag noch eine Runde. Mir gefällt’s!“

Nach zweieinhalb Stunden Schneeschieberei, die wie im Flug vergehen, macht sich bei mir jetzt die schlaflose Nacht bemerkbar. Bevor Heinos Fahrt weitergeht, steige ich die steilen Stufen des Räumungswagens herunter. „Bis zum nächsten Winter!“, ruft er mir hinterher. Gerne. Das alles hat auch ohne „Daisy“ großen Spaß gemacht.

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