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Wangelist – ein starkes Stück Hameln

Dass der Name Wangelist – er soll von dem Schutzheiligen der Kirche St. Johannes Evangelista stammen – nicht ganz verschwunden ist, soll dem frommen Sinn unserer Vorfahren zu verdanken sein. Wie in ganz Deutschland, so war auch Hameln im Mittelalter „von der furchtbaren Plage des Aussatzes (so wurde die Lepra genannt) heimgesucht, „die in der Zeit der Kreuzzüge aus dem Morgenlande eingeschleppt worden war“. Die Erkrankten durften wegen der großen Ansteckungsgefahr nicht in der Stadt bleiben. Draußen im Felde bei Wangelist wohnten sie in elenden Hütten – bis sie der Tod von ihren Leiden erlöste. „Konnte man ihrem Leibe nicht helfen, so ließ der Glaube aber ihre Seele nicht unversorgt“, schreibt die Dewezet am 22. Januar 1960.

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Autor:

Ulrich Behmann

Dass der Name Wangelist – er soll von dem Schutzheiligen der Kirche St. Johannes Evangelista stammen – nicht ganz verschwunden ist, soll dem frommen Sinn unserer Vorfahren zu verdanken sein. Wie in ganz Deutschland, so war auch Hameln im Mittelalter „von der furchtbaren Plage des Aussatzes (so wurde die Lepra genannt) heimgesucht, „die in der Zeit der Kreuzzüge aus dem Morgenlande eingeschleppt worden war“. Die Erkrankten durften wegen der großen Ansteckungsgefahr nicht in der Stadt bleiben. Draußen im Felde bei Wangelist wohnten sie in elenden Hütten – bis sie der Tod von ihren Leiden erlöste. „Konnte man ihrem Leibe nicht helfen, so ließ der Glaube aber ihre Seele nicht unversorgt“, schreibt die Dewezet am 22. Januar 1960. 1469 wurde eine kleine Kapelle für die sogenannten Sondersiechen, die Aussätzigen, erbaut. Johannes Kreyenberg, Pfarrer von Aerzen, stiftete seinerzeit eine bedeutende Summe, aber auch das Bäcker- und Schusteramt in Hameln beteiligte sich, so dass den Innungen das Provisorienamt über das Kirchlein und das in Wangelist gegründete Leprosorium (Aussätzigenhaus) übertragen wurde. Die St.-Annen-Kapelle, die gibt es noch heute. Sie steht an der Bundesstraße 1. In ihrem Inneren birgt sie Kunstschätze ungeahnten Ausmaßes. Das dreiteilige Altarbild stammt aus der Schule des Konrad von Soest und ist um 1450 geschaffen worden. Es ist also älter als das Gotteshaus selbst. Gedacht als „Bibel für einfache Leute“, die zur damaligen Zeit ja nicht lesen konnten, soll das Bild der sterbenden Maria Trost spenden, denn ihre Seele steigt in Form einer Puppe zu Jesus und Gottvater auf. Grausam hingegen sind die Folterszenen. Der Heilige Veit wird mit kochendem Öl übergossen, die Heilige Katharina soll gerädert werden. Genug der Geschichte.

Wangelist ist längst kein Ort für Aussätzige mehr, Wangelist ist wieder auferstanden. Vor allem im vergangenen Jahrhundert wurde „das schöne Fleckchen Erde zwischen Klüt und Humme“ wiederbesiedelt. 59 Prozent der Wohnhäuser sind zwischen 1900 und 1945 gebaut worden. Die Siedlergemeinschaft Hameln-Wangelist ist einer von fünf Vereinen. Sie hält die Tradition hoch, erinnert an schwere Zeiten – und an ein einmaliges Projekt aus dem Jahre 1932. Damals herrschten Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit. Die Stadt reagierte darauf mit einem außergewöhnlichen Wohnungsbauprogramm. Sie plante den Bau von 38 kleinen Doppelhäusern und stellte an der Lager Bahn, im Berkeler Feld und am Riepenbach Bauland zur Verfügung. Per Zeitungsanzeige wurden seinerzeit Interessenten gesucht, die bereit waren, sich mit 120 Tagwerken am Bau der Häuser zu beteiligen. Die Siedler mussten arm und kinderreich sein. Mit 76 Familienvätern schloss die Stadt schließlich Verträge. Fließend Wasser gab’s nicht, in jedem Garten stand ein Plumpsklo. Aber immerhin: „Die Neu-Wangelister hatten ein Dach über dem Kopf“, sagt Klaus Lamprecht (68), seit vielen Jahren Chef des Siedlerbundes. Heinz Droit (83) kennt noch die alten Zeiten. „Wir sind damals als Kinder mit Rollschuhen auf der heutigen B 1 bis nach Aerzen gefahren.“ In den 20er Jahren, erinnert sich Senior Droit, da gab es in Wangelist vielleicht 30 Häuser. „Schön war die Zeit.“ Heute leben 3275 Einwohner „hinter dem Berg“, wie viele schmunzelnd sagen. Stolz sei er auf die Leistung seiner Eltern, sagt der Rentner. Die wohl älteste Einwohnerin von Alt-Wangelist ist 94 Jahre alt und wohnt noch in dem von ihrem Schwiegervater gebauten Reihenhaus. „Es war damals sehr beengt. Sieben Leute lebten auf 52 Quadratmetern“, sagt Ilse Plutte. „Aber ich habe mich hier immer wohlgefühlt.“

„Wangelist hat was“, sagt Lamprecht. „Im Prinzip brauchen wir die Stadt nicht. Wir haben alles in der Nähe, was wir brauchen – das Gewerbegebiet Böcklerstraße mit Marktkauf und Media Markt, den Multimarkt und Wäl- der.“ Spazieren gehen in der Natur, im Riepen und am Fluss, das lieben die Wangelister, das schätzen sie an ihrem Stadtteil. Eine aktuelle Telefonumfrage der Dewezet-Vertriebsabteilung zeigt das ganz deutlich.

Herbert Wurzer hebt hervor, dass sich Migranten in Wangelist gut integriert hätten. Der Stadtteil sei „sehr liebenswert und schön. Findet Hermann Schmidtchen auch – wenn nur nicht der Verkehr auf der B 1 so stark zugenommen hätte. 27 200 Auto fahren innerhalb von 24 Stunden über die Wangelister Straße (Stand 2008). Nur auf zwei Hamelner Straßen rollt noch mehr Verkehr. Wenn’s noch schlimmer wird, will Schmidtchen, der 1968 aus dem Lippischen nach Wangelist zog, überlegen, ob er wegzieht. Der Verkehrslärm bringt viele Wangelister auf die Palme. Gegen Maut-Flüchtlinge und Raser müsse mehr unternommen werden. „Warum“, fragen Monika und Gerhard Wolter, „hat die Stadt kein Interesse daran, eine stationäre Blitzanlage aufzustellen?“ Könne die Verwaltung auf diese Einnahmen verzichten? Kritik wird auch am neuen Geländer auf der Stützmauer an der Wangelister Straße geübt. „Da hätte das Straßenbauamt lieber eine Lärmschutzwand hinstellen sollen.“ Überhaupt wird mehr Lärmschutz gefordert.

Knatsch gibt es am Senator-Urbaniak-Weg. Dort hat sich ein Nachbar des Vereinsheims „Grüne Gurke“ über Verkehr und Lärm beschwert. Die Stadt hat das Befahren des Weges daraufhin untersagt. „Nun müssen Alte und Gebrechliche zu Fuß gehen, und schwere Waren wie Getränkekisten und Bierfässer viele Meter weit zum inoffiziellen Dorfgemeinschaftshaus geschleppt werden. Unzumutbar sei das, meinen die Kleingärtner. „Hier wird das Einzelwohl über das Gemeinwohl gestellt“, vermutet Holger Strauß, signalisiert aber Kompromissbereitschaft.

Große Probleme scheint es an der Nordmannstraße zu geben. Von Baulärm und Staub berichtet Bärbel Schuppe. Zahlreiche Nato-Häuser seien auf dem ehemaligen Wertheim-Gelände hochgezogen worden. Gute Nachbarschaft könne sich nicht entwickeln, weil die Soldaten-Familien häufig umzögen. Auch Erika Tacke, die seit 34 Jahren an der Wertheimer Straße wohnt, fühlt sich dort nicht mehr wohl: Die Anwohner seien darüber im Unklaren gelassen worden, inwieweit ihre Gesundheit durch belasteten Bodenaushub gelitten habe, sagt sie.

„Wangelist“, meint Klaus Lamprecht, „ist reich an Geschichte und wunderschön. Probleme lassen sich lösen. Man muss es nur wollen.“

Wer hätte das gedacht? Wangelist, der grüne Vorort von Hameln, ist wohl an die tausend Jahre alt. Erste Siedlungsspuren reichen bis in die Zeit der Frankenkönige zurück. Ende des 15. Jahrhunderts ist das Dorf „wüst“ geworden. Die Bewohner zogen es damals wohl vor, innerhalb von sicheren Stadtmauern zu wohnen.

Autor: Ulrich Behmann, Telefon: 05151/200413,

E-Mail: u.behmann@dewezet.de

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