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Vortrag in Flegessen: Die Rückkehr von Wolf und Luchs

FLEGESSEN. In naher Zukunft werden auch Wölfe die Wälder des Süntels und Deisters wieder besiedeln – davon ist Dr. Egbert Strauß überzeugt. Der Wissenschaftler vom Wildtierinstitut Hannover war jetzt zu Gast im Hofcafé in Flegessen – und räumte mit allerlei Klischees und Vorurteilen auf.

Großes Interesse an Wolf und Luchs: Wildbiologe Dr. Egbert Strauß referiert im Hofcafé über die Rückkehr der Jäger. Foto: Honig

Autor

Gerhard Honig Reporter

Einzelne Exemplare seien bereits in der jüngsten Vergangenheit festgestellt worden, so Strauß in der Wanderscheune des Cafés. Man könne davon ausgehen, dass sich ein Wolfsrudel in der Region bilden werde. „Die Annahme, dass der Wolf menschenleere Landschaften als Lebensraum braucht, hat sich nicht bestätigt“, erklärte Strauß. Je besser die Nahrungsgrundlage mit Reh-, Rot- und Schwarzwild sei, umso kleiner könne das Streifgebiet des Raubtiers in der Kulturlandschaft sein.

Der Wissenschaftler von der Tierärztlichen Hochschule Hannover betreut die Wildtiererfassung bei der Landesjägerschaft Niedersachsen. In Flegessen räumte er ein, dass die Biologen überrascht waren von der rasanten Entwicklung der Population der aus dem Baltikum stammenden, über Polen und Sachsen nach Niedersachsen wieder eingewanderten Raubtiere: „Das hätten wir nie für möglich gehalten.“ Dass der Wolf ohne große Scheu in der Nähe von Siedlungen auftrete, resultiere aus den aktuell guten Erfahrungen des Wolfs mit seinem einstigen „Todfeind“. Bis ins 20. Jahrhundert wurde der Wolf scharf verfolgt, 1904 wurde der letzte Wolf in Deutschland getötet. 1980 wurde das Tier national unter Schutz gestellt, seit 1990 kann der Wolf wieder ungehindert gen Westen ziehen. Nach Schätzungen vom Frühjahr 2017 leben in den 11 niedersächsischen Wolfsterritorien mehr als 100 Tiere. Die jährlichen Zuwächse lägen bei 30 Prozent. Im Vorjahr wurden bereits 44 Wolfsjunge registriert.

Auf die Frage, ob vom Wolf Gefahr für den Menschen ausginge, konnte Strauß beruhigen: „Ein erwachsener Mensch gehört sicher nicht zu seinem Beutespektrum.“ Dennoch solle man dem Tier mit Respekt begegnen. Ursachen für neun Übergriffe auf den Menschen in den letzten 50 Jahren seien Tollwut, Anfüttern oder Provokationen bei in die Enge getriebenen Wölfen gewesen. Die Rückkehr der großen Beutegreifer – für Strauß ist es kein wildbiologisches Problem, sondern ein soziologisches, die Wahrnehmung des Tieres sei also abhängig von der Toleranz der Menschen.

Dabei ist der Wolf längst nicht der einzige Jäger in den Wäldern. Als zweites Großraubtier ist inzwischen auch der Luchs wieder in Deutschland beheimatet. Das gelang allerdings nicht ohne Hilfe: Die gefleckte elegante Großkatze, wurde von 2000 bis 2006 im Harz ausgewildert, an ihre neuen Lebensräume gewöhnt. Mit Erfolg, wie Strauß erklärte.

Nach intensiver Jagd galt der Luchs in Deutschland seit 1918 als ausgerottet – nach damaligem Verständnis ein Nahrungskonkurrent und Schädling – „erfolgreich bekämpft“ worden. Doch jetzt ist die Großkatze auf Samtpfoten dabei, wieder neue Reviere zu besiedeln. Ähnlich wie der Wolf kann der Luchs lange Strecken zurücklegen. Das Konfliktpotenzial sei allerdings geringer, da der Luchs sich vom Menschen weit zurückzieht, nachtaktiv ist und als Einzelgänger laut Strauß weitgehend unsichtbar bleibt. Übergriffe auf Menschen und Haustiere seien zwar unwahrscheinlich, aber nicht ganz auszuschließen.

Lediglich Ziegen und Schafe in offener Haltung seien gefährdet, was auch für freilaufende Hunde zutreffe, die der Luchs als Beutetiere ansehe und töten würde. Schäden durch gerissene Haustiere und Rehe würden durch das Umweltministerium entschädigt, wobei sich bis 2015 lediglich 13.000 Euro aufsummiert hätten. Einer Wildart würde der Luchs allerdings erheblich zusetzen, nämlich dem Mufflon. Dieses Wildschaf, das ursprünglich aus Korsika und Sardinien stammt und in Deutschland vor gut 100 Jahren ausgesetzt wurde, habe keine Abwehrstrategien gegen die Großkatze entwickelt.

In Revieren im Ostharz lebten inzwischen nur noch Restbestände des Muffelwildes. Im Landkreis Hameln-Pyrmont würden regelmäßig vereinzelte Luchse festgestellt, die Tiere seien auf der Suche nach neuen Lebensräumen. Während Strauß die geschätzte Anzahl der Luchse im Harz und seinem Umland mit 80 bis 120 angibt, hält er deren Etablierung im Süntel und Deister für wahrscheinlich. Der Süntel könne das Territorium für drei bis vier Luchse sein, schätzt Strauß.

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