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Was Friedrich JakobEhrhart und Jan van Geuns auf ihrer ausgedehntenWanderung 1789 erlebten

Von Elbrinxen über Driburg nach Hannover

Von Christian Meyer-Herrmann
Der Botaniker Friedrich Ehrhart, der in Diensten des Churfürsten von Hannover stand und dessen Aufgabe es war, die Pflanzenwelt der näheren und weiteren Region zu erforschen und zu erfassen, nutzte im August 1789 die Gelegenheit, seinem jungen Freund Jan van Geuns, die Besonderheiten der Pflanzenwelt bei einer ausgedehnten Wanderung zu zeigen.
Den jungen Magister Jan van Geuns hatte Ehrhart vor Jahren in Holland, als er dessen Vater einen bekannten Medizinprofessor und Naturkundler besuchte, kennengelernt.

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Von Christian Meyer-Herrmann

Der Botaniker Friedrich Ehrhart, der in Diensten des Churfürsten von Hannover stand und dessen Aufgabe es war, die Pflanzenwelt der näheren und weiteren Region zu erforschen und zu erfassen, nutzte im August 1789 die Gelegenheit, seinem jungen Freund Jan van Geuns, die Besonderheiten der Pflanzenwelt bei einer ausgedehnten Wanderung zu zeigen.

Den jungen Magister Jan van Geuns hatte Ehrhart vor Jahren in Holland, als er dessen Vater einen bekannten Medizinprofessor und Naturkundler besuchte, kennengelernt. Jan van Geuns war gerade mit erst 22 Jahren zum Dr. Phil. an der Universität Leiden promoviert worden, und weil er noch im selben Jahr an der eher „aufgeklärten“ Universität Göttingen bei den weithin bekannten Professoren Friedrich Blumenbach und Georg Christoph Lichtenberg weiter studieren wollte, traf es sich gut, mit Ehrhart die Studienpause im August für eine naturwissenschaftliche Wanderung zu nutzen.

Friedrich J. Ehrhart (1742-1795)
  • Friedrich J. Ehrhart (1742-1795)
Schloss und Schlossgraben in Coppenbrügge.  Stich nach H. und L.
  • Schloss und Schlossgraben in Coppenbrügge. Stich nach H. und L. Vogell, um 1800.

Zwei Tage waren die beiden schon unterwegs und hatten Elbrinxen erreicht, wo sie endlich nach einer gewaltigen Tageswanderung Nachtquartier nahmen. Auf der „Haustenne oder Diele“ in einem der beiden Gasthäuser erhielten sie ihr Nachtlager. Ehrhart schreibt dazu: „Hier hatten wir nun zwar frische Luft, und an Raum fehlte es auch nicht; wir hatten aber dafür andere Incommoditäten. Erstlich war unser sogenanntes Bette dicht bei der Krippe, wo die ganze Nacht hindurch die Kühe uns die Ohren vollbrüllten. Zweitens hatten die Tennenthore zu viele Öffnungen. Es war also ein gewaltiger Windzug, und wir froren. Drittens waren in unserem Bette allzu viel von jenen kleinen Dingerchen, die der schwedische Salomo ,Pulex iritans´ heißt. Und viertens kamen die Bauern die ganze Nacht hindurch und holten Branntwein. Kaum war ein altes Weib mit einer Kanne abmarschiert, so pochte schon wieder ein anderes an und wollte auch so viel haben.“

Trotz der kaum erholsamen Nachtruhe rüsteten sich die beiden schon im ersten Morgengrauen zum Weitermarsch. Ihr nächstes Ziel war Schwalenberg mit dem „halb verfallenen Schloss, welches eine schöne Lage hat und ehedem Residenz eines Grafen war“, so beschreibt es Ehrhart und weiter: „Was heute aber bloß von ein paar Weibsleuten und einigen Ziegen bewohnt wird“.

Mit einer kurzen Rast und einem zweiten Frühstück wurde es also nichts. Erst nach einem weiteren Marsch von ca. 3 km erreichten sie Kariensiek, das auf dem Wege nach Nieheim liegt. Hier bekamen die Wanderer einige Schüttelbirnen und Wasser, allerdings keine Milch. Wie schon zuvor, freute sich Ehrhart auch an diesem kleinen Ort über die vielen Obstbäume, die die Bauern angepflanzt hatten. Nach kurzer Pause erreichten sie nun das Gebiet des Hochstiftes Paderborn, so manches Kreuz am Wegesrand mit mahnenden Sprüchen begleitete sie nun bis zu ihrem Ziel. Einmal noch hatten die Männer einen Berg zu ersteigen, dann „sahen wir ein schönes Thal vor uns, in welchem Driburg nebst seinem Brunnen lag“. Am Trinkbrunnen unter einem geschmackvollen Pavillon machten sie halt. Das Kochen und Brausen des Wassers hörten sie schon von draußen; drinnen prickelte ihnen alsbald die „Luftsäure“ in die Nase. „Der Geschmack des Wassers“, konstatiert Ehrhart, „ist piquant, säuerlich und stark martialisch... und ich müsste mich sehr irren, wenn der Driburger Brunnen, wo nicht eben so stark, doch gewiß kaum merklich schwächer als der Pyrmonter ist.“

Auch was die beiden Gelehrten an diesem Tage noch zu sehen bekamen, fand ihren Beifall. So lobten sie ausdrücklich die Anstalten zum Baden. Es seien die besten, die sie jemals gesehen haben und machten dem Besitzer der Brunnenanlagen alle Ehre. Bei diesem handelte es sich um den Oberjägermeister Caspar von Sierstorff (1750-1842), den sie tags darauf kennenlernten. Von Sierstorff war damals eine hoch angesehene Persönlichkeit mit vielseitigen geistigen Interessen und außerdem auch noch ein Natur- und Kunstfreund. Mit Sierstorff fanden die beiden Wanderer einen gefälligen und kundigen Führer durch die neu geschaffenen Anlagen sowie die nähere Umgebung.

So kletterten sie zur Iburg hinauf, interessierten sich natürlich besonders für die verschiedenen mineralischen Quellen im Driburger Umfeld, die bereits der Hamelner Apotheker Westrumb beschrieben hatte. Obwohl sie schon ausgiebige Ausflüge hinter sich hatten, scheuten sie die mühseligen Berg- und Talwege nicht, um die zum Teil kräftigen Schwefel- und Sauerbrunnen zu prüfen. Ehrhart bemerkt dazu sehr treffend: „Wäre es nicht in einem Lande, das dergleichen Brunnen so viele hat, so würde man mehr davon machen.“ Doch auch die Botaniker-Herzen der beiden Gelehrten kamen nicht zu kurz, denn hier im Driburger Land fanden sie zu ihrer großen Freude eine äußerst seltene Orchideenart. „Eine mir äußerst angenehme Pflanze, die ich vorher noch nie anders als in Herbariis gesehen habe.“

Am anderen Morgen traten die beiden den Rückweg diesmal über Pömbsen an. Denn „links“ vor Pömbsen gab es noch vier Mineralquellen, die Ehrhart für brauchbar hielt. Und wie wir heute wissen, hatte er recht, denn nach ersten Anfängen 1924 wurden diese durch die Barmer Ersatzkasse mit stattlichen Anlagen für die Kur- und Erholungsbedürftigen nutzbar gemacht; Bad Hermannsborn entstand!

Am Abend erreichten unsere Wanderer Pömbsen und „sahen noch die Baurenmädchen, sie kamen vom Melken und trugen die Eimer auf dem Kopfe, ohne einmal daran zu denken, dass solche herunter fallen könnten. Sie sangen lustige Lieder von der Cryptogamie ihrer Geistlichen“. So beschreibt es der Botaniker Ehrhart in seinem Bericht von diesem Tage, dem 16. August. Nachtquartier nahmen sie in Nieheim in der Rathausgaststätte. Ihr Logis entsprach dort allerdings nicht einmal den damals doch recht bescheidenen Vorstellungen einer Schlafgelegenheit. Eine halb unterirdisch gelegene feuchte Stube wurde ihnen geboten, als Mahlzeit servierte man ihnen faule Eier.

Am nächsten Morgen wollten die Gelehrten noch weitere Brunnen aufsuchen und noch eifrig botanisieren, dennoch aber bis zum Abend die 40 Kilometer bis zu ihrem nächsten Ziel Groß Berkel zurücklegen. Doch nach der überwiegend durchwachten Nacht in Nieheim und geplagten Mägen war die Lust gering und nur, was gerade am Wege stand, wurde registriert. Einen kurzen Blick in die Glashütte am Nordhang des Schwalenberger Forstes gönnten sie sich dann doch, um zu erleben, wie dort die Brunnenbouteillen hergestellt wurden.

In Lügde angekommen, gab es eine Mahlzeit nach ihrem Geschmack. Ohne lange Pause eilten unsere Wanderer weiter, sogar auf den Besuch der damals noch drei Erdfälle bei Pyrmont verzichteten sie. Ehrhart nannte die Erdfälle das „große, mittlere und kleine Meer“. Es war kein guter Tag für die wackeren Herren, denn zu allem Übel zog auch noch ein schweres Gewitter auf. Doch dank zügigem Marsch erreichten sie noch trockenen Fußes Groß Berkel, wo sie beim „guten Wirt dicht an der Straße“ eine erholsame Nacht verbrachten.

Am nächsten Morgen treten sie gut ausgeruht den letzten Tag ihres langen Fußmarsches an. Schon bald erblicken sie die Türme von Hameln, wo sie dem Apotheker Westrumb einen Besuch abstatten und seine Sammlungen im Hochzeitshaus begutachten.

Über Hasperde und Hohnsen gelangten sie in die Zollenklave des Grafen Spiegelberg, die seinerzeit noch dem Erbstatthalter von Holland zugeordnet war mit dem Hauptort Coppenbrügge. Hier – „ungefähr einhundert Häuser“ – traf Mijnheer van Geuns seinen Bruder. Zu dritt wanderten sie weiter vorbei am Schwefelbrunnen am Hange des Oberberges südlich von Coppenbrügge, machten noch einmal Rast beim Amtmann Wedemeyer in Eldagsen. „Wir hatten das Vergnügen, seinen schönen Garten zu sehen und uns an den darin befindlichen Pflanzen zu ergetzen“, schreibt Ehrhart in sein Tagebuch. Flott eilten sie weiter, und als sie schließlich in Hannover ankamen, war es stockfinster. Ehrhart begleitete seine Begleiter noch in deren Logis. „Ich sagte ihnen gute Nacht, ging dann die schöne Herrenhäuser Allee hinauf und traf meine auf mich wartende Gehülfin gesund und wohl zu Hause an“. Diese Gehülfin war seine Frau Hedwig, geborene Sonnenberg aus Stolzenau.

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