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47-Jähriger lebt im Heim / Wunsch nach CD-Player und Telefongeld / Ein Fall für die "Aktion Weihnachtshilfe"

"Von einem Tag auf den anderen war ich ein Pflegefall"

Landkreis (tes). Stefan N. ist einsam. Der 47-Jährige sitzt im Rollstuhl und lebt im Pflegeheim. Sein kleines Zimmer ist karg eingerichtet. Private Möbel? Fehlanzeige. Nur die beiden Kanarienvögel Pepe und Pauline sorgen für etwas Abwechslung. Die Welt draußen beobachtet er im Fernsehen - doch seine Sehkraft lässt nach. Und das Taschengeld reicht nicht für einen CD-Player. N. leidet an einem Gen-Defekt, der durch fortschreitende Muskelschwäche alle Organe wie die Herz- und Atemmuskulatur lähmt - ein Leben auf Sparflamme.

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Myotone Dystrophie, auch Curschmann-Steinert-Syndrom genannt: Diese Diagnose hat den damals 35-Jährigen wie ein Schlag getroffen. Die tickende Zeitbombe im Körper meldete sich erstmals nach seiner Ausbildung zum Maurer, erinnert sich N. "Das fühlte sich an wie Muskelkater." Nach der Bundeswehr machte er in Baden-Baden eine Umschulung zum Altenpfleger. Als die Muskelschwäche ihm zu viel Kraft raubte, kehrte er zurück ins Schaumburger Land, zu seinen Eltern. Gern denkt N. an die Zeit in der Werkstatt der Paritätischen Gesellschaft Behindertenhilfe zurück. Hier hatte er sich sogar verliebt - und konnte arbeiten. Das geht heute nicht mehr. "Von einem Tag auf den anderen war ich ein Pflegefall", berichtet N. von der Tortur der letzten zwei Jahre. "Das ging alles so schnell - zu schnell", seufzt er und spricht von jenem Tag, an dem seine Atmung versagte. "Mein Kehlkopf schwoll zu. Die Angst zu ersticken war unerträglich." Nach Luftröhrenschnitt und Reanimation stand fest, dass die Lungenfunktion nicht mehr ausreicht. N. wurde beatmet und künstlich ernährt. Hinzu kamen Herzrhythmusstörungen und Grauer Star. "Die Haare sind mir ausgefallen", sagt er und kaschiert seine Verzweiflung mit einem Lächeln. Fünf Monate lang pflegte ihn seine Mutter im Elternhaus. Dann zog er ins Heim. Die Hilflosigkeit belaste ihn sehr, gesteht N. "Früher war ich mein eigener Herr, jetzt muss ich mich auf andere verlassen." Im März starb seine Mutter an Krebs. An der Beerdigung konnte er nicht teilnehmen. Der ebenfalls pflegebedürftige Vater ist ihm keine Hilfe. Freunde hat N. nicht mehr. "Mich an andere Menschen zu klammern, habe ich mir abgewöhnt", sagt er. Sein Weg aus der Isolation: "Mein Telefon." Wieder sprechen zu können, ist ein großer Fortschritt. "Monatelang war eine Verständigung nur schriftlich möglich", erklärt seine Betreuerin vom Betreuungsverein Schaumburg. Geduldig trägt N. sein Schicksal. Doch seine Erwerbsunfähigkeitsrente deckt nicht mal die Heimkosten, alle Ersparnisse sind verbraucht. Obwohl zuzahlungsbefreit, muss N. monatlich über 100 Euro privat für Medikamente aufbringen. Von den knapp 95 Euro Taschengeld bleibt nichts übrig für Telefonkosten undVogelfutter, geschweige denn für einen CD-oder MP3-Player und Hörspiele. Für einen Computer mit Internetanschluss würde er sogar auf die geliebten Vögel verzichten. Gesprächspartner findet er im Heim kaum. Alleine ausgehen kann er nicht. Er hofft, jemand zu finden, der ihn besucht und mal zum Einkaufen mitnimmt. Kontaktüber Betreuungsverein (05751) 91 81 11. Sein größter Wunsch: "Einmal in den Urlaub fahren - und wieder laufen können."

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