weather-image
19°
Rolf-Bernd de Groot hat die Geschichte jüdischer Familien in Obernkirchen geschrieben - ein ergreifendes Buch

Von der "Verbesserung" zur Vernichtung der Juden

Dr. Wolrad Marc zählt zu den Honoratioren der Stadt. Der Kriegsfreiwillige von 1914 gilt als stramm deutsch-national, führt den örtlichen "Stahlhelm" und genießt als Arzt hohes Ansehen. Sogar die Ortsgruppe der NSDAP umgarnt ihn. Bis eines Tages durchsickert, dass er "Vierteljude" ist. Die Nürnberger Rassengesetze verwandeln den angesehenen Bürger über Nacht zum rassisch minderwertigen "Schädling" der Gesellschaft. Wolrad Marc muss sämtliche Ämter aufgeben, er verliert seine Approbation als Arzt. Weil er den freien Fall nicht verkraftet, setzt er sich die tödliche Spritze.

Ein Foto aus glücklichen Zeiten: Elias Lion (3.v.l.) mit seinen

Autor:

Frank Werner

Eine von vielen niederschmetternden Geschichten, die Rolf-Bernd de Groot in seinem Buch "Jüdisches Leben in der Provinz" erzählt. Und die auch deshalb so unter die Haut fahren, weil sie sich nicht irgendwo abspielen, sondern mitten unter uns: in Obernkirchen. Die jüdischen Familien der Bergstadt, ihre Aufbrüche und Niedergänge im Laufe der letzten fünf Jahrhunderte, stehen im Mittelpunkt der detailliert recherchierten, stilsicher formulierten und hervorragend illustrierten Darstellung. Der historische Längsschnitt reicht von den ersten mittelalterlichen Spuren der Grafschafter Juden bis in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Durchgehalten wird durch alle Epochen eine Erzähl-Perspektive, die mehr in den Blick nimmt als nur Familien-Genealogie: Auch die jeweiligen Zeitumstände, die lokalen Lebenswelten der christlichen Mehrheitsgesellschaft, werden kenntnisreich entfaltet. Ohne dies zu beanspruchen, hat de Groot eine Stadtgeschichte Obernkirchens geschrieben - aus dem besonderen Blickwinkel ihrer jüdischen Einwohner. Durch die Besetzungökonomischer Nischen stiegen die jüdischen Familien im 16. Jahrhundert als Geldverleiher oder Viehhändler zur lokalen Wirtschaftselite auf, die sich ihr "Gastrecht" in der Gesellschaft durch Schutzgelder erkaufte. Nach dem 30-jährigen Krieg kennzeichnete neben sozialer Isolation zunehmend auch wirtschaftliche Armut das Leben der Juden, Abwanderungen nach Altona waren die Folge. Auswege aus dem Elend eröffnete die neue Ära unter Napoleon: Die Eingliederung der Grafschaft in das Königreich Westfalen bescherte über Nacht den Rechtsstatus als Bürger und mit ihm neue wirtschaftliche Möglichkeiten, die nach dem Abzug der Franzosen nur zum Teil wieder kassiert wurden. Angesichts des Wachstums der Gemeinde, des Baus von Synagoge und Schule und einer zunehmenden Integration - die ehemals Randständigen rückten in die Mitte der Gesellschaft, wurden Sangesbrüder und Feuerwehrkameraden - bilanziert der Autor eine "Erfolgsgeschichte" der Obernkirchener Juden im 19. Jahrhundert. Sie steckte die Fallhöhe ab, die sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten auftat. Von ihren mittelalterlichen Anfängen an präsentiert sich die Geschichte der Juden als eine Geschichte ihrer Verfolgung. Vom christlichen Antijudaismus, der sich in Pestpogromen entlud, bis zum ras- sistischen Antisemitismus der Nationalsozialisten zeichnet de Groot die Strategien der Diskriminierung und Ausgrenzung nach. Selbst in Phasen der Entspannung und "bürgerlichen Verbesserung der Juden" im 19. Jahrhundert wurde der Minderheit nicht gestattet, eigenes Profil zu entwickeln: Nur vollständig assimilierte Juden waren akzeptierte Juden. Schon das unentwegte Redenüber das Thema verhinderte den Einzug von Normalität: In allen Epochen, die das Buch streift, wird die Existenz einer "Judenfrage" in der Gesellschaft als selbstverständlich vorausgesetzt. Im Kaiserreich war Antisemitismus ein randständiges, aber durchaus salonfähiges Thema. Bereits 1890 machte die Deutschsoziale Reichspartei in Obernkirchen kräftig Stimmung gegen Juden. Im Unterschied zur späteren Gewaltherrschaft war es aber im kaiserlichen Rechtsstaat noch möglich, gegen derartige Versammlungen zu protestieren und antijüdische Schmähschriften verbieten zu lassen. Breiten Raum widmet der Autor der NS-Zeit. Hier weitet sich die Optik, nicht nur die Verfolgten, auch die Verfolger geraten in den Blick. So erfährt der Leser etwa, dass SS-Oberscharführer Dr. Alexander Schulze-Noelle drei Monate nach der "Kristallnacht", als sein Rollkommando eine Schneise der Verwüstung durch die Grafschaft schlägt, mit der Übernahme des Manufakturgeschäftes Leopold Stern belohnt wird - die Partei honorierte den Einsatz ihrer Schergen durch Zugriff auf jüdischen Besitz. Detailliert schildert de Groot, auf welche Weise die jüdischen Familien drangsaliert wurden, rekonstruiert präzise die Etappen ihres Leidensweges vom Boykott über die Arisierung bis zur Auswanderung oder Deportation. Dabei hält nicht jedes Detail einer streng wissenschaftlichen Überprüfung stand: Niemand kann wissen, auf welche Weise sich Anna und Elias Lion verabschiedet haben, als die SS den Textilkaufmann im November 1938 in der eigenen Wohnung verhaftete. Bewusst reichert der Autor die Fakten mit Fiktionen an, erzählt Geschichten innerhalb der Geschichte. Dass sich dokumentarischer Stil und biographische Narration verschränken, gehört zum Konzept des Buches, das nicht nur aufklären, sondern anrühren und ergreifen will. Die atmosphärische Dichte, mit der das Schicksal der Adlers, Lions, Sterns oder Schönfelds erzählt wird, lässt den Leser mitfühlen, erzeugt Nähe und Betroffenheit. Die Sprache des Autors zieht den Leser auf eine Weise in ihren Bann, wie es im nüchternen Duktus der Wissenschaft kaum möglich ist. Dennoch bewegt sich der Text eng an den historischen Quellen, die zum Teil im Original abgedruckt werden. Nicht nur für die lokale jüdische Geschichte, auch für die Zeit des Nationalsozialismus in Obernkirchen wird damit eine Forschungslücke geschlossen. Die dokumentarischen Anhänge wie die Stammbäume der Familien, Interviews mit Überlebenden und Nachkommen sowie das Inventar des jüdischen Friedhofs von Günter Schlusche runden die Darstellung ab und unterstreichen die Intention, nach der Zeit des kollektiven Beschweigens den jüdischen Bürgern wieder Gesicht und Namen zu geben. Rolf-Bernd de Groot hat ein hochinformatives und zugleich auf jeder Seite fesselndes Buch geschrieben, dessen Lektüre nicht nur empfohlen, sondern in Schulen auferlegt werden sollte. Rolf-Bernd de Groot, Günter Schlusche, Jüdisches Leben in der Provinz. Schicksale jüdischer Familien in Schaumburg seit 1560, erzählt und dokumentiert (hrsg. von der Schaumburger Landschaft), Ellert& Richter Verlag Hamburg, 240 Seiten mit 341 Abbildungen, ISBN 978-3-8319-0333-7, 19,95 Euro.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare