weather-image
20°
"Meistens teuer und selten lustig": Heimatvereins-Vorsitzender Landmann weiß allerlei Wissenswertes zur Hochzeit

Von der alten Volkskultur ist nicht viel geblieben

Hattendorf (rnk). Auetaler Hochzeiten stehen im Mittelpunkt der 22. Saison des Auetaler Heimatmuseums. Rund 100 Bilder sind seit Montag in den Räumlichkeiten zu sehen.

Ein echtes Brautpaar grüßt die Gäste zur neuen Museumssaison. In

Jörg Landmann, Vorsitzender des Auetaler Heimatvereins, referierte bei der Eröffnung zum Thema Hochzeiten und wusste dabei allerlei Wissenswertes zu berichten. So wurde noch im späten Mittelalter bei weitem nicht zu jeder Hochzeit geheiratet. Denn unter "Hochzeit" verstand man eine hohe, festliche Zeit und somit vor allem ein geistliches Fest. Die vier Hochzeiten des Jahres waren Ostern, Pfingsten, Allerheiligen und Weihnachten. Erst im Laufe der Zeit habe sich die Bedeutung des Wortes zur heutigen verengt, so Landmann, "und wer heute Hochzeit sagt, meint immer eine Vermählungsfeier". Hochzeiten, so der Vorsitzende weiter, "sind meistens teuer und selten lustig, beides aus demselben Grund: wegen der beiden Verwandtschaften, die in auf- und absteigender Linie möglichst vollzählig eingeladen, verpflegt und unterhalten werden wollen und müssen." Die präsenile Großtante Hedwig und der postpubertierende Enkel Kevin beim gleichen Fest, das könne in den seltensten Fällen sehr heiter werden. In schierer Verzweiflung bliebe alleingeladenen Hochzeitsgästen nicht viel anderes übrig, als sich mit Gleichaltrigen und -gesinnten, aber nicht unbedingt -geschlechtlichen zusammenzutun. Was der Volksmund dann mit der Weisheit kommentiere: "Es ist keine Hochzeit ausgericht't, wo nicht eine zweite ward ausgedicht't." Schwierig vorauszusehen sei selbst für versierte Statistiker und Prognostiker beispielsweise die Häufigkeit diamantener Hochzeiten am Ende des zweiten Drittels des nächsten Jahrhunderts, führte Landmann mit einem ironischen Augenzwinkern aus. Denn diese werde beeinflusst von teils gegenläufigen Tendenzen. "Steht sie doch im brisanten Spannungsfeld zwischen steigender Lebenserwartung, steigendem Heiratsalter und steigender Scheidungsrate. Ganz zu schweigen von all den vielen Faktoren, die diese drei Größen wechselseitig prägen." Obwohl kaum ein anderes Ereignis früher so tief und vielfältig eingebettet gewesen sei in ein breites Spektrum von zum Teil sehr eigenartigen Sitten und Gebräuchen, wunderte sich der Referent. "Manche sollten der Fruchtbarkeit des jungen Paares förderlich sein, andere böse Geister vertreiben, und viele waren bloßer Ulk. Ein paar läppische Spielchen und einige dumme Streiche, zu denen das gestresste Brautpaar obendrein noch gute Miene machen muss, bilden heute die kümmerlichen Reste einer jahrhundertealten Volkskultur." Selbstverständlich trage daran einmal mehr das Fernsehen im allgemeinen und Linda de Mol im speziellen die Hauptschuld. Denn mit ihrer überaus beliebten und trotzdem abgesetzten Sendung "Traumhochzeit" habe sie dem deutschsprachigen Publikum jahrelang vorgegaukelt, zur Hochzeit gehöre erstens ein einfältiges Ratespiel, zweitens Minigolfspielen um einen Roller der Marke «Aprilia» und drittens ein Dutzend weißer Tauben, das hektisch flatternd auf die geschätzten Gäste defäkiere. Landmann: "In alter Zeit waren die Hochzeitsscherze lustiger oder zumindest deftiger. Da gab's beispielsweise den Brautteller, eine glasierte Präsentationsplatte, auf welcher man der Braut Geschenke anbot. Wenn sie die Präsente nahm, legte sie damit ein obszönes Bild frei und einen ebensolchen Spruch. Etwa: "O Jammer, bist schon schwanger." Und erstaunlicherweise sei "Hochzeitsnacht" ein sehr neues Wort, neuer beispielsweise als "Dampfschiff", "Eisenbahnnetz" oder "Lustmord". Zuvor sei ausschließlich der Ausdruck "Brautnacht" gebräuchlich gewesen, der allerdings nicht unbedingt genau das gleiche gemeint habe. Landmann: Denn Brautnacht heißt die Nacht, in der die Ehe vollzogen wird, und die müsse keineswegs dem Hochzeitstag folgen. In gewissen Regionen Deutschlands habe der Volksglaubesogar den Beischlaf in der Hochzeitsnacht verboten, weil er als zu gefährlich galt. Dieser Glaube gehe zurück auf das Buch Tobias, in dem der böse Geist Asmodi die Männer in der Hochzeitsnacht tötet; darum wurden solche enthaltsamen Nächte Tobiasnächte genannt. Im Mittelalter, so Landmann, schliefen Brautführer und Brautjungfern mancherorts die ersten drei Nächte im gleichen Bett mit dem Brautpaar, um das Schlimmste zu verhindern. Ein heutzutage ziemlich unüblicher Brauch, doch auch ohne dies wird die Hochzeitsnacht oft nicht ganz so fröhlich, wie erwartet. Etwa dann, wenn Scherzbolde das Schlafzimmer zugenagelt, ausgeräumt oder bis unter die Decke mit Hobelspänen aufgefüllt haben." Das Heimatmuseum ist jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 15 bis 17 Uhr geöffnet.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare