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Vom Wald beinahe geschluckt – ein Monument der Kaiserzeit ist 100 Jahre alt

„Von Berg zu Berg sollen die Feuer grüßen“

Am 9. Oktober 1901 erschien im pathetischen Stil der Kaiserzeit in der Dewezet ein Aufruf zur „Errichtung einer Bismarcksäule im Weserthal in der Nähe von Hameln“. „Gibt es eine gewaltigere Persönlichkeit … als Otto v. Bismarck? Zählt er nicht zu den Kolossalfiguren der Weltgeschichte?“ Bismarck sei es gewesen, welcher 1871 das Deutsche Kaiserreich gegründet habe. Überall in Deutschland würden jetzt Bismarcksäulen errichtet.

Otto von Bismarck

VON BERNHARD GELDERBLOM

Am 9. Oktober 1901 erschien im pathetischen Stil der Kaiserzeit in der Dewezet ein Aufruf zur „Errichtung einer Bismarcksäule im Weserthal in der Nähe von Hameln“. „Gibt es eine gewaltigere Persönlichkeit … als Otto v. Bismarck? Zählt er nicht zu den Kolossalfiguren der Weltgeschichte?“ Bismarck sei es gewesen, welcher 1871 das Deutsche Kaiserreich gegründet habe. Überall in Deutschland würden jetzt Bismarcksäulen errichtet. „Von diesen Säulen herab sollen jedes Jahr am 1. April (also zu Bismarcks Geburtstag) Feuerzeichen in allen Landen verkünden, dass an dem Tage Bismarck uns geschenkt wurde. Inmitten unseres Waldes, unter dem Rauschen der Eichen und Buchen, umwogt vom Duft der Tannen, soll dem Baumeister des neuen Reiches ein Denkstein errichtet werden.“ Wenige Wochen später fand eine Versammlung in „Thiemanns Hotel“ statt (vgl. Dewezet vom 18. November 1901). Die Anwesenden hielten eine Diskussion, ob überhaupt eine „Säule“ errichtet werden solle, „für unnötig“. Der Hamelner Baurat Koch schlug vor, den Bau nach dem preisgekrönten Entwurf des Architekten Wilhelm Kreis auszuführen. Dafür sollte ein höher gelegener Platz in der Nähe der Stadt mit Blick ins Wesertal gewählt werden. Zur Realisierung des Vorhabens wählte die Versammlung einen „Ausschuss für die Errichtung einer Bismarcksäule“ mit dem Hamelner Bürgermeister Justus Meyer an der Spitze.

Unmittelbar nach Bismarcks Entlassung als Reichskanzler durch Kaiser Wilhelm II im Jahre 1890 gründeten sich Komitees, welche die Errichtung repräsentativer Denkmäler zu Ehren des in nationalen Kreisen populären „Reichsgründers“ planten. Nach Bismarcks Tod 1898 nahm seine ohnehin schon enorme Popularität noch einmal zu und damit auch die Zahl der Denkmalprojekte. Schließlich wurden insgesamt 184 Bismarcktürme in Deutschland gebaut, zumeist in Form großer, archaisch und gedrungen wirkender Türme, außerorts auf erhöhten Punkten gelegen. Vorbild für 47 Türme wurde eine wuchtige „Feuersäule“ nach dem Entwurf „Götterdämmerung“ von Wilhelm Kreis aus dem Jahre 1899. Der Entwurf von Kreis war aus einem Wettbewerb der damals deutschnational dominierten Deutschen Studentenschaft als Sieger hervorgegangen. In ihrem Aufruf vom 3. Dezember 1898, also wenige Monate nach Bismarcks Tod, hatte es geheißen: „Von mächtigen Scheiterhaufen auf hoher Plattform, von Berg zu Berg sollen die Feuer grüßen, deutschen Dank sollen sie künden, das Höchste, Reinste, Edelste, was in uns wohnt, sollen sie offenbaren, heiße innige Vaterlandsliebe, deutsche Treue bis zum Tode.“

Als in Hameln der Bau der Bismarcksäule beschlossen wurde, hatte sich die Einwohnerzahl der Stadt im Zuge der Industrialisierung sprunghaft vermehrt und 1905 die Zwanzigtausendgrenze erreicht. Die Arbeiterschaft war zur zahlenmäßig stärksten sozialen Schicht geworden. Gleichwohl blieben die Vertreter der bürgerlichen Schichten in den städtischen Gremien aufgrund des undemokratischen Wahlrechts unter sich. Auch in der Öffentlichkeit hatte das mehrheitlich konservativ ausgerichtete Bürgertum ungebrochen das Sagen. Die deutsche Gesellschaft stand damals unter dem Primat des Militärischen, und große Teile des Bürgertums eiferten dem Adel nach; auf Gehorsam, Verherrlichung der Uniformen und Aufmärsche, auf Pflicht und Männlichkeit baute die Nation auf. Das Hamelner Bürgertum begeisterte sich an „vaterländischen“ Feiern. 1895 beging Hameln den 25jährigen Gedenktag der Schlacht bei Sedan gegen Frankreich. Im Frühjahr 1897 war der 100. Geburtstag Wilhelms I. – des 10 Jahre zuvor verstorbenen ersten Kaisers des 1871 gegründeten Deutschen Reiches – Anlass für eine Feier im großen Festsaal des Hotels Monopol an der Deisterstraße. Ganz besonders prägte sich der Bürgerschaft der Besuch des Kaiserpaares im Jahre 1904 ein. Kaiser Wilhelm II und Auguste Victoria fuhren – auf dem Wege zur 950-Jahr-Feier des Stiftes Fischbeck – im Vierspänner durch die mit Fahnen, Girlanden und Ehrenpforten geschmückten Straßen der Stadt. Der Beschluss, einen Bismarckturm in Hameln zu errichten, gehört in diese Reihe großer „vaterländischer“ Bekenntnishandlungen.

Pyrmonter Bismarckturm
  • Pyrmonter Bismarckturm
Bismarckturm auf dem Eckberg bei Kemnade.  Fotos: Gelderblom
  • Bismarckturm auf dem Eckberg bei Kemnade. Fotos: Gelderblom
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Der Bau musste durch Spenden finanziert werden. Diese waren nur aus den Kreisen des Adels und der Landwirte sowie des konservativen Bürgertums und der Handwerker zu erwarten. Die Arbeiterschaft war zu Spenden weder gewillt noch in der Lage; das zahlenmäßig geringe „freisinnige“ Bürgertum stand dem Vorhaben eher ablehnend gegenüber. In den Spendenlisten finden sich auch keine jüdischen Namen. In den folgenden Jahren beschäftigte die Finanzierung die Organisatoren mehr, als sie erwartet hatten. Im Dezember 1902 veranstaltete der Ausschuss einen Basar, für den freiwillige Gaben erwünscht waren. „Ihre Exzellenz Frau General Eyl, Klütstraße 56, hat sich bereit erklärt, bis auf Weiteres derartige Geschenke entgegenzunehmen.“ Eine Lotterie wurde erwogen, auch eine Anleihe. Mitte des Jahres 1905 war mit knapp 8.000 Mark nahezu die Hälfte der benötigten Mittel aufgebracht. Im Frühjahr 1906 wollte man mit dem Bau beginnen. Am 8. April 1906 meldete die Dewezet aber nur die Klärung der Platzfrage. Der Ausschuss hatte sich einstimmig für den Standort Knabenburg entschieden, damals eine kahle, baumlose Kuppe mit guter Aussicht. Die Stadt stellte das zum Basberg gehörende Gelände kostenlos zur Verfügung.

Weitere drei Jahre vergingen. Am 15. Januar 1909 einigte sich der Ausschuss endgültig auf den Entwurf des Architekten Kreis. Für ihn sprach, dass der Turm je nach Finanzausstattung kleiner oder größer gebaut werden könne. Weil man von der Knabenburg ohnehin eine schöne Aussicht genieße, müsse man die „Feuersäule“ nicht zugleich als Aussichtsturm gestalten. Der Architekt wollte mit 10 000 Mark auskommen. Die für den 1. April 1909 – Bismarcks Geburtstag – ¨geplante Grundsteinlegung wurde noch einmal verschoben. Weil die Kostenobergrenze von 14 000 Mark gesprengt zu werden drohte, musste der Architekt die Säule von 15,75 Metern auf 13,35 Meter verkürzen. Am 12. August 1909 wurde schließlich der Grundstein gelegt. Ausführender Maurermeister war Chr. Wagner; heimischer Wesersandstein wurde im nahen Steinbruch an der Uetzenburg gebrochen; heimische Landwirte fuhren kostenlos. Noch im September 1909 änderte man die Pläne, indem man den Turm doch als begehbaren Aussichtsturm gestaltete. Aus dem Verkauf von Eintrittskarten erhoffte man sich Einnahmen.

Zur feierlichen „Weihe“ am 95. Geburtstag Bismarcks am 1. April 1910 hatte sich das offizielle Hameln versammelt. Inmitten der korrekten Gehröcke und glänzenden Uniformen leuchtete der Flor ganz in Weiß gekleideter Ehrendamen hervor. Vom vollendeten Werk war auch der Redakteur der Dewezet begeistert. Die „Säule bildet ein vornehmes, wuchtiges, in einfachen Formen gehaltenes Denkmal, so recht angepasst der markigen Persönlichkeit des größten Deutschen.“ Der Direktor des Gymnasiums Eberhard Erythropel deklamierte: „Es ragt der Turm aus den Quadern unserer Berge geschichtet, ein Denkmal des Dankes, ein Wahrzeichen der Einigkeit, eine Erinnerung an große Tage und Taten unseres Volkes, eine Mahnung für uns und ferne kommende Geschlechter, stummredend höchst beredte Sprache, … ein Symbol der Kraft, des Willens und der markigen Gestalt des Alten aus dem Sachsenwalde.“ Zum ersten Male stieg aus der Feuerschale „die lohende Flamme“ auf. Den Abschluss der „Weihefestlichkeiten“ bildete ein Festbankett im Hotel Monopol. Die Bürgerschaft, Garnison und Kriegervereine hatten sich versammelt. „Vaterländisches“ Liedgut wie „Heil Dir im Siegerkranz“ wurde angestimmt. Landrat Graf Pilatis Rede auf „Seine Majestät den Kaiser und König“ Wilhelm II mündete in ein Loblied auf den Kaiser und auf Deutschlands wirtschaftliche Stärke und militärische Macht.

Der Bau des Denkmals fand in Hameln auch negative Resonanz. Bald zirkulierte ein Flugblatt, das unter der Überschrift „Protest! Hannoveraner!“ scharfe Kritik übte. Der Bau sei ein „Schlag ins Antlitz des treuen hannoverschen Volkes“, ein Zeugnis „der Schmach, der Selbsterniedrigung“. Denn „Bismarck war es, der unser Vaterland annektierte! Bismarck war es, der unser angestammtes Königshaus in die Verbannung trieb!“ Hinter dem Flugblatt steckten welfische Kreise. Die hannoversche Zeitung „Das Recht“ druckte es ab, nannte die Betreiber des Denkmalbaus „vaterlandslose Gesellen“ und führte mehr als polemisch aus: „Heute hannoversch – morgen preußisch – übermorgen türkisch.“ Die Vertreter der welfentreuen deutsch-hannoverschen Partei mochten sich fast ein halbes Jahrhundert nach der Zerschlagung des Königreiches Hannover durch Bismarck und seiner Umwandlung in eine preußische Provinz im Jahre 1866 nicht in die veränderten politischen Verhältnisse schicken. Wir wissen nicht, wie oft in den Folgejahren das Feuer in der Schale des Turmes entfacht wurde und die Kulisse für „vaterländische“ und säbelrasselnde Feiern bildete.

Von der „Weihe“ des Turms waren es nur noch vier Jahre bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. Dann kam die „Blutpumpe“ von Verdun, und noch einmal 25 Jahre später, der Völkermord während des Zweiten Weltkrieges. Heute hat der Wald diesen steinernen Zeugen des von Bismarck „durch Eisen und Blut“ gegründeten Deutschen Reiches fast verschluckt.

Als der Bismarckturm 1910 eingeweiht wurde, war die Knabenburg eine unbe-

waldete Kuppe. Quelle: Stadtarchiv Hameln)

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