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Vom zeitraubenden Kampf gegen das Altern

Im Zeitalter der Globalisierung und generalisierten Reizzufuhr über Internet und Fernsehen wächst der Wettbewerbsdruck auf den Einzelnen. „Früher musste sich eine Frau an den Schönsten im Dorf messen – heute sind es die verschiedenen ,Miss Worlds’, die das Soll-Profil für den eigenen Maßstab definieren“, stellt der Hamelner Psychologe Dr. Michael Heilemann fest und folgert, dass dies nicht nur zur Anhebung des individuellen Anspruchsniveaus führt, sondern auch zur Verschärfung der individuellen Konkurrenz. Dass lebenslange Partnerschaften heute eher selten sind, macht die Situation nicht einfacher:

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Autor:

Karin Rohr„Das Geheimnis des Lebens liegt in der Suche nach Schönheit“, hat Os

Im Zeitalter der Globalisierung und generalisierten Reizzufuhr über Internet und Fernsehen wächst der Wettbewerbsdruck auf den Einzelnen. „Früher musste sich eine Frau an den Schönsten im Dorf messen – heute sind es die verschiedenen ,Miss Worlds’, die das Soll-Profil für den eigenen Maßstab definieren“, stellt der Hamelner Psychologe Dr. Michael Heilemann fest und folgert, dass dies nicht nur zur Anhebung des individuellen Anspruchsniveaus führt, sondern auch zur Verschärfung der individuellen Konkurrenz. Dass lebenslange Partnerschaften heute eher selten sind, macht die Situation nicht einfacher: „Nach jedem Beziehungsende muss man wieder neu um die Häuser gehen, sich erneut der Konkurrenz stellen“, so Heilemann.

Schön bleiben. Jung bleiben. Mitmischen auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, der uns zwar nicht gerade die ewige Jugend in Aussicht stellt, aber eine verlängerte verspricht. Wenn wir bereit sind, etwas dafür zu tun. Mit Anti-Faltenmitteln, Kosmetikbehandlungen, Friseurbesuchen, Fitness-Programmen und Schönheitsoperationen gilt es, die biologische Uhr auszutricksen und den Körper jung und straff zu halten. Die Zeiten, in denen gutes Aussehen als Geschenk der Natur betrachtet wurde, sind vorbei. Heute werden Gesicht und Körper als hart erarbeitetes Verdienst gesehen: Wer fit und attraktiv ist, genießt mehr Aufmerksamkeit. Und wird, wie Umfragen belegen, von seinen Mitmenschen gemeinhin auch als kompetenter eingestuft.

Zwar leben wir in einem Land, dessen Bevölkerungspyramide immer kopflastiger wird – zum alten Eisen gehören aber will niemand. „Jung bleiben“ lautet das Credo einer Gesellschaft, die sich Alterslosigkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Doch der Kampf gegen das Altern verlangt Zeit, die wir bereit sind, unserem Körper zu geben – Körperzeit. Für die meisten fängt die bei der straffen Figur an. Fitness-Studios boomen. Trainiert wird problemzonenorientiert und altersspezifisch. Gezielter Muskelaufbau, versprechen Sportmediziner, zögert das Altern hinaus, hält mental und körperlich jung. Neue Geräte erlauben in immer kürzerer Zeit ein optimales Trainingspensum. „Früher waren es junge Sportler, die schnell einen muskulösen Körper haben wollten und Kraftsport machten“, erzählt Jürgen Wehrhahn, der seit 1982 in der Fitness-Branche ist und mit einem kleinen Studio für 30 bis 40 Leute begann: „Alles junge Männer, die zwei- bis dreimal pro Woche ein bis zwei Stunden trainierten.“ Heute ist Wehrhahn Chef der beiden großen Hamelner Studios „Family-Fitness“ und „Figur für die Frau“, die ganz unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Den Löwenanteil stellt die 40 plus-Generation, und 60 Prozent aller Mitglieder sind Frauen. „Sie sind körperbewusster als Männer“, sagt Wehrhahn: „Die Figur steht bei ihnen im Vordergrund.“ Entsprechend populär sind figurformende Kurse. Wurde früher weniger häufig, dafür aber länger trainiert, so fallen heute die Trainingseinheiten in den Studios kürzer, aber effektiver aus. Nicht nur die Vielfalt und die Auswahl an Fitness-, Wellness- und Beauty-Angeboten, sondern auch deren Verfügbarkeit durch eine explosionsartige Zunahme dieser Einrichtungen in den vergangenen 10 Jahren, verbunden mit einem in Zeitschriften, Fernsehen und Internet propagierten Fitness-Ideal, haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen Zeit in ihren Körper investieren.

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  • So könnte der Schauspieler und Journalist Julian Mau (22) einmal aussehen, wenn er 40 Jahre älter ist: Dewezet-Fotografin Dana Pollok ließ ihn digital künstlich altern. In einer auf Jugend programmierten Gesellschaft kostet der Kampf gegen das Alter immer mehr Geld – und Zeit.
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  • Letzter Ausweg: Schönheitsoperation. Wenn Sport und die richtige Ernährung nicht mehr gegen die Spuren des Alterns helfen, bleibt nur noch das Skalpell. Hollywood-Stars leben es vor. Foto: dpa
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  • Zeitoptimiertes Körpertraining – das ist der Trend. Gezielter Muskelaufbau in nur 15 Minuten bietet der Milon-Circle mit einer Mischung aus Ausdauer- und Krafttraining. Auf einem Chip speichert Udo Müller hier bei Family-Fitness individuelle Trainingsdaten ein, die exakt auf den Kunden abgestimmt sind. Foto: Dana

Das Streben nach Jugend und Schönheit beschränkt sich aber nicht allein auf Ausdauer-, Kraft- und Beweglichkeitstraining oder Kosmetikprodukte. Für die plastisch-ästhetische Chirurgie bestätigt Dr. Sixtus Allert, Chefarzt am Sana-Klinikum in Hameln, eine Zunahme an Schönheitsoperationen um rund 5 Prozent: „Vor allem Frauen, aber auch Männer“, sagt er. Insgesamt aber sei seine Klientel „bodenständig“. Das heißt: „Es sind selten Glamour-Gründe, aus denen die Menschen zu mir kommen.“ Meistens würden Nasen- oder Brustkorrekturen gewünscht. „Bei über 60-Jährigen sind es vor allem Busenverkleinerungen und Straffungen“, so Allert. Lebenseinschnitte seien in diesem Alter oft der Auslöser für den Wunsch nach einer Schönheitskorrektur. Das gilt allerdings nicht für jene Mädchen, die Allert als „jung, unbedarft und euphorisch“ beschreibt und die mit „verqueren Vorstellungen“ von einem Schönheitsbild zu dem Facharzt kommen, die dieser weder erfüllen kann noch will. „Ich möchte so aussehen wie der und der Filmstar oder das und das Model… – das gibt es bei mir nicht, so etwas mache ich nicht“, sagt Allert. Verhindern könne er aber nicht, dass unbelehrbare junge Mädchen, die ihrem Idol wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sein wollen, dann zum nächsten Schönheitschirurgen laufen. „Der Begriff ist im Gegensatz zur plastisch-ästhetischen Chirurgie nicht geschützt“, erklärt Allert. Das öffne dem Pfusch Tor und Tür. Gesichtseingriffe nimmt der Hamelner Chefarzt zwar vor, aber in der Regel geht es bei ihm um Lidstraffungen, Aufpolstern und Unterspritzen der Haut: „Nur selten um das klassische Facelift.“ Dem ohnehin Grenzen gesetzt sind: „Eine 75-Jährige muss nicht wie 50 aussehen“, meint Allert, räumt aber ein, dass der Druck, jung und schön zu sein und der Hang zur Selbstdarstellung deutlich zugenommen habe.

Schuld sind nicht zuletzt jene Stars, die von ihrem Aussehen leben, ihren Körper als ihr Kapital handeln und ständig vor der Kamera und in den Medien präsent sind. Fast alle helfen nach, wenn Sport und die richtige Ernährung nicht mehr ausreichen, um jugendlich zu wirken. Beispiele für inflationäre Schönheitsoperationen gibt es genug: Hollywood-Schauspielerin Cher ist nur eine von vielen.

Längst ist die Grenze vom Körperbewusstsein zum Körperkult in den Köpfen vieler Menschen durch eine extreme Sucht nach Attraktivität und Perfektion überschritten. Nicht nur bei plastischen Operationen, die im Extremfall bis zur Entstellung führen, wie bei Pop-Star Michael Jackson. Auch Ess-Störungen, die in tödliche Magersucht münden, oder Muskelsucht, bei der synthetisch „zugefüttert“ wird, listet der Psychologe Heilemann als Auswüchse einer dem Jugend- und Körperwahn verfallenen Gesellschaft auf.

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