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Enge 112 Stufen führen - ausnahmsweise - hinauf in höchste kirchliche Gefilde

Vom Wind umtoster Panoramablick aufs Herz der Stadt und deren Umland

Bückeburg (mig). Noch können Interessierte den Panoramablick vom Turm der Stadtkirche nur selten genießen. Regelmäßige Führungen gab es bisher nicht. "Das liegt auch an dem schwierigen Zugang. Vielleicht werden wir das aber in Zukunft öfter machen", versprach Klaus-Dieter Vogt, Vorsitzender des Kirchenvorstands, den Gästen einer Besichtigungstour.

Tolle Aussichten:Über die Sandstein-Sonnenuhr aus dem 18. Jahrhu

Tatsächlich sind die Bückeburger Ausblickpunkte der Öffentlichkeit nur ausnahmsweise zugänglich. Der Rathausturm wird nur selten geöffnet, und auch für den Kirchturm gibt es keine Besichtigungstermine. "Auch für Touristen ist es schade, dass es keine regelmäßigen Führungen gibt", monierte einGast der Turmführung. Dass die ein großer Gewinn wären, bewies die informative Führung am Sonntag. Trotz Nieselwetters hatten sich acht Teilnehmer an der Stadtkirche eingefunden. Nach einem kurzen Briefing ging es in höhere Gefilde. Wie in einem Korkenzieher schoben sich die Teilnehmer die enge Wendeltreppe des Turms hinauf. Nach 112 ausgetretenen Stufen war das "Dach Bückeburgs"erreicht. Vorbei an einer uralten Holztür mit gravierten Pennäler-Liebesgrüße ("F.S. Herz 1913"), öffnet sich dem erschöpften Erstbesteiger ein Panoramablick auf Bückeburg. Zu Füßen des Betrachters liegen die Fachwerkhäuser der Langen Straße. Ebenfalls wie auf einem Tablett: das Schloss, das Palais und der Harrl. Der hohe Blick macht lyrisch. Fast möchte man mit Petrarca sagen: "Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdient Ventosus, den Windumbrausten, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen, einzig von der Begierde getrieben, diese ungewöhnliche Höhenregion mit eigenen Augen zu sehen." "Man hat von hier einen großartigen Ausblick", sagt auch "Turmführer" Klaus-Dieter Vogt. "Eigentlich hätte der Turm höher werden sollen, allerdings gab es Probleme mit dem Fundament." Der Bauleiter musste flüchten, die übrig gebliebenen Steine wurden für den Bau der heutigen Stadtbücherei verwendet. In seinen Ausführungen verhehlt Vogt auch nicht, dass sich am Sandstein von 1615 erste Alterserscheinungen zeigen. Nach der Restaurierung der letzten Kirchenfenster soll die gesamte Fassade deshalb ein "Facelifting" bekommen. Vogt: "Deren Renovierung ist das nächste Projekt." Trotz des Regenwetters und einer steifen Brise ist auch Dorothea Pelzing begeistert vom "Blicküber Bückeburg". "Von hier oben hat man eine ganz andere Perspektive", sagt Pelzing, die gerade eine Ausbildung zur Stadtführerin macht. Sie freut sich schon auf die 400-Jahr-Feier 2009, ärgert sich aber auch über einige Bausünden entlang der Langen Straße. "Da passt Manches nicht zusammen."Pelzing selbst kommt aus einem der ältesten Häuser Bückeburgs, der Langen Straße 1. Jetzt lauscht sie aufmerksam den Ausführungen Vogts, der die Besucher über den "abgebrochenen Turm" informiert. Weil der Turm lange nicht so hoch wurde, wie geplant, wurde die Orgelüber dem Altar eingebaut. "Das ist nur bei ganz wenigen Kirchen so", sagt Vogt und führt die Teilnehmer über Holzplanken und acht Joche auf den "Dachboden". An Stahlseilen werden von hier der Deckel des Taufbeckens und der Weihnachtsstern hochgezogen. "Das ist hier ein bisschen wie in einer Theaterkulisse", meint ein Gast. Vorbei an den selbsttragenden Kuppeln, Spinnenweben und dem Staub der Jahrhunderte geht es dann zu den riesigen Glocken. Drei wurden im 1. Weltkrieg requiriert, die vierte dann später verkauft. Nur die Schlagglocke im oberen Glockenturm blieb der Gemeinde erhalten. Sie wurde 1300 gegossen und trägt ins Deutsche übersetzt die Inschrift: "O Herr der Herrlichkeit komm mit deinem Frieden". Dann geht's wieder abwärts, zurück ins Zweidimensionale. Für die Teilnehmer steht fest: "Hoffentlich kann man bald mal wieder nach oben."

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