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Anfänge der Vogelschutz-Bewegung in Schaumburg: Landrat warnt vor der „Vernichtung“ von Arten

Vogelsang wirkt auf „Herz und Gemüt“

Der vielfach üblichen Ausrottung der irrtümlich als schädlich angesehen, tatsächlich aber mehr nützlichen Vögel ist mit allen Mitteln entgegenzutreten“, appellierte im Juli 1904 der Rintelner Landrat Hans-Dietrich von Ditfurth an die Einwohner der preußischen Grafschaft Schaumburg. Unter den bisher aus Unwissenheit verfolgten Tieren seien auch viele, die nach jüngsten Erkenntnissen als Freunde der Menschen zu gelten hätten – so unter anderem die kleinen Eulen (Waldkauz, Schleiereule, Steinkauz, Waldohreule), die Bussarde (Mäusebussard, Raufußbussard, Wespenbussard) und die Turmfalken.

Romantisch-verklärte Darstellung einer Vogeljagd des französisch

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Eine besonders eindringliche Mahnung richtete der angesehene Verwaltungschef an die Adresse der Jäger. Geschont werden müssten künftig auch diejenigen Vögel, „welche zwar gemeinhin als vielfach schädlich bekannt sind, aber schon jetzt so selten sind, dass ihre dauernde Verfolgung einer Vernichtung der Art gleichkommt“. Zu dieser Kategorie gehörten unter anderem Adler, Zwerg- und Rotfußfalken, die größeren Eulen wie Uhu und Uralkauz, die schwarzen Störche, Kolkraben, Eisvögel und Wasseramseln.

Das vor gut 100 Jahren abgefasste Rundschreiben von Ditfurths war, soweit bekannt, eine der ersten Initiativen zum Schutz der schaumburgischen Vogelwelt. Über Wirkung und Ergebnis des Aufrufs ist wenig bekannt. Bauern, Jäger und große Teile des Adels dürften den Bestrebungen des königlich-preußischen Verwaltungschefs mit unverhohlener Ablehnung gegenübergestanden haben. Vogeljagd und Vogelfang hatten – auch und vor allem hierzulande – eine jahrhundertelange Tradition.

Eine ganze Reihe von Vogelarten galt als schädlich und wurde als Nahrungskonkurrenz gnadenlos gejagt. Der schlimmste Feind war der Spatz. Haus- und Feldsperlinge wurden noch bis in die 1950er Jahre im Rahmen groß angelegter Vernichtungsaktionen verfolgt. Kaum weniger verhasst waren Fisch- und Geflügeldiebe wie Seeadler und Hühnerhabicht. Und auf wenig Nachsicht durfte auch das übrige „Raubzeug“ wie Sperber, Falken und Eulen hoffen. Von Kormoranen, heutzutage bei Berufs- und Hobby-Fischern als „Staatsfeind Nr. 1“ verschrien, war zu jener Zeit hierzulande noch keine Rede.

Großtrappe (oben) und Habicht.
  • Großtrappe (oben) und Habicht.
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Nicht wenige Vögel stellten eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan dar. Dazu gehörten neben Gänsen, Enten und Tauben auch Amseln, früher wegen ihrer Vorliebe für Wacholderbeeren („Krammets“) auch „Krammetsvögel“ genannt. Die jährliche „Krammetsvogeljagd“ war bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein beliebtes und in Hungerzeiten für die arme Landbevölkerung ein oft überlebenswichtiges Spektakel. Fürsten und andere Adlige bevorzugten Fasanen, Wachteln und Schwäne.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann ein Umdenkprozess. Vor allem das städtische Bildungsbürgertum machte sich – angesichts der tief greifenden Veränderungen im Zuge der Industrialisierung – für die Bewahrung von Heimat, Brauchtum, Natur und vertrauter Landschaft stark. Ein Teil der überall im wilhelminischen Deutschland aufkommenden Bewegung wandte sich gezielt dem Vogelschutz zu. „Man vergesse nicht, dass sie (die Vögel) der Schmuck und das belebende Element der Natur sind“, mahnte 1899 der als „Vogelbaron“ reichsweit bekannt gewordene Ornithologe Hans Freiherr von Berlepsch. So wie er dachten auch die meisten anderen Vogelfreunde vor allem an Singvögel. „Das muss schon ein ganz gefühlloser Mensch sein, den das Abendlied der Nachtigall im blühenden Busch gleichgültig lässt, oder dem der tiefwehmütige Gesang des Rotkehlchens zur Herbstzeit nicht das Herz bewegt“, war noch 1915 in der deutschlandweit verbreiteten Info-Broschüre „Praktischer Vogelschutz“ zu lesen. Laut Verfasser Adolf Trauls müsse man sich stets den „tiefen Wert des Vogelsangs auf Herz und Gemüt“ vor Augen halten.

Ganz allmählich erwachte auch das Interesse an den weniger „Freude und Seelenheil spendenden“ oder gar „nutzlosen“ und „schädlichen“ Arten. Auslöser waren nicht zuletzt die Berichte über die barbarischen Jagd- und Vernichtungsmethoden.

Anders als im benachbarten Preußen stieß die Forderung nach Veränderungen im schaumburg-lippischen Fürstenstaat lange auf taube Ohren. Die landesherrliche Fürsorge der Bückeburger Schlossbewohner galt in erster Linie den Hirschen und Abschussquoten. Schlimm genug, dass sich der 1907 als Schriftleiter der Landes-Zeitung in die Residenz geholte Journalist Hermann Löns als Fürsprecher eines „moderneren“ Tier- und Vogelschutzes betätigte. Vor allem ihm war es zu verdanken, dass die fürstlichen Untertanen von der Entwicklung jenseits der eigenen Landesgrenzen erfuhren und mitbekamen, dass die Berliner Reichsregierung am 1. September 1908 ein neues „Reichsvogelschutzgesetz“ beschlossen hatte. Über die Einführung der darin als Rahmenempfehlung für die Bundesstaaten verabschiedeten Einzelvorschriften setzte man sich in Bückeburg stillschweigend hinweg. Erst mehrere Jahre nach dem Ende der Fürstenära begann die Regierung des neuen Freistaates Schaumburg-Lippe, die Versäumnisse aufzuarbeiten.

Im preußischen Rinteln und in den meisten anderen Bundesstaaten war man zu diesem Zeitpunkt schon weiter. Auf der Grundlage des Reichsvogelschutzgesetzes war ein aus damaliger Sicht weitreichender Maßnahmenkatalog verabschiedet worden. Das Ausrauben und Zerstören von Nestern und der Handel mit Vögeln war grundsätzlich verboten. Ergänzend dazu wurde erstmals eine Art Artenschutzprogramm aufgelegt. Ab Anfang der 1920er Jahre durften nur noch der Hühnerhabicht, der Sperber, der Fischadler, der Haussperling, der Feldsperling, die Rabenkrähe, die Nebelkrähe, die Dohle, die Elster, das Blesshuhn, der Fischreiher, der Gänsesäger, der mittlere Säger, der Zwergsäger (Entenvögel, die sich überwiegend von Fischen ernähren) und der Haubensteißfuß (Haubentaucher) gejagt werden.

Ob und in welchem Umfang die damaligen Regelungen zum Überleben der heimischen Vogelwelt beigetragen haben, lässt sich aus den im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Akten nicht oder nur ansatzweise beurteilen. Eine systematische Erfassung gab es noch nicht. Gezielt beobachtet wurden eine Zeit lang die Störche. Neben einigen Brutpaaren in der Seeprovinz, bei Hessisch Oldendorf (Fuhlen) und in der Umgebung von Bad Nenndorf (Horsten) meldeten die 1910 bis 1912 mit der Zählung und Beringung beauftragten Landgendarmen nur Einzelexemplare und leere Nester. In Auhagen (heute Samtgemeinde Sachsenhagen) sei kürzlich ein Storch von einem Förster geschossen worden, gab der zuständige Ortspolizist zu Protokoll.

Eine besondere Rarität wurde aus der Umgebung des in der Gegend zwischen Engern und Deckbergen gelegenen Neelhofs berichtet. Dort gab es bis 1925 noch eine Gruppe von Großtrappen zu bestaunen.

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