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Gutachter wertet Tat als „machtvolle Demonstration“

Versuchter Mord: Psychiater hält Nurretin B. für voll schuldfähig

HANNOVER/HAMELN. Der vom Schwurgericht bestellte psychiatrische Gutachter Dr. Michael von der Haar hält den wegen versuchten Mordes angeklagten Nurettin B. (39) für voll schuldfähig. Das sagte er am Mittwoch in Hannover. Der Anwalt von Kader K. stellte derweil einen Antrag auf Zahlung von Schmerzensgeld.

Am 31. Mai soll der Prozess gegen Nurretin B. abgeschlossen werden. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Als der Vater eines dreijährigen Kindes seine Ex-Frau Kader K. (28) am Abend des 20. November 2016 mit einem Messer und mit einer Axt vor einem Mehrfamilienhaus an der Königstraße lebensgefährlich verletzte und sie danach mit seinem Auto durch die Hamelner Südstadt schleifte, befand er sich nach Ansicht des Arztes nicht in einem „Ausnahmezustand“. Aus Sicht des Experten war es „keine Affekttat“, sondern eine „machtvolle Demonstration“. Der offenbar zutiefst gekränkte Nurettin B. wollte Kader K., die wenige Tage zuvor eine Unterhaltspfändung gegen ihn durchgesetzt hatte, in aller Öffentlichkeit „zeigen, wo es langgeht“. Der Gutachter spricht von einer Tathandlung, die „geprägt war von einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Wut“. Dr. von der Haar attestiert Nurettin B. zwar eine „Anpassungsstörung mit depressiven Anteilen“, nicht jedoch eine „eigenständige depressive Dynamik“. Fazit: Eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit, eine eingeschränkte Einsichtsfähigkeit und damit auch eine verminderte Schuldfähigkeit liegen bei dem Angeklagten nicht vor. Die Tatausführung nennt Psychiater von der Haar „sehr komplex“. Solche Handlungen könnten nicht aus einem Impuls heraus geschehen. Der Gutachter brachte es auf die Formel: „Je komplexer die Situation, desto unwahrscheinlicher ist eine Affekttat.“

Bei dem Angeklagten sei auch eine Woche nach der Tat keine Reue erkennbar gewesen. „Er war immer noch hasserfüllt, zeigte keine Scham. Der Wunsch, etwas ungeschehen zu machen, war nicht erkennbar. Die von Nurettin B. geschriebene Notiz mit den Worten „Ich will in Frieden leben. Game over“ kann Dr. Michael von der Haar nicht zweifelsfrei als Abschiedsbotschaft deuten. Dafür spricht sicher auch nicht der Satz: „Jetzt wird sie von mir gepfändet.“ Die Verteidiger Matthias Waldraff und Bastian Quilitz hatten für ihren Mandanten erklärt, er habe sich an dem Tag, als er Kader K. angriff, eigentlich selbst töten wollen. „Er wollte seinen Sohn bei der Mutter in Hameln abgeben und dann bei Eimbeckhausen gegen einen Baum fahren, um Schluss zu machen.“ Bei der Begutachtung des Mannes hätten sich keine Anhaltspunkte für eine geplante Selbsttötung oder für einen erweiterten Suizid erheben, stellte der Gutachter klar. „Das passt auch nicht zur Persönlichkeit des Angeklagten.“

Während der Psychiater das Leben des 1978 in einem kleinen kurdischen Dorf zur Welt gekommenen Mannes skizzierte, verließ Opfer Kader K. zitternd und mit Tränen in den Augen den Schwurgerichtssaal. Die junge Frau leidet immer noch sehr an den Folgen der Tat. Auch ein halbes Jahr nach dem Mordversuch hat sie starke Schmerzen und schlimme Albträume. Der Rechtsmediziner Prof. Dr. Knut Albrecht hatte vor Gericht 30 Minuten lang über die vielen, teils lebensgefährlichen, Verletzungen gesprochen, die Nurettin B. seiner Ex-Frau zugefügt hatte.

Opfer-Anwalt Roman von Alvensleben hat am Mittwoch einen Antrag auf Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 250.000 Euro gestellt. Kader K. sei nicht mehr arbeitsfähig, sie leide unter anderem an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Auch die Würde seiner Mandantin sei durch die „Zurschaustellung der grausamen Handlungen“ zutiefst und nachhaltig verletzt worden. Kader K. habe das Gefühl, „betäubt zu sein“. Der Anwalt sprach auch von „emotionaler Stumpfheit“, schlimmen Schmerzen, Schlaflosigkeit und üblen Träumen. Die Schmerzensgeld-Forderung sei eigentlich viel zu niedrig. „Aber es gibt wohl in Deutschland keinen vergleichbaren Fall, an dem wir uns orientieren können.“

Am kommenden Mittwoch (31. Mai) wird der Prozess fortgesetzt. Dann sollen die Plädoyers gehalten werden, dann wird der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch das Urteil verkünden.

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