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Verrostet und verlassen – gelobt und genutzt

Spiel

Hameln (ni). Die „Erdkugel“ hat schon zum Klettern gelockt, als die Eltern von heute noch in Kinderschuhen herumliefen. Und auf der Wippe vergnügte sich Mama Katrin vermutlich schon, als sie von ihren Eltern noch Trinchen gerufen wurde. Die karge Anlage am Hermann-Weise-Weg in Holtensen – ist zweifellos ein Stiefkind unter Hamelns Spielplätzen und soll es bis auf Weiteres auch bleiben. „Zu wenig Nachwuchs im Quartier“ lautet die Erklärung der Stadt für die kümmerliche Ausstattung eines Fleckchens Erde, das ursprünglich mal als Tummelplatz für viele Kinder gedacht war.

 

74 Spielplätze gibt es im Bereich der Stadt Hameln, dazu vier Inlinerbahnen, 17 Bolzplätze 14 Schulhöfe und neun Schulsportanlagen, auf denen sich die Kinder auch nach Unterrichtsschluss noch austoben dürfen. Manche werden viel genutzt und sind trotzdem ziemlich langweilig ausgestattet, andere sind schön und trotzdem leer und wieder andere führen ein Schattendasein und warten auf bessere Zeiten. Wie der am Hermann-Weise-Weg. Der liegt sozusagen auf Halde – für den Fall, „dass es in der Umgebung mal wieder mehr Kinder gibt“, sagt Ralf-Ulrich Böhm. Zusammen mit Monika Simon ist Böhm zuständig für die städtischen Spielplätze.

Priorität haben die Plätze, „auf denen viel los ist“, sagt Simon. Und das sind in der Regel solche, die in Arealen mit vielen Mietshäusern liegen. Denn „wer in einer Etagenwohnung lebt, kann mit seinem Kind zum Spielen nicht einfach in den Garten gehen“. Und darum gehörten zum Beispiel die Spielplätze am Kälberanger oder am Wehler Weg zu denen, die nahezu das ganze Jahr über intensiv genutzt werden. Jene im Baugebiet Wangelister Feld oder Ludwigssee zu denen, die trotz guter Ausstattung oft verwaist sind.

Dass sie angelegt wurden, obwohl rundum fast nur Ein- und Zweifamilienhäuser stehen, hat mit den Niedersächsischen Spielplatzgesetz zu tun. 1973 in Kraft gesetzt, schrieb es den Kommunen vor, in jedem Baugebiet einen Kinderspielplatz auszuweisen. 2008 wurde das Gesetz ersatzlos gestrichen. Die Spielplätze blieben. In vielen Vierteln sind die Kinder von damals den Klettergerüsten längst entwachsen. Bis neue nachkommen, muss die Generation der Häuslebauer aus- und die nächste eingezogen sein.

Ob und wo sich solche Veränderungen vollziehen, können Simon und Böhm mit wenigen Mausklicks vom Bildschirm ihrer Computer ablesen. Das System spuckt die Zahl der unter Sechsjährigen genau so aus wie die der 6-12-Jährigen – „unsere klassische Zielgruppe“, so Böhm. Und es bestätigt im Zweifelsfall, was der Augenschein vermuten lässt: nämlich dass nur (noch) wenige Kinder in der Gegend wohnen, wenn die Rasenfläche eines Spielplatzes immer tipp-topp, der Papierkorb meist leer und das angelegte Wegenetz fast ohne Fußspuren ist.

Spielplätze, in deren Umgebung Kinder Mangelware sind, werden zwar auch kontrolliert, fallen beim Ersatz von Geräten aber aus dem Raster. Hier wird höchstens demontiert, was nicht mehr sicher ist. „Ganz aufgeben wollen wir sie nicht“, sagt Böhm, schließlich könnte das Umfeld in einigen Jahren ja auch wieder kinderreicher werden.

An anderer Stelle wird schon erneuert: der Spielplatz am Kopmanshof wird im Sommer wieder geöffnet werden. Die Stadt hat ihn im vergangenen Herbst dichtgemacht, weil die Spielgeräte so hinüber waren, dass eine Reparatur nicht mehr gelohnt hätte. Jetzt stehen 53 000 Euro extra für eine neue Ausstattung zur Verfügung. „Dieser Platz ist für die Innenstadt-Kinder wichtig“, sagt Simon. „Die haben kaum andere Alternativen.“ Auch der Spielplatz im Bürgergarten mit seinen schäbigen Sandkästen soll endlich aufgefrischt werden. Und weil Fördermittel aus dem Leader-Programm zur Verfügung stehen, ist außerdem die komplette Neugestaltung des beliebten, aber in die Jahre gekommenen Spielplatzes auf dem Finkenborn vorgesehen.

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