weather-image
19°

„Unser Krimi war ein schneller Schuss“

In seinem Gepäck reisen zwei Bücher mit ihm: Susanne Mischkes „Der Tote vom Maschsee“. Und ein weiterer Kriminalroman eines deutschen Schriftstellers. Von dem möchte Carsten Holzendorff demnächst gern ein Buch veröffentlichen. Denn er ist Verlagsleiter der CW Niemeyer Buchverlage. Und seit einiger Zeit interessiert er sich besonders für eines: regionale Krimis.

270_008_4376461_ku101_0610.jpg

Autor:

Julia Marre

Der heutige Tag beginnt für den 48-jährigen Hamelner früh. Bereits um 8 Uhr öffnet die Frankfurter Buchmesse für Aussteller. Um 9 Uhr strömen die ersten Fachbesucher in die Messehallen. In Halle 4.1 ist Stand G 549 zu finden: Ihn hat Carsten Holzendorff bereits gestern mit der Buchherstellerin Brigitte Mück eingerichtet. Vier mal zwei Meter groß ist die Ausstellerfläche. Hier bestückt der 1797 in Hameln gegründete Verlag eine Regalseite mit Büchern – und ist mittlerweile mehr als 50- mal auf der Buchmesse vertreten gewesen. „Wir möchten natürlich Hameln und das Weserbergland zeigen, haben Werke zur Denkmalpflege dabei, Dokumentationen und Bildbände, ein paar Bücher aus Hannover und unseren Krimi“, sagt Holzendorff nicht ohne Stolz in der Stimme. Denn der in der Reihe „Weserbergland-KRIMI“ erschienene Roman „Das letzte Lied“ von Günter von Lonski ist sein jüngstes Projekt – und ein neues dazu. Wer an seinen Stand auf einer der Sitzgelegenheiten Platz nimmt, einen Kaffee trinkt und durch das Verlagsprogramm stöbert, der wird an dem Krimi nicht vorbeikommen.

Die Idee dazu trägt Verlagsleiter Carsten Holzendorff schon eine Weile mit sich herum. Im Frühjahr 2009 habe er erstmals daran gedacht, einen Lokalkrimi aus dem Weserbergland zu veröffentlichen. Doch dafür hat er einiges klären müssen: „Der Preis muss natürlich stimmen, ebenso wie die Kaufbereitschaft da sein muss“, sagt er. Zunächst also kalkuliert der Verlagsleiter die Kosten. „Man weiß nie, wie sich der Markt entwickelt“, beschreibt Holzendorff das Risiko, das mit solch einem neuen Schritt verbunden ist. Wie sehen die Strategien anderer Verlage aus? Wie wird das Buch vermarktet? Ein Blick über den Tellerrand habe bald gezeigt: Lokalkrimis sind derzeit auch in anderen regionalen Verlagen sehr erfolgreich.

Doch wer schreibt eigentlich das Buch? Den „vernünftigen Autor“, nach dem der Verlagsleiter sucht, findet er bald. In Hameln. Die Ausschreibung des Rolf-Wilhelms-Literaturpreises, der hier im März vom Deutschen Roten Kreuz verliehen wurde, hat Holzendorff schon mit Interesse verfolgt. Der Kontakt zu Günter von Lonski, dem Sieger des Wettbewerbs, ergibt sich schnell. „Am Freitag bekam ich eine Mail mit dem Konzept von ihm, am Dienstag saßen wir zusammen an einem Tisch. Wenige Tage später war alles unter Dach und Fach.“ Carsten Holzendorff liest sich in die ersten drei Kapitel des Romanes ein. Auch seine fünf Mitarbeiter im Buchverlag lesen fortan die Kriminalgeschichte, die an der Münsterbrücke beginnt. „Es ist entscheidend, dass Autor und Verlag zusammenarbeiten“, sagt Holzendorff, „dann trägt die Arbeit immer Früchte.“

270_008_4374308_ku111_0110_buchmesse2008.jpg
270_008_4376203_ku105_0510_1_.jpg
270_008_4376656_ku103_0610.jpg

Und wie lange braucht ein Schriftsteller für eine 287 Seiten starke Erzählung? Günter von Lonski, der selbst am Abend der Preisverleihung die Idee für den Krimi hat, setzt sich im April an seinen Computer. Er schreibt und schreibt. Lässt sich von den Figuren an die Hand nehmen. 160 Word-Seiten lang ist das Manuskript, das er im August per Mail an den Buchverlag schickt.

Aber ist das jetzt schon fertig? Nein. Denn zunächst beginnt das Lektorieren. Dieses intensive Überarbeiten des Textes übernimmt Carsten Holzendorff selbst. „Innerhalb von zwei Wochen habe ich das Buch durchgearbeitet“, sagt er. „Neben dem Tagesgeschäft.“ Jedes Detail kontrolliert er. Manches schaut er im Internet nach, manches recherchiert er erneut vor Ort. Warum? „Weil ein regionaler Krimi von der Detailtreue lebt.“ So wird die Schlussszene vom inzwischen geschlossenen Klütrestaurant ins Schloss Schwöbber verlegt. Wird eine Szene umgeschrieben, in der der Kiosk an der Eugen-Reintjes-Schule eine Rolle spielt. „Man muss auch bei einem Buch hinbekommen, dass es aktuell ist“, lautet das ehrgeizige Ziel des Verlagsleiters. Der Drucktermin naht. Mehrmals täglich schreibt Holzendorff E-Mails an Günter von Lonski, um Details zu klären. Er korrigiert und liest, liest und korrigiert, ehe ihm der Text einwandfrei erscheint.

Wie der fertig bearbeitete Roman nun zu seinem Cover kommt? Brigitte Mück, die als Buchherstellerin für die Buchproduktion und Gestaltung zuständig ist, erarbeitet 14 Vorschläge. Auf dem Titel prangen Hamelner Motive in den unterschiedlichsten Farben, versehen mit unterschiedlichen Schriftarten und Untertiteln. Was bedacht werden muss: Der Roman ist kein Einzelkind, sondern soll in der Reihe „Weserbergland-KRIMI“ noch Geschwister bekommen. Als Marke hat Carsten Holzendorff die Reihe daher beim Börsenverein des deutschen Buchhandels eintragen lassen – um den Titelschutz zu gewährleisten. In Sachen Cover werden heimische Buchhändler zurate gezogen. Wie wirkt das Buch im Regal auf den Käufer? Welchen Effekt hat es im Schaufenster? „Da konnten uns die Buchhandlungen sehr helfen“, sagt der Verlagsleiter.

Was passiert zur weiteren Vermarktung des Krimis? Das hat Carsten Holzendorff bereits gemeinsam mit dem Autor überlegt. Das Radio wird angesprochen. Lesungen stehen an. Rezensionen in Tageszeitungen sind geplant.

Und die Buchmesse? Dort präsentiert der Verlag auch 20 Exemplare von „Das letzte Lied“. „Die Messe ist ein wichtiger Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit“, weiß der Verlagsleiter. Auch wenn regionale Themen im Meer an Literatur dort leicht untergehen, ist es sein Anliegen, „die regionale Krimireihe zu pushen“. Über Ausstellerausweise, Parkkarte und ein Handbuch über die Buchmesse verfügt Holzendorff schon länger. Die Anmeldungen haben beinahe ein Jahr Vorlaufzeit, die Möbel für den Stand hat der 48-Jährige bereits im Februar ausgesucht. „Dagegen war unser Weserbergland-Krimi ein schneller Schuss“, sagt Holzendorff.

Um 18.30 Uhr werden heute die Fachbesucher die Hallen verlassen. Bis 19.30 Uhr können sich die Aussteller auf dem Messegelände aufhalten. Dann geht’s für Carsten Holzendorff ins Hotel – wo die beiden Regionalkrimis der Konkurrenz auf ihn warten. Ob er dann noch lesen wird? „Mal sehen“, sagt er, „aber in meinem Job kommt das entspannte Lesen meist zu kurz.“

Bis Sonntag ist die Frankfurter Buchmesse geöffnet – am Wochenende dürfen Privatbesucher in den Hallen stöbern. „Dann wird’s meist besonders voll“, weiß Carsten Holzendorff aus Erfahrung. Zum sechsten Mal ist der Verlagsleiter nun bei der Buchmesse. „Dort trifft sich alles“, sagt er. Foto: Fernando Baptista

Gemeinsame Gespräche zwischen Autor Günter von Lonski und Verlagsleiter Carsten Holzendorff stehen am Anfang der Zusammenarbeit. Viel Zeit hat Buchherstellerin Brigitte Mück ins Gestalten des Buchcovers gesteckt. Und wenn das Werk veröffentlicht ist, will es beworben werden: Günter von Lonski bei seiner ersten Lesung aus „Das letzte Lied“ am Montagabend im Medienraum der Dewezet. Fotos: Wal

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare