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Bodendecker und Blattschmuck

Unersetzlich: das Lungenkraut

Stauden sind die Kür für jeden Garten. Im Wesentlichen handelt es sich um frostharte Pflanzen, deren oberirdische Bestandteile vor dem Winter absterben, deren Wurzelstock aber überlebt und im Frühling neu austreibt. Umso wichtiger, sie regelmäßig näher zu betrachten. Diesmal: Lungenkraut (Pulmonaria).

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Autor:

Saskia Gamander und Jens F. Meyer

’Sissinghurst White‘ klingt verlockend; eine besondere Sortenzüchtung mit einem verheißungsvollen Namen zu versehen, ist zweifelsohne alles andere als übertrieben, aber es ist sicher auch gutes Marketing. ’Sissinghurst White‘ nimmt gewissermaßen als Speerspitze der schönsten Lungenkräuter eine besondere Stellung im Hinblick auf die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten mit Pulmonarien ein. Diese Sorte sticht hervor, weil sie reinweiße Blüten hat – kein rosa, kein purpur, kein blau. Der große Name, den sie trägt, soll offensichtlich auf den berühmten weißen Garten der weltbekannten britischen Gartenanlage hinweisen, wo dieses Kraut auch in der Tat wächst. Doch es wäre zu kurz gedacht, mit ’Sissinghurst White‘ den Korridor der Pulmonarien auch schon wieder zu schließen; es ist ratsam, diese besondere Sorte lieber zum Anlass zu nehmen, die Bandbreite der ausgezeichneten Raublattgewächse erst recht auszuloten. ’Sissinghurst White‘ ist nicht das Maß aller Dinge, es ist der Anfang.

Vermag die Blüte biologisch gesehen auch der Höhepunkt eines Pflanzenstadiums darzustellen, so wird sie uns bei allen Lungenkräutern, ähnlich wie bei Hosta, kaum wichtiger erscheinen als das Laub. Es ist sehr dekorativ, weiß und silbrig getüpfelt und gefleckt, schwächer oder stärker ausgeprägt. Und es gibt praktisch keine Lungenkrautarten, die nicht borstig behaart sind. Raublattgewächse eben. Es bleibt aber ein Vergnügen, sie zu berühren, sie in die Hand zu nehmen. Sie stechen nicht unangenehm wie die Blätter des Borretschs, sie sind flauschig wie das Eselsohr. Kein Garten sollte ohne Lungenkraut sein.

Die teils sehr früh einsetzende Blüte verschafft Hummeln und Bienen schon ab März einige Möglichkeiten der Nektaraufnahme. Auch im Jahresverlauf bleiben die meisten Pulmonarien ansehnlich, weil ihr Laub Akzente setzt; im Zusammenspiel mit Begleitpflanzen wie Kriechender Günsel (Ajuga reptans) und Haselwurz (Asarum europaeum) lassen sich die außergewöhnlichen Pflanzen mit ihrer auffälligen Blattzeichnung gut in Szene setzen. Oder vielmehr: Das Lungenkraut setzt auch die Beetpartner in Szene, es bietet ihnen die Bühne und wertet sie durch seine eigene Schönheit auf.

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Sicher ist, dass dies alles wenigstens im Halbschatten oder gar im Schatten geschehen wird. Pulmonarien sind keine Sonnenanbeter, sondern stehen im gewöhnlichen, mit Kompost verbesserten Boden leicht feucht am besten. Zu Füßen von Gehölzen, etwa als Unterpflanzung einer Sichtschutzhecke, verbreiten sie ihren Charme. Vielfach werden die kleinwüchsigen Arten für gute Bodendecker gehalten, aber es ist besser, sie in Vergesellschaftung zu anderen mattenbildenden Pflanzen zu setzen, denn ihre bodendeckenden Eigenschaften sind nicht lückenlos ausgeprägt. Hier benötigen sie Unterstützung. Sie sind aber stark genug, um sich nicht unterkriegen zu lassen: Bisweilen wirkt es geradezu friedvoll, wenn man sieht, dass sich Lungenkräuter, Haselwurz, Lerchensporn und Günsel keinen Platz streitig machen, sondern ihn in Kooperation ausfüllen, währenddessen sie dem unbändigen Okkupieren von Dickmännchen oder Houttuynia cordata lieber nicht ausgesetzt werden sollten.

Man kann sich voll und ganz auf die Winterhärte der Lungenkräuter verlassen. Kälte lässt sie kalt. Tatsächlich handelt es sich hier übrigens nicht nur um eine hübsche Staude, sondern um ein Heilkraut. Man beachte: Das auch in Wäldern wild wachsende Gefleckte Lungenkraut trägt den Namen Pulmonaria officinalis und „officinalis“ bedeutet so viel wie arzneilich. Das kennen wir von bekannten Heilkräutern wie Zitronenmelisse (Melissa officinalis) oder Salbei (Salvia officinalis), hingegen beim Lungenkraut diese Eigenschaft im Laufe der Jahrhunderte in den Hintergrund getreten ist. Heute wird es kaum mehr gegen jede Form von Hustenbeschwerden als Teeaufguss zubereitet, obwohl kein Zweifel an den lindernden Inhaltsstoffen wie Kieselsäure, Flavonoiden und Gerbstoffen besteht, die unter anderem schweißtreibend und schleimlösend wirken. Allein: Die alte Volksheilkunde hat hier an Bedeutung verloren, die moderne Phytotherapie sieht den Einsatz von Lungenkraut so gut wie nicht mehr vor. Wer sich erkältet hat und schwer unter Bronchitis und Husten leidet, kann dennoch den Versuch starten und das „officinalis“-Kraut nutzen. Für eine Tasse Tee werden zwei Löffel frisches Kraut mit heißem Wasser übergossen. Zehn Minuten ziehen lassen und dann Schluck für Schluck trinken – drei Tassen pro Tag.

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