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Und was soll das? Eigentlich gar nichts

In der Stadtgalerie in Hameln läuft das Weihnachtsgeschäft im Dezember 2009 gewohnt turbulent: Hektische Käufer, volle Geschäfte und dicke Einkaufstüten prägen das Bild im Einkaufscenter in der Innenstadt. Plötzlich flutet eine Vielzahl an Jugendlichen mit roten Weihnachtsmützen in das Kaufhaus. Sie verteilen sich schnell im ganzen Gebäude – und bleiben unvermutet wie auf Kommando alle zur gleichen Zeit einfach stehen. Für Minuten ist der Kundenverkehr blockiert, und kopfschüttelnde Besucher verstehen die Welt nicht mehr. Dann ist der Spaß vorbei und so schnell wie sie gekommen sind, verlieren sich die Jugendlichen wieder in der Masse der Einkäufer.

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Autor:

Inken Philippi

In der Stadtgalerie in Hameln läuft das Weihnachtsgeschäft im Dezember 2009 gewohnt turbulent: Hektische Käufer, volle Geschäfte und dicke Einkaufstüten prägen das Bild im Einkaufscenter in der Innenstadt. Plötzlich flutet eine Vielzahl an Jugendlichen mit roten Weihnachtsmützen in das Kaufhaus. Sie verteilen sich schnell im ganzen Gebäude – und bleiben unvermutet wie auf Kommando alle zur gleichen Zeit einfach stehen. Für Minuten ist der Kundenverkehr blockiert, und kopfschüttelnde Besucher verstehen die Welt nicht mehr. Dann ist der Spaß vorbei und so schnell wie sie gekommen sind, verlieren sich die Jugendlichen wieder in der Masse der Einkäufer. „Was sollte das?“, werden sich viele Beobachter gefragt haben und die Antwort ist so einfach: nichts!

Flashmob werden solche Spaßaktionen genannt, sprachlich definiert durch „flash“ = Blitz und „mob“ = böse, gefährliche Menschenmasse. Die Teilnehmer verabreden per Internet und Handy Zeit, Ort und Art der Aktion. In kürzester Zeit können über diese Medien Massen von Menschen erreicht und mobilisiert werden, die dann blitzschnell wie vereinbart und doch scheinbar spontan in Aktion treten. Beispiele für solche Flashmobs gibt es mittlerweile viele. Im April 2009 trafen sich am Kölner Dom Hunderte Jugendliche zu einer öffentlichen Kissenschlacht. Im März 2008 zwang ein Flashmob am Berliner Ostbahnhof die McDonald’s-Filiale mit einer Bestellung von mehr als 10 000 Burgern in die Knie. Und auch die oberen Zehntausend blieben nicht vom Mob verschont: Im Juni 2009 rief der 26-jährige Christoph Stüber zu einer Party auf der Nobel-Insel Sylt auf, und 5000 Feierlustige reisten an, um auf dem weißen Sandstrand mit dem jungen Schleswiger ausgiebig zu feiern.

Als Erfinder des Flashmob gilt der US-amerikanische Journalist Bill Wasik. Im Frühjahr 2003 rief er in New York per Internet und Handy zur ersten Veranstaltung dieser Art auf. Mit Erfolg, denn mehr als hundert Teilnehmer versammelten sich in einem Kaufhaus in Manhattan um einen Teppich. Mitarbeitern des Geschäfts teilten sie mit, dass sie einen „Liebesteppich“ suchten und Kaufentscheidungen grundsätzlich gemeinsam träfen. Danach versammelte sich eine noch größere Gruppe in einer Hotellobby und applaudierte exakt 15 Sekunden. Wasiks Absicht war jedoch eine hintergründigere, als einfach nur Spaß zu haben. Mit der Aktion wollte er nach eigenem Bekunden „hippe Leute“ vorführen und ihre Bereitschaft Teil des „nächsten großen Dings“ zu werden, egal, wie sinnlos die Maßnahme auch immer sei. Einzig das Streben nach Konformität in der großen Masse veranlasse die Menschen, so Wasik, an Flashmobs teilzunehmen.

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Trotzdem wurden die Aktionen noch im selben Jahr zum Gesellschaftsphänomen. Immer fanden sie an öffentlichen Orten statt, die Welle schwappte auch nach Europa, ebbte aber gegen Ende des Jahres wieder ab. Seit 2007 erleben die Flashmobs jedoch ein Revival. Sie sind eigentlich nie politisch motiviert und fast immer friedlich, einziger Beweggrund der meist jugendlichen Teilnehmer: Spaß haben. Dass sie dabei hin und wieder trotzdem unfreiwillig Werbung machen, zum Beispiel für verschiedene McDonald’s-Filialen, ficht die meisten nicht an. Die Werbeindustrie hat das große Potenzial der Flashmobs hingegen längst erkannt. Als eins der ersten Unternehmen warb T-Mobile Großbritannien in einem Werbespot mit einem Flashmob für seine Produkte: Am Bahnhof Liverpool Station in London stürmen plötzlich Hunderte den Bahnsteig und beginnen im Gleichschritt zur Musik zu tanzen. Mit dem Ende der Melodie verschwinden auch die Menschen wieder.

Politisch motivierte Aktionen dieser Art fallen unter den Begriff Smartmob („smart“ = klug), der sich vom Flashmob ausschließlich in der Sinnhaftigkeit des Tuns unterscheidet. So setzte zum Beispiel die Gewerkschaft ver.di Smartmobs im Arbeitskampf ein. In einem Supermarkt, in dem Streikbrecher arbeiteten, tauchten die Blitzläufer plötzlich auf und befüllten Einkaufswagen mit Pfennigprodukten, die sie entweder im Laden stehen ließen oder sich damit in langen Schlangen an den Kassen anstellten. So wurde der Markt für längere Zeit vollständig blockiert. Das Bundesverfassungsgericht wird im kommenden Jahr klären müssen, ob solche Flashmobs als Mittel des Arbeitskampfes zulässig sind, denn der Einzelhandel hat gegen die Aktionen Verfassungsbeschwerde eingelegt.

Unangenehme Folgen hatte auch die Sylt-Party von Christoph Stüber. Die Inselverwaltung schickte ihm eine Rechnung über 20 000 Euro. Es waren Aufräumarbeiten notwendig, um die Insel gewohnt gepflegt aussehen zu lassen, Stüber soll nun dafür zahlen. Der Anführer eines Flashmobs in München wurde sogar verhaftet. In einem Schwarm bewegten sich die Menschen durch die Stadt und blockierten dabei auch Straßen und Plätze, was die Polizei veranlasste, Initiator Benjamin David vorläufig festzunehmen.

Mit oder ohne Ziel, fest steht, dass das Phänomen Flashmob als Resultat einer virtuellen und vernetzten Gesellschaft die Menschen beschäftigt. Die Spaßaktionen verwirren und belustigen Passanten, beschäftigen Künstler und Gerichte gleichermaßen und lassen die Teilnehmer für kurze Zeit Teil einer großen Bewegung werden – zumindest, bis der geplante Nonsens die Generation SMS zu langweilen beginnt.

Bis dahin gibt es sicherlich Schlimmeres, als im Trubel eines Einkaufszentrums gebremst zu werden. Denn selbst wenn die Hamelner Aktion verwirrte, zumindest zwang sie kurz zum Innehalten. Und das hat nicht nur in der Weihnachtszeit seinen Wert.

Flashmob macht‘s möglich: Sturm auf eine Burger-Filiale in Bad Pyrmont (li.) und Stillstand in der Hamelner Stadtgalerie. Fotos: rom/gro

Sie kommen zu Hunderten und verblüffen mit absurden Aktivitäten wie einer plötzlichen Kissenschlacht oder spontanem Applaus. Nach wenigen Minuten ist der Zauber beendet. Zurück bleiben verdutzte Passanten: Sie sind soeben Zeuge eines Flashmobs geworden.

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