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„Viel besser als diese E-Guider“ / Zwischen Zerstören, Konservieren und zahlreichen Gesprächen

„Und warum kann da keine Glasplatte drauf?“

Hameln. In Trier oder Ephesus stolpern die Touristen förmlich und in Scharen in die Vergangenheit, über Säulen der Antike, werden mit der Nase darauf gestoßen, wie diese Städte weit vor jener Zeit ausgesehen haben, als die Besucher ihren ersten Atemzug taten. Auch in Hameln ist Geschichte nachvollziehbar – ohnehin, ablesbar an den historischen Gebäuden, aber derzeit besonders faszinierend in der fünf Meter tiefen Baugrube am Markt.

Noch bis Ende dieser Woche wird am Markt längst Vergangenes wied

Von Birte Hansen

Hameln. In Trier oder Ephesus stolpern die Touristen förmlich und in Scharen in die Vergangenheit, über Säulen der Antike, werden mit der Nase darauf gestoßen, wie diese Städte weit vor jener Zeit ausgesehen haben, als die Besucher ihren ersten Atemzug taten. Auch in Hameln ist Geschichte nachvollziehbar – ohnehin, ablesbar an den historischen Gebäuden, aber derzeit besonders faszinierend in der fünf Meter tiefen Baugrube am Markt. Dass dieses Fenster in die Vergangenheit, durch das täglich Passanten wie gebannt blicken, Ende der Woche wieder zugeschüttet und weder Brunnen noch Mauerreste aus dem 12. Jahrhundert für die Nachwelt begreifbar bleiben sollen, ist für viele schwer nachzuvollziehen. Auch, dass sie an Ort und Fundstelle keine Informationen in Form von Schildern darüber finden, was denn dort eigentlich gerade passiert und zu sehen ist, bedauern einige.

Mit einer Engelsgeduld erklären die beiden Archäologen Joachim Schween und Kay Suchowa immer wieder, was sie tun, was sie gefunden haben, diskutieren mit den Zaungästen und freuen sich, dass ihre Arbeit auf so großes Interesse stößt. „Hier wird richtig Kontakt hergestellt“, berichtet Schween von dem Geschehen oberhalb seines Arbeitsplatzes. Nicht nur erläutern er und Suchowa die jüngsten Funde wie kleine grüne Kachelsplitter, sondern auch die Passanten kommen untereinander ins Gespräch – ein Forum im klassischsten aller Sinne entsteht an dieser Stelle, die Schween als neuralgischen Punkt der einstigen Siedlung Hamelon bezeichnet. Und das absolute Gegenteil von virtuell. Greifbar, staubig, echt. So lässt sich Geschichte vermitteln, stellt ein Mann fest und spricht aus, worüber andere lernwillige Ortskundige schmunzeln müssen: „Viel besser als diese E-Guider“, sagt er und nickt Richtung Hochzeitshaus, in dem die jungen Relikte der eben nicht greifbaren Erlebniswelt Renaissance verschlossen sind. Hier draußen können kleine Jungs in die Grube krabbeln, von Kay Suchowa eine lebendige und prägende Lehrstunde auf echtem Kieselpflaster aus dem 12. Jahrhundert bekommen und sich ausmalen, wie Ritter mit ihren Pferden über genau dieses Pflaster ritten, auf dem sie jetzt mit ihren eigenen Füßen stehen. Faszination Geschichte, live, nur ein bisschen zeitverzögert.

Jede Minute, die die Archäologen für Erklärungen aufwenden, fehlt ihnen für die Grabungen. Ginge es nach ihnen, hätten sie noch „eineinhalb Jahre“ zur Verfügung, um richtig sauber und wissenschaftlich zu arbeiten und um alles so zu machen, wie es ihren Ansprüchen entspricht. Ihnen werden an dieser Stelle noch vier Tage gewährt. Eine Verlängerung kommt nicht in Frage. „Wir sind der Auffassung, dass die für die Grabungen zur Verfügung stehende Zeit ausreicht. Es gibt bei den Grabungen keinen Zeitdruck“, heißt es seitens der Stadt. Doch um möglichst viel zu schaffen und emporzuheben, wird gerade auch mal bis 23 Uhr gearbeitet, bei einem festen Tagessatz, den Schween vereinbart hat. Für den daraus resultierenden Stundenlohn würde in einer Autowerkstatt niemand einen Finger krumm machen.

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Ein ganz besonderer Fund: die Scherbe einer Ofenkachel mit einem
  • Ein ganz besonderer Fund: die Scherbe einer Ofenkachel mit einem Drachenmotiv.

Bei aller Leidenschaft für sein Fach und bei aller Sehnsucht auch einiger Passanten nach einem „Mehr“ an Zeit und Erkenntnissen und Geschichtsvermittlung, schiebt Schween eine allzu romantische Sichtweise der Archäologie beiseite. „Die Funde offen liegen zu lassen oder die Fundstellen mit Glasplatten abzudecken“, ist offenbar leichter gesagt als getan und als es sinnvoll ist. Glasplatten würden Algen ansetzen und Moos durch das kondensierende Wasser, so Schween. Und die Funde, wie es in Ephesus oder Rom oder Trier der Fall ist, Wind und Wetter auszusetzen, bedeutete, sie dem Verfall preiszugeben. „Wir haben es hier mit einem weichen Sandstein zu tun“, sagt Schween beispielsweise über den freigelegten Brunnen, der „wohl nicht von der Öffentlichkeit genutzt wurde“. Der Stein zerbröselt schnell, anders als nordischer Granit oder Obernkirchener Sandstein, und müsse unglaublich vorsichtig angefasst werden. Auch „Abbauen und wieder Aufbauen“ könne nicht riskiert werden, weil damit weitere Zerstörung riskiert würde. Denn schon jetzt erhielten die Archäologen nicht nur und machten Vergangenes sichtbar, sondern zerstörten eben auch das Vorhandene jeden Tag aufs Neue. Schween ist diesbezüglich emotionsloser als manch externer Betrachter. Eben weil unter der Erde alles so gut geschützt gewesen sei, könnten die Archäologen jetzt graben und finden, sagt er. Zahlreiche Symposien hätten sich schon damit befasst, wie man freiliegendes Mauerwerk archivieren kann. „Das geht schief“ ohne besondere Maßnahmen, sagt Schween. Die Stadt argumentiert überdies, dass beispielsweise der rekonstruierte Brunnen in der Thietorstraße bei der Bevölkerung kaum Beachtung finde. Und besondere Erhaltungsmaßnahmen sind immer auch eine Frage des Geldes.

Mit viel Geld ließe sich auch die Grabung intensivieren, mit mehr Mann mehr entdecken und Geschichtslücken schließen. Doch wer sollte das bezahlen? Mäzene und Sponsoren sind in dieser Szene laut Schween selten. Theoretisch denkbar sei es natürlich, dass ein Unternehmen einspringt und sagt „Wir zahlen!“, damit Hamelner die Chance haben, live vor Ort Geschichte zu verstehen. 24 000 Euro investiert die Stadt Hameln in die Grabungen. Weder mehr Geld noch eine Verlängerung der Grabungen stehen im Rathaus zur Debatte, auch deswegen nicht, um den Anliegern keine Bauzeitverlängerung zuzumuten. Einer Ausstellung der Fundstücke zu einem späteren Zeitpunkt ist die Stadt nicht abgeneigt. Das leer stehende und naheliegende Hochzeitshaus in unmittelbarer Nähe komme dafür aber nicht in Frage, heißt es. Dort solle Gastronomie einziehen.

Bleibt nur die Frage, warum Hameln nicht ganz offensiv wirbt und wuchert mit seinen neuen Funden und Pfunden und sowohl vor Ort als auch online informiert über Kacheln und Co. „Dann müssten wir dort ja jede Woche neue Schilder aufhängen“, heißt die Begründung. „Und die Archäologen erzählen ja auch gerne von ihrer Arbeit.“

Passanten jedes Alters nutzen die Gelegenheit für einen äußerst anschaulichen Geschichtsunterricht am Bauzaun. Die Stadt hat sich dafür eingesetzt, dass die Arbeiten sichtbar bleiben und der Zaun nicht mit Planen abgedeckt wird.

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