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Und plötzlich fühlt man sich ausgebrannt

Für die sechs Betroffenen, die an diesem Dienstagabend zu ihrem regelmäßigen Treffen erscheinen, steht eines fest: „Ohne die Gruppe hätte ich manchmal nicht mehr ein und nicht mehr aus gewusst.“ Als eine Stärkung empfinden die Mitglieder diese Treffen und einer von ihnen erzählt: „Bei Bedarf helfen und unterstützen wir uns natürlich gegenseitig, denn jeder hat seine ganz individuellen Stärken, von denen auch die anderen profitieren können.“ Wenn zum Beispiel ein Betroffener mit einer Formalität, wie beispielsweise einem Behördengang, einem Gespräch mit einem Bankberater oder Ähnlichem, überfordert ist, dann stehe ihm ein anderes Gruppenmitglied zur Seite.

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Autor:

Matthias Rohde

Die meisten Betroffenen sind schon seit der Gründung der Selbsthilfegruppe dabei, und sie alle erinnern sich noch an den Tag, als sie zum ersten Mal auf die anderen getroffen sind. Von Überwindung sprechen einige, von einem mulmigen Gefühl andere, aber auch von Hoffnung. Von den anfänglich gut ein Dutzend Mitgliedern sind derzeit acht als Kerngruppe verblieben, und ihre persönlichen Leidensgeschichten sind so unterschiedlich wie ihre Berufe. Vom Unternehmer bis zum Hartz-IV-Empfänger ist nahezu jede gesellschaftliche Gruppe vertreten. Die Männer sind in der Überzahl und das Alter der Gruppenmitglieder liegt zwischen 40 und 60 Jahren. Die meisten von ihnen haben bereits eine stationäre Therapie absolviert, viele befinden sich in psychologischer Behandlung, und einer wartet seit Mai auf seinen bereits zugesagten Therapieplatz. „Das kann wohl noch bis Januar dauern“, fügt er sichtlich zerknirscht an.

Dabei betonen nicht nur die Betroffenen, sondern mit ihnen auch zahlreiche Experten, dass bei einem erkannten Burn-out-Syndrom eine möglichst zeitnahe Intervention erfolgen müsse. Allein: Gerade in den ländlich strukturierten Regionen Niedersachsens ist die Versorgung mit niedergelassenen Psychotherapeuten desaströs. Von Wartezeiten von sechs und mehr Monaten berichten die Mitglieder der Selbsthilfegruppe. Durch die unzureichende Versorgungslage ergebe sich ein weiteres Problem, wie einer meint: „Wenn man dann endlich einen Termin bekommen hat, dann ist es wichtig, dass der Arzt oder Therapeut auf mich eingehen kann.“

Und beinahe jeder Betroffene hat genau gegenteilige Erfahrungen gemacht. Ein Akademiker in der Runde kommt bei diesem Thema so richtig in Fahrt, gestikuliert, spricht das aus, was die meisten anderen denken, formuliert Beschwerden und Anliegen wohlfeil und wirkt damit alles andere als erschöpft. Dass sie heute wieder kraftvoll für einige Ziele einstehen, sei auch ein Verdienst der gemeinsamen Treffen, betonen die Mitglieder. Dann berichten sie von ihren Erfahrungen mit der Krankheit. Nicht bei jedem war es der Beruf, der zur totalen Erschöpfung geführt hat, die symptomatisch für das Burn-out-Syndrom ist. Bei dem einen war es die tödliche Krankheit eines nahen Verwandten, bei anderen die Scheidung vom Lebenspartner und die überraschende Kündigung, wieder andere berichten von körperlichen Krankheiten.

Lauscht man den Schilderungen der Betroffenen aufmerksam, dann ist allen ein gefühlter Leistungsdruck gemein. Funktionieren müssen, keine Zeit für Entspannung haben, überbordende Verantwortung. Als Getriebene haben sie sich gefühlt, von einem Termin zum anderen gehetzt, von einer Aufgabe zur nächsten. Und dann ist da die Frage nach dem Warum. Sie schweigen eine Weile, einer meint halblaut: „Ja, wenn wir das wüssten.“

Viele Monate ist ein Mitglied der Gruppe nun schon krankgeschrieben. Es wären gar nicht einmal die verbalisierten Arbeitsanweisungen gewesen, die ihn immer mehr Zeit und Energie in den Job hätten investieren lassen. „Es wurde von mir schlicht erwartet, dass ich meine Aufgaben erfülle.“ Und weil er aber zunehmend leistungsschwächer wurde, habe er versucht, diesen Effektivitätsverlust durch mehr Engagement wettzumachen. Mit dem Ergebnis, dass er rund um die Uhr mit der Arbeit beschäftigt war, pro Tag zwei bis drei Stunden geschlafen hat und nun völlig ausgebrannt vor den Scherben seines Berufslebens steht.

Der Hamelner Psychologe und Psychotherapeut Karl Möller erkennt in diesem Werdegang eine klassische Ursache für das Burnout-Syndrom: „Der Leistungsdruck am Arbeitsplatz ist stärker geworden. Das betrifft vor allem die Berufe mittlerer Führungsebenen.“ Bei den klassischen Helferberufen, wie beispielsweise Ärzten, Krankenpflegern und Pädagogen entstehe ein hoher Leistungsdruck nicht zuletzt aus der dem Berufsfeld zugrunde liegenden sozialen Ausrichtung. Möller: „Helfer sind vor allem deswegen besonders vom Burnout-Syndrom betroffen, weil es für sie in der Regel keine messbaren Leistungsnachweise gibt.“ Helfer wollen helfen, und das zuweilen auf Kosten der eigenen Gesundheit. Auch in der Hamelner Selbsthilfegruppe gibt es ein Mitglied, das in einem klassischen Helferberuf tätig ist. Allerdings betont die einzige Frau an diesem Abend: „Bei mir lagen die Ursachen für die Erkrankung im privaten Bereich, und mein Job, meine Kollegen und vor allem mein Chef haben mich sehr gut unterstützt.“ Für die meisten Mitglieder hat es eine lange Zeit gedauert, bis sie überhaupt erkannt haben, dass sie von Burnout betroffen sind. Einerseits, weil es ihnen selbst schwer fiel, dieses Krankheitsbild zu akzeptieren, anderseits, weil auch die zurate gezogenen Ärzte und Fachleute mitunter im diagnostischen Nebel stocherten. In Fachkreisen wird das Burnout-Syndrom auch als „randunscharfe Menge“ definiert. Bei der Diagnose, so bemängeln Experten, werden vor allem Fragebögen verwendet, die auf die Selbstauskunft der Betroffenen setzen. Eine objektive Fremdbeurteilung gebe es derzeit noch nicht.

Die Burnout-Ursachenforschung gleicht einem wissenschaftlichen Tohuwabohu. Einige Erklärungsmodelle konzentrieren sich auf die Persönlichkeit der Betroffen. Von übertriebener Opferbereitschaft, falschem Idealismus und dem Drang zu Perfektionimus ist in diesem Modell die Rede. Andere Modelle konzentrieren sich auf die steigenen Anforderungen im Beruf und wieder andere auf die sich verändernde Gesellschaft. Die Krux: Weder die internationale Klassifikation der Krankheiten noch das „Diagnostische und Statistische Handbuch psychischer Störungen“ führt das Burn-out-Syndrom als eigenständige Krankheit auf. Der behandelnde Arzt werde so mehr oder weniger gezwungen, eine beliebige Zuschreibung vorzunehmen, meinen Wissenschaftler. Hierdurch und nicht zuletzt durch die langen Wartezeiten auf Facharzttermine und Therapien entstehen den Krankenkassen horrende Kosten.

Und gerade weil die individuellen Symptome, der unterschiedliche Verlauf der Krankheit sowohl die Patienten als auch die behandelnden Ärzte vor große Herausforderungen stellen, sei es wichtig, den Fokus vor allem auf die Prävention zu legen. Entspannungsübungen, Seminare zum Zeitmanagement und vieles andere mehr machen derzeit die Runde.

Für die Betroffenen der Hamelner Selbsthilfegruppe allerdings kommen diese Präventionskonzepte zu spät. Sie alle aber haben in unterschiedlicher Ausprägung erkannt, dass sie einige Bereiche in ihrem Leben umgestalten müssen. Der Unternehmer will sein Unternehmen abgeben. Wie er selbst einräumt, sei das ein harter Schnitt, aber er möchte seine Familie nicht mehr anschnauzen, weil sie während eines Urlaubs fünf Minuten zu spät zu einem gemeinsamen Essen erschienen ist.

Einige ändern ihre privaten Lebensverhältnisse, wie zum Beispiel der Mann, der den Sport für sich entdeckt hat: „In meiner Arbeitspause renne ich eine halbe Stunde. Das ist ein befreiendes Gefühl.“

Und aufmerksamer sind sie geworden, sensibler mit sich und ihren Ressourcen gehen sie um. Das müssen sie auch, wie sie betonen, denn die Gefahr eines Rückfalls sei ihr ständiger Begleiter, und keiner von ihnen möchte wieder nachts schweißgebadet und mit klopfendem Herzen aufwachen, sich gehetzt, getrieben und auf der Jagd fühlend.

Ein großes Problem war für alle Betroffenen, ihrer Familie, den Freunden und Bekannten zu erklären, dass sie von Burnout betroffen sind; denn es sind genau diese inneren Mechanismen, die nur schwer zu kommunizieren seien. Da, wo jeder nicht Betroffene sich selbst bremst und für ein seelisches Gleichgewicht sorgt, genau an dieser Stelle funktionieren Burnout-Betroffene anders. „Ich habe zwar eine Therapie gemacht, aber die Angst, wieder in eine Burnout-Situation zu fallen, ist natürlich vorhanden. Ich muss sehr gut auf mich aufpassen“, gibt einer der Mitglieder zu.

Für den Gruppenleiter ist eines besonders wichtig: „Es kommt vor allem darauf an, dass die Betroffenen nach einer Therapie gute Unterstützungs- und Übergangsangebote bekommen, denn gerade nach einer solchen Therapie müssen sich die meisten Betroffenen in vielen Lebensbereichen ganz neu ausrichten.“ Aber genau in diesem Bereich herrsche aktuell noch ein großer Mangel.

Interessierte und Betroffene können über die Telefonnummer des Paritätischen Hameln-Pyrmont Informationen zur Burnout- Selbsthilfegruppe erfahren: (0 51 51) 57 61 13.

Expertenschätzungen zufolge sind rund neun Millionen Menschen in Deutschland vom Burnout-Syndrom betroffen. Mit dem dramatischen Wertewandel in der Gesellschaft steigt das Burnout-Risiko – das jedenfalls meinen einige Mitglieder einer regionalen Selbsthilfegruppe.

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