weather-image
Neue GfK-Studie zur Stadt-Galerie / Erweitertes Einzugsgebiet kollidiert mit Mindener ECE-Projekt

Umsatzeinbruch im Handel – wer ist schuld?

Hameln (wer). Es sind zwei Botschaften, die das neue GfK-Gutachten zur Entwicklung des Innenstadt-Einzelhandels im Kern vermitteln will. Die eine: Durch die Stadt-Galerie hat die Einkaufsstadt Hameln neue Schubkraft erhalten, auf der vergrößerten Verkaufsfläche legt der Umsatz deutlich zu. Auf der Rückseite dieser Medaille steht jedoch: Außerhalb der Stadt-Galerie selbst hat der innerstädtische Handel an Boden verloren. Die Umsätze gingen gegenüber 2003 um 15 Prozent zurück – und damit über das erwartete Minus hinaus. Gründe dafür sehen die von der ECE Projektmanagement GmbH beauftragten Gutachter aber weniger in der Stadt-Galerie als in den Kahlschlägen von Hertie und Quelle in der Osterstraße

Laut GfK-Studie ist das Einzugsgebiet Hamelns (über die Prognose von 2003 hinaus) expandiert – bis vor die Tore Mindens. D

Mit der neuen Erhebung überprüft die Gesellschaft für Konsumforschung die Prognosen der eigenen Verträglichkeitsstudie aus dem Jahr 2003, erstellt damals im Auftrag der Stadt für das geplante ECE-Center. Zugleich reagieren die Marktforscher auf die Passanten-Zählung des Pestel-Instituts, die im März veröffentlicht wurde und einen Rückgang der Besucherströme in Teilen der Fußgängerzone nach dem Bau der Stadt-Galerie bilanzierte.

Der Pestel-Erhebung werden handwerkliche Mängel vorgehalten. Sie unterzeichne die Frequenzen „signifikant“, weil die Zeiträume von 9 bis 10 und 18 bis 20 Uhr ebenso wenig berücksichtigt worden seien wie die Besucherströme in der Stadt-Galerie selbst. Immerhin, so die eigene Zählung (im Mai dieses Jahres), seien zu den Randzeiten im Schnitt 15 Prozent der Passanten unterwegs. Und die Zahlen an beiden Center-Eingängen machten zusammen fast 24 Prozent der Gesamtzahlen in der Innenstadt aus.

Den größten Andrang hat die GfK an der Ecke Bäcker-/ Fischpfortenstraße ermittelt, bereits der zweithöchste Wert aber wurde am Haupteingang der Galerie notiert. Eine deutlich schwächere Frequenz weist dagegen die östliche Osterstraße auf, die Gutachter gehen davon aus, dass der Passantenverkehr hier „merklich“ nachgelassen hat. Entsprechend wird gegenüber 2003 eine Verschlechterung der Standortqualität konstatiert. Auch der mittleren Osterstraße wird keine A-Lage mehr bescheinigt.

War der Abfall im östlichen Bereich einkalkuliert, habe man den Negativtrend im übrigen Straßenverlauf nicht erwartet, heißt es in der Studie. Weil er – das Kernargument – nicht primär auf das ECE-Center zurückzuführen sei, sondern dafür „in allererster Linie die Insolvenzen der Karstadt/Hertie bzw. Quelle-Muttergesellschaften verantwortlich“ seien. Zudem haben sich die allgemeinen Rahmendaten (Bevölkerungszahl, Beschäftigung und Kaufkraft) leicht verschlechtert.

Laut Gutachten ist die Osterstraße der große Verlierer bei der Umverteilung in der Innenstadt. In fast allen anderen Bereichen ist die Lagequalität unverändert geblieben, verbessert hat sie sich im Bereich Bäckerstraße/Markt und Thietorstraße (obwohl nicht so positiv wie angenommen), verschlechtert sonst nur noch um die Neue und Alte Marktstraße.

Insgesamt hat demnach der Leerstand geringfügig zugenommen, sich aber nicht auffällig negativ entwickelt. Den Kritikern schreibt die Studie ausdrücklich ins Stammbuch: „Die Initiierung von städtebaulichen Missständen durch die Stadt-Galerie [...] ist in jedem Fall im Hamelner Innenstadtbild nicht ablesbar.“

In Quadratmetern und Euro ausgedrückt, formulieren die Gutachter ihre These so: Bereinigt man den Rückgang der Verkaufsflächen außerhalb der Stadt-Galerie (minus 4 140 Quadratmeter oder 11,6 Prozent) um die Sonderfälle Hertie und Quelle, verbleibt ein Minus von 790 Quadratmetern oder 2,4 Prozent gegenüber 2003. Dieser Wert liege „in der Größenordnung einer üblichen Ladenlokal-Fluktuation“. Die Stadt-Galerie mitgerechnet, hat die Verkaufsfläche in der Innenstadt um 7550 Quadratmeter zugelegt (17,7 Prozent), mit Hertie und Quelle (für die es inzwischen Nachnutzer gibt) läge der Zuwachs bei 10 900 Quadratmetern (26 Prozent).

Ähnlich das Bild bei den Umsätzen: Der alteingesessene Handel (ohne ECE-Center) hat 2009 gegenüber 2003 Einbußen um 15 Prozent zu verkraften, Hertie und Quelle herausgerechnet sind es „nur“ 6,3 Prozent. Prognostiziert wurde ein Minus von 10,1 Prozent. Zusammen mit der Stadt-Galerie hat der Innenstadt-Handel seinen Umsatz dagegen um 24,9 Millionen Euro (16,8 Prozent) auf 172,9 Millionen Euro gesteigert.

Als Argument für eine Stärkung der Innenstadt führt die Studie die wachsende Ausstrahlungskraft auf das Umland an – und zwar über die Erwartungen hinaus. 2003 hatte die GfK eine Vergrößerung des Einzugsgebietes durch die Stadt-Galerie von rund 180 000 auf 367 000 Einwohner (2010) prognostiziert – de facto sei man jetzt bei 494 661 Einwohnern angekommen. Geografisch gehe das aktuelle Einzugsgebiet in Schaumburg, Lippe, bei Barsinghausen und Nordstemmen über die Prognose-Grenze hinaus, nur im Osten bei Alfeld bleibe es dahinter zurück (siehe Grafik).

Mit Blick auf größere Einkaufscenter in Nachbarstädten erkennt das Gutachten gegenüber 2003 keine „gravierenden Veränderungen“ im regionalen Wettbewerb. Das allerdings könnte sich ändern. In Minden startet ausgerechnet ECE selbst einen zweiten Anlauf für ein Center, diesmal mit Priorität für den ehemaligen Karstadt/Hertie-Komplex auf rund 25 000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Erwartet wird, dass der Hauptausschuss hier am 9. Dezember grünes Licht für eine Entwicklungsvereinbarung gibt.

Interessant ist das vom ECE in Minden präsentierte Einzugsgebiet des neuen Centers: Es schließt den Süden Schaumburgs ein und reicht bis Hessisch Oldendorf. Die Überlappungen mit dem Hamelner Einzugsgebiet sind beträchtlich.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare