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Tränen nach der bitteren 0:2-Niederlage / Viele Fans verlassen fast fluchtartig den Biergarten

Trost kommt von den italienischen Freunden

Michael Grundmeier

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Bückeburg. "Ist es schon vorbei?" Enttäuscht schaut die siebenjährige Chantal hoch zu ihrer Mutter. Sie hatte zusammen mit rund 300 Fans vor der Großbild-Leinwand am Parkcafe gesessen und mitgefiebert. Nach einem nervenzerfetzenden Spiel hatten sich die Zuschauer schon auf das Elfmeterschießen gefreut. Dann der Doppelschlag direkt ins Herz der Bückeburger: 119. Minute Grosso, 120 Minute del Piero. Die Residenzstadt verfiel Dienstagabend nach der Niederlage des deutschen Teams gegen Italien in einen Schockzustand. Dabei hatte es so schön angefangen. Bückeburg hatte sich für den Klassiker Deutschland-Italien richtig herausgeputzt. In vielen Fenstern hingen deutsche Flaggen, etliche Geschäfte hatten entsprechend dekoriert. Am Abend ist ganz Bückeburg dann ein einziges Volksfest. Überall gibt es große und kleine WM-Partys. Nach und nach strömen immer mehr Fans in die Innenstadt. Während die deutschen Anhänger eher die öffentlichen WM-Feten bevorzugen, sitzen die italienischen Tifosi in den kleinen Cafes und Pizzerien zusammen. Carlo Morandin, Besitzer des Eiscafe Venezia an der Langen Straße, meint salomonisch: "Der Bessere sollheute gewinnen." Die Zuschauer am Sabléplatz sind nicht ganz so tolerant. "Berlin, Berlin wir fahren nach Berlin"- Rufe kommen auf, als die deutsche Mannschaft offensiv startet. Torben Mensching aus Minden ist sich sicher, dass Ballack und Co. nichts anbrennen lassen. "Die gewinnen... Die Italiener spielen ja nur zurück, die haben doch Angst." Nach rund 20 Minuten werden die Blauen aber stärker, ein offener Schlagabtausch entbrennt. Um die deutschen Spieler voranzutreiben, versuchen sich die Dortmunder Stadionbesucher an der Welle. In Bückeburg unterstützen die Zuschauer ihre Mannschaft mit Gesängen und viel Beifall. Als dann schließlich die Verlängerung beginnt, hoffen die meisten Fans am Sabléplatz noch. Noch nie in jüngster Zeit ist eine italienische Mannschaft im Elfmeterschießen weitergekommen. "Außerdem haben wir Lehmann," meint der siebenjährige Oliver, der sich mit seinen Freunden den besten Platz ganz vorn unter der Leinwand gesichert hat. Es ist schon längst dunkel. Normalerweise wäre der Kleine im Bett. Aber nicht an diesem Tag. Er hat rote Wangen und sieht müde aus, winkt aber nach wie vor mit seinem kleinen schwarz-rot-goldenem Fähnchen. Auch die deutsche Mannschaft bekommt schwere Beine. Die Fans am Park-Cafe leiden mit. "Durchhalten," ruft es von hinten. Als alle an ein Elfmeterschießen glauben und in Bückeburg der eine oder andere schon von Berlin träumt, schlägt der Italiener Grosso zu. Schlagartig ist die Stimmung auf dem Nullpunkt. Ein kollektiv gestöhntes "Nein", manche schlagensich die Hände vors Gesicht. Totenstille. Aber noch ist nicht Schluss. Der Blick zur Uhr: 60 Herzschläge müssen die Italiener noch zittern. Vielleicht geht doch noch was. Dann der Schock: Ein gekonnter Pass, ein Schuss - aus und vorbei, del Piero setzt den Schlusspunkt. In Bückeburg herrscht Fassungslosigkeit, viele Besucher verlassen fluchtartig den Park. Andere bleiben sitzen und starren auf die Leinwand, ebenso enttäuschte Fans in Dortmund schauen mit nassen Augen zurück. Kleinere und größere Gruppen stehen noch lange zusammen und versuchen das schnelle Ende zu verarbeiten. Am Brunnen hocken Tilman Holthöfer (14) und Mario Welter (13). Die Fahne liegt zusammengerollt vor ihnen. Sie können das Blitz-Aus noch gar nicht fassen. "Damit habe ich wirklich nicht gerechnet, deshalb bin ich so traurig. Wir sind trotzdem stolz, dass wir so weit gekommen sind," meint Tilman. Ganz anders ist die Stimmung in der Pizzeria "Napoli da Michelina" in der Wallstraße. Hier haben seit dem Nachmittag deutsche Gäste und italienische Besitzer zusammen gefeiert. "Wir halten das jetzt seit 17 Uhr aus," meint Gunter Bulman aus Quetzen scherzhaft. Er gönnt seinen italienischen Freunden den Sieg, ist aber trotzdem enttäuscht. "Ich bin zwar kein Fußballfan, aber als die deutsche Mannschaft verloren hatte, hat das weh getan." Die Besitzer Michelina und Domenico Galeazza versuchen ihn zu trösten. "Die Deutschen haben wirklich großartig gespielt." Antonio Li Poma aus Bückeburg versucht ebenfalls Trost zu spenden: "Es tut mir so leid, wir wissen wie weh so etwas tut." Weil er schon lange hier lebt und "die Deutschen liebt" hat er in allen anderen Spielen den Klinsmann-Kickern die Daumen gedrückt. Heute abend aber schlägt sein Herz italienisch: "Pizza, Spaghetti, Fußball - ich liebe mein Heimatland."

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