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Das Thema „Scheintod-Gefahr“ erhitzte noch vor 235 Jahren die heimischen Gemüter

„Todt geglaubte Menschen“ begraben

Die Erfahrung lehre, dass immer wieder „todt geglaubte Menschen“ beerdigt würden „und dann ihr Leben in der Gruft auf die fürchterlichste Art verlieren“, warnte 1775 der schaumburg-lippische Graf Wilhelm seine Untertanen. Deshalb solle „hinführo Niemand begraben werden, bevor das sichere Merkmal der Verwesung befunden“ sei. Das gelte für Kinder genauso wie für Erwachsene und Alte.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die „gewissesten Kennzeichen“ des endgültigen Ablebens seien „Todten-Geruch, gelbgrüne Flecken auf der Haut und der Anfang der Fäulnis am Körper“, heißt es in der vom Landesherrn erlassenen „Verordnung wegen zu frühzeitiger Beerdigung der Todten“. Um ganz sicher zu gehen, musste der „entseelte“ Körper vor der Beisetzung von einem Arzt begutachtet werden. Wo das – wie in den meisten heimischen Dörfern – nicht möglich war, konnte auch die Totenfrau einspringen – allerdings nur dann, wenn sie zuvor entsprechend „examinieret“ worden war.

Laut Gutachten des für Gesundheitsfragen zuständigen Sachverständigenrats („Collegio Medico“) war die Gefahr einer „zu frühzeitigen Beerdigung“ vor allem bei Leuten gegeben, „die durch tiefe Ohnmachten oder durch andere Zufälle in einen solchen Zustand gekommen, daß sie ganze Tage ohne Zeichen einiges Lebens“ geblieben waren. Solange es noch keine endgültige Klarheit gab, mussten die Angehörigen den Leichnam zu Hause behalten, und zwar „an einem besonderen Orte, etwa in einem ledig stehenden Hause oder abgelegten Gemach, oder in einem Neben-Gebäude als eine Scheure (Scheune) und dergleichen“. Wichtig war, den Körper „in gelinder Wärme in Betten, Decken, Stroß und dergleichen die Kälte abhaltenden Sachen“ zu hüllen, „wobey darauf zu sehen, daß, wenn solches an keinem verschlossenen Orte geschieht, kein Vieh oder Ungeziefer dazu kommen kann“.

Der von 1748 bis 1777 amtierende Graf Wilhelm war nicht der einzige, der den Leuten die „Scheintod-Gefahr“ klarzumachen versuchte. Eine ähnliche Anordnung trat ein paar Jahre später auch in der benachbarten hessischen Grafschaft Schaumburg in Kraft. Kernstück der vom Landgrafen und späteren Kurfürsten Wilhelm IX. in Kassel unterschriebenen Regelung war der Befehl, dass künftig kein Einwohner mehr ohne „Beerdigungsschein“ bestattet werden dürfe. Die Angehörigen mussten den leblosen Körper, ohne ihn zu bewegen, „auf dem Sterbbett“ belassen. Selbst das Kopfkissen durfte nicht weggenommen werden. Dann waren Wundarzt und/oder Totenfrau hinzuzuziehen. In einer ausführlichen „Dienstanweisung“ war festgelegt, was „bey der Besichtigung“ zu beachten war.

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Die Untersuchung müsse klären, „ob der Abgelebte wirklich oder nur dem Scheine nach todt sey“, ist in dem Papier zu lesen. „Sind die festen Theile (des Körpers) soweit zerstöret und durch Fäulniß aufgelöset, daß sie zu den zu erweckenden Lebensbewegungen völlig unfähig sind, oder sind im Gegentheile die in ihren Verrichtungen gehemmten festen Theile ihrer Reitzbarkeit nicht völlig beraubt, (so) daß sie durch die Kunst wieder in Bewegung können gesetzt werden?“

Trotz der bis ins Einzelne formulierten Vorgaben scheint der 1787 veröffentlichte Maßnahmenkatalog noch Lücken gehabt zu haben. Jedenfalls wurde er von Wilhelms gleichnamigem Sohn und Nachfolger „für nicht genügend befunden“ und 1824 durch eine neue Verordnung „über die Besichtigung der Todten“ ergänzt. So waren als Gutachter – neben den Wundärzten – nur noch amtlich bestellte „Todtenbeschauer“ zugelassen. Bei „Verdacht des Scheintodes“ waren zahlreiche Zusatztests fällig:

„Er (der Untersuchende) muß die Augen (des Toten) öfters schließen und wieder öffnen, und abwechselnd ein Licht vorhalten, um zu sehen, ob sich der Augenstern zusammenziehe und erweitere; er halte vor den Mund eine Flaumfeder, ein Licht oder einen Spiegel, oder setzte ein Glas Wasser auf die Brust, um zu sehen, ob als Folge eines leisen Athemholens eine Bewegung dieser Gegenstände Statt finde, und der Spiegel anlaufe; er muß dem Todten stark in das Ohr rufen, ihn an empfindlichen Stellen mit einer Nadel stechen, kochendes Wasser oder brennendes Siegellack auftröpfeln, und beobachten, ob sich irgend ein Zucken oder eine andere Bewegung, sey sie noch so klein, z. B. des Mundes, des Gesichtes oder sonst eines Muskels, zeige“.

Die Tatsache, dass sich die Obrigkeit – nicht nur hierzulande – im 18. und 19. Jahrhundert auffällig oft und intensiv mit dem Scheintod-Risiko beschäftigte, hat nach Meinung der Fachleute mit den Vorstellungen der „Aufklärung“ zu tun. Unterschwellig habe die Angst, bei lebendigem Leibe begraben zu werden, die Menschheit zu allen Zeiten bewegt. Kein Wunder, dass das Thema in zahlreichen Geschichten, Bildern und Filmen auftaucht.

Für den Fall des Falles wurden zahllose Hilfsmittel entwickelt. Das gebräuchlichste war eine Art „Reißleine“ nach draußen, mit dem ein Glockengeläut in Gang gesetzt und/oder eine Signalfahne gehisst werden konnte. Auch Särge mit Sauerstoff- und Lebensmittelvorratsbehältern sollen konstruiert worden sein.

Andere ließen sich vor dem Abtransport auf den Friedhof vorsorglich das Herz durchbohren. Von dem berühmten dänischen (Märchen-) Dichter Hans Christian Andersen (1805–1875) ist überliefert, dass er im Testament das Durchtrennen seiner Pulsadern verfügt hatte. Zu Lebzeiten soll er vor dem Schlafengehen stets einen Zettel neben das Bett gelegt haben. „Ich bin nur scheintot“ war darauf zu lesen.

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