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"Wie eure Eltern rocken lernten" - Sommeruni-Kabarett mit Ulrich Reineking in der "Kulisse"

Studenten reisen in die Zeit der Rockmusik

Rinteln (cok). Ein weißes Band der Harmonie, abgewickelt von einigen Rollen Toilettenpapier, die durchs Publikum gereicht wurden, verband aufs Lustigste zwei ganz unterschiedliche Gruppen in der Zuhörerschaft vom musikalischen Kabarett "Als eure Eltern rocken lernten": Das Rintelner Stammpublikum von Ulrich Reineking und Volker Buck und die zahlreich in der "Kulisse" erschienenen jungen Teilnehmer der Sommeruniversität.

Trotz ihrer etwas merkwürdigen Erscheinung schafften es Ulrich R

Gleich zu Beginn ergriff Journalist und Kabarettist Reineking diese Methode der Stimmungsauflockerung, konnte man doch immerhin wenige Minuten spüren, dass die Sommeruni-Studenten verunsichert darüber waren, was sie von dem seltsamen Paar auf der Bühne halten sollten - dem dicken, wortgewaltigen Redner und dem gelockten Gitarristen in Converse-Turnschuhen. Wer aber einmal zum unglaublich pathetischen "And I love you" des Songs "Nights ofwhite Satin" Klopapier durch die Luft schwenkte, für den gibt es wohl kein Zurück mehr. "Die Sommeruni versucht junge Leute auf die Widrigkeiten des Lebens vorzubereiten - also auch auf das Poppen - allerdings auf die gemäßigte Weise: Mit der Popmusik, zu deren Klängen eure Eltern euch zeugten", so Reineking, und schon griff Volker Buck zur Gitarre: "Come on, baby, light my fire". Danach war allen klar, warum der Fernsehansager Wilhelm Wieben im noch einigermaßen prüden Jahr 1965 den allerersten aus Bremen live übertragenen "Beatclub" mit den versöhnlichen Worten ankündigte: "Sie aber, meine Damen und Herren, die Sie Beat-Musik nicht mögen, bitten wir um Ihr Verständnis." Prüde ging es an diesem Abend ganz gewiss nicht zu, und es wird wohl kaum jemand Reinekings Schilderung einer frühen Begegnung mit Uschi Obermaier, der Schönheitskönigin der Studentenbewegung, vergessen, wie sie an einem Kommune-Morgen verschlafen und splitternackt zwischen den fassungslosen Küchengästen zum Kühlschrank ging, eine Tüte Milch heraus nahm und sie in einem Zug leerte. "Sie war die erste Frau, die ich vollkommen nackt sah und das hat meine Maßstäbe total versaut. Ich hätte lieber schwul werden sollen..." Von Geschichten zum nächsten Song und wieder zu Geschichten rund um Musik und Alltag trieb es die beiden Showmänner - bis hin zur Erzählung von der Familie Tönniesmeier aus Schoholtensen, deren Töchterlein bei einer Krokodil-Show im Freizeitpark das Liedchen "Schnapp, schnapp, schnappi" intoniert. Sehr zum Nachteil des Dompteurs, der gerade seinen Kopf in das Raubtiermaul gelegt hatte. Einige Zuschauer waren bis dahin schon so aufgepuscht, dass sie, zur Freude ihrer Nachbarn, vor Lachen fast vom Stuhl fielen. Und doch gab es auch besinnliche Gänsehautmomente, vor allem, als der hingebungsvolle Volker Buck mit Rio Reisers Aufbruch-Song "Land in Sicht" begann: "Und die Tränen von gestern wird die Sonne trocknen, die Spuren der Verzweiflung wird der Wind verweh'n." Da waren die jungen und die älteren Zuhörer schon längst ein einziges Publikum, vereint im gemeinsamen Lachen, im Mitsingen, im Beifalljubel. Die Kulisse erwies sichübrigens als geeignete Örtlichkeit für dieses Kabarett: nett geschmückte Tische im Vordergrund, Getränkeausschank, gut organisierte Technik - mit den etwa 130 Besuchern kamen die Organisatoren spielend zurecht. Als dann doch, nach drei musikalischen Zugaben, Schluss war, konnte es kaum jemanden geben, der nicht mit einer Melodie im Kopf wieder auf die Straße trat. Ob die Sommeruni-Studenten wohl was fürs "Poppen" gelernt haben? Fürs Leben aber ganz bestimmt...

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