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Ob im Sattel oder an Deck – eine Moselfahrt mit Schiff und Rad ist vor allem abwechslungsreich

Strampeln unter steilen Rebhängen

Von Klaus Thiele

Nicht weit flussaufwärts von Koblenz legt das Schiff an einer Wiese an. Der Kapitän hievt mit dem Kran die Fahrräder von 31 Passagieren an Land. Fünf Nichtradfahrer aus der Gruppe bleiben an Bord der MS Fluvius. Sie wollen ihre Moselfahrt vom Liegestuhl aus genießen. Auf dem Fluss an sonnenverwöhnten Weinlagen vorüberzugleiten, ist gewiss Genuss pur. Aber auf dem Moselradweg an steilen Rebhängen entlangzustrampeln, vorbei an Burgen, hinein in schmucke Fachwerkorte, das hat auch seine Reize – vor allem im Frühling und im Herbst.

Man kann wunderbar in Winzerhöfen und Straußwirtschaften einkehren. Mit Vorsicht natürlich. Aber jeder Fahrradfreund kann natürlich mal einen Tag schwänzen und einfach an Bord bleiben. Dann ziehen an ihm wunderbar langsam einige der schönsten und klangvollsten Steillagen vorüber. Die Namen auf den Weinterrassen kann er vom Schiff aus gut lesen: Piesporter Goldtröpfchen, Graacher Himmelreich, Briedeler Herzchen, Pündericher Marienburg, Burger Hahnenschrittchen, Wolfer Goldgrube, Lösnicher Försterlay, Reiler Goldlay, Ürziger Würzgarten, Wehlener Sonnenuhr.

Wer sich nach dem Frühstück aufs Rad schwingt, kann entscheiden, ob er allein den Moselradweg erobert oder Vorradler Heinz Gansen folgt, der sich „Weinerlebnisbegleiter“ nennt. Jene Mitreisenden, die gekleidet sind, als würden sie für die Tour de France trainieren, sausen natürlich gleich flott davon. Sie müssen nur wissen, wo das Schiff am Ende der Tagesetappe wartet, wo abends Martha, Thomas und Lukas im Bordrestaurant fröhlich servieren, was Koch Gert Schumacher in seiner Kombüse gezaubert hat.

Wer bei der Gruppe bleibt, erfährt einiges über Deutschlands älteste Weinbauregion. Er lernt zum Beispiel, dass die steilsten Rebhänge Europas extrem viel Handarbeit erfordern. Mancher wird überhaupt nur noch bearbeitet, weil die Winzer Zuschüsse für die kleinen Monorack-Zahnradbahnen erhielten, eine Schweizer Erfindung, mit der es flink hinaufgeht zu den höchsten Kleinterrassen. Bei Piesport reifen in einer nur mit dem Boot zu erreichenden Steillage allein deshalb noch Reben, weil ein Männergesangverein sich darum kümmert. Und natürlich weiß Vorradler Gansen auch bestens, wo man abseits der touristischen Ballungspunkte einkehren kann, in Ediger zum Beispiel im Springiersbacher Hof, im Moselgarten in Piesport oder in der Straußwirtschaft Schiefer Wein in Detzem.

In einer der mildesten Klimazonen Deutschlands ist und bleibt der Riesling der Aristokrat unter den Weinen. Die steilen Hänge, der „schrägste“ ist der Calmont bei Bremm, mit den mineralreichen Schiefer- und Sandsteinböden sind ideal für ihn. Die Römer, die vor rund 2000 Jahren das Moseltal zwischen Hunsrück und Eifel in eine Weinlandschaft verwandelten, kannten die Rieslingtraube allerdings noch nicht. Erst 1787 ordnete der Trierer Kurfürst Clemens Wenzeslaus an, ausschließlich Riesling anzubauen. Rotwein war übrigens lange streng verboten.

Wer mit dem Rad von Koblenz flussaufwärts fährt, freundet sich nur langsam mit dem Moselradweg an. Weil im Terrassenmosel genannten Unterlauf das Tal sehr eng ist, verläuft der Radweg bis hinauf

nach Cochem meist direkt neben der Straße. Später wird die Tour durch die vielen Schleifen der Mosel beschaulicher. Cochem mit der mächtigen Reichsburg, das Fachwerk-Idyll Beilstein und Bernkastel-Kues mit schönem Markplatz und dem Spitzhäuschen, ältester Fachwerkbau im Moselbereich, sind natürlich Orte, in denen man unbedingt aus dem Sattel steigen muss. In Bernkastel-Kues bekommt man sogar den Beweis dafür geliefert, dass Moselwein gesund ist. Hier hat ein edler Tropfen sogar den Doktortitel erworben. Als im 14. Jahrhundert nämlich Erzbischof Boemund im Sterben lag, brachten ihn die Ärzte mit Wein wieder auf die Beine. Seitdem wurde die Lage „Doctor“ genannt.

Neumagen sollte der Radler ebenfalls nicht links liegen lassen. Das Städtchen gilt als Deutschlands ältester Weinort. Als Beweis dient das Neumagener Weinschiff, das steinerne Grabmal eines Römers. In Neumagen ist davon allerdings nur ein Abguss zu sehen. Das Original steht in Trier im Museum. Der Name Neumagen geht auf die Sommerresidenz Noviomagus zurück, die sich Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert dort errichten ließ. Dessen Kaiserresidenz war Trier, die Metropole des römischen Westreiches, gerühmt als „zweites Rom“. Hier hat die Radfahrer-Truppe inzwischen gut 200 Kilometer geschafft. Nun stellen alle ihr Gefährt in der Fahrradaufbewahrung gleich neben der Porta Nigra unter. Vom „Schwarzen Tor“, einst Nordtor des 16 v. Chr. von Kaiser Augustus im Land der keltischen Treverer gegründeten römischen Vorpostens, lassen sich Triers Sehenswürdigkeiten aus mehr als 2000 Jahren Geschichte ideal zu Fuß erbummeln.

Keine Stadt nördlich der Alpen kann derart viele Zeugnisse römischer Kultur aufweisen: Konstantin-Basilika, Amphitheater, Kaiserthermen,

Römerbrücke. Ein paar kräftige Zeitsprünge bis hin zum Karl-Marx-Geburtshaus gehören dazu, der Hauptmarkt als Zeugnis eines stolzen Bürgertums, der älteste Dom auf deutschem Boden mit der benachbarten Liebfrauenkirche und der Kurfürstliche Palast mit seinem schönen Rokokoflügel, der direkt an der römischen Palastaula klebt, dem Thronsaal Konstantins des Großen.

Als Zugabe biegt die MS Fluvius am nächsten Tag oberhalb von Trier noch in die Saar ein und fährt hinauf bis Saarburg. Das Städtchen unter der Ruine der Saarburg hat etwas zu bieten, was man nun wirklich selten findet: einen Wasserfall mitten in der Altstadt.

Angebote: Acht Tage mit Schiff und Rad kosten zum Beispiel bei Dertour ab 799 Euro. www.dertour.de.

Weitere Informationen: Moselland-Touristik, Kordelweg 1, 54470 Bernkastel, Tel. (0 65 31) 9 73 30. www.mosellandtouristik.de.

Burg in Cochem: Spätgotisches Bauwerk (links). Und die Moselfahrt: An Deck lässt sich wunderbar eine Pause vom Radeln machen.

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