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Gerd Silberbauer fasziniert in der "Schachnovelle" im Rathaussaal / Ensembleüberzeugt mit Geschlossenheit

Stehende Ovationen für ein hautnahes Theaterstück

Bückeburg. Helmut Peschina hat aus Stefan Zweigs letzter vollendeten Prosadichtung, der in mehr als 40 Sprachenübersetzten "Schachnovelle", eine bewegende Bühnenfassung geschaffen. Und das Euro-Studio Landgraf machte die deutsche Erstaufführung des Schauspiels im Rathaussaal zu einem Ereignis.

Autor:

Dietlind Beinßen

Die Zuschauer, die der Einladung des Kulturvereins gefolgt waren, erlebten - nicht zuletzt wegen der dichten Regie von Frank Matthus und derüberwältigenden Darstellungsgabe Gerd Silberbauers - eine Sternstunde der Bühnenkunst, die in packenden Bildern und aufrüttelnden Szenen voller Emotionalität und Vitalität demonstrierte, wie dicht und hautnah Theater sein kann. Brandender Applaus, Bravorufe und stehende Ovationen endeten erst, als sich die Akteure ihrerseits beim Publikum bedankten. Auf einem Passagierschiff gen Buenos Aires trifft eine internationale Reisegruppe 1938 aufeinander. Unter ihr ist ein arroganter Mann, der amtierende Schachweltmeister Mirko Czentovic, den der geltungsbedürftige Industrielle McConnor zum Wettstreit herausfordert. McConnor verliert und will die Revanche. Dann mischt sich jedoch Dr. Bertram ein und erreicht ein Remis. Rechtsanwalt Bertram wird von der Gesellschaft aufgefordert, selbst gegen den Weltmeister anzutreten. Vor dem Start kommt es im Gespräch mit Dr. Hartl zu einem von Gerd Silberbauer ergreifend verkörperten Rückblick Bertrams auf dessen bittere Begegnung mit den Nazis in der Isolationshaft. Nach zermürbender Einsamkeit in einem abgeriegelten Zimmer gelingt es ihm, ein Schachbuch zu entwenden und er beginnt, im Kopf heikle Partien zu spielen und immer neue Varianten zu erfinden. Doch das Spiel gewinnt ein fast schizophrenes Eigenleben, entwickelt sich zur Sucht, die im Nervenfieber, einer schlimmen "Schachvergiftung" mündet und bei der realen Konfrontation mit Czentovic in aller Wucht wieder auftritt. Hochkarätig glückte Gerd Silberbauer in Karel Spanhaks stimmungsvoller Dekoration ein schwindelerregender Balance-Akt zwischen Heiterkeit und Horror, Selbstironie und Erniedrigung, Lebenslust und blanker Verzweiflung. Wie gehetzt, als könnten sie aus seinem Kopf entweichen, rezitierte und wiederholte er in immer neuen Betonungen klassische Texte und Kinderssprüche, um nicht dem Wahnsinn zu verfallen, dem er in Zukunft nur zu entgehen vermochte, wenn er sich nie mehr vor ein Schachbrett setzen würde. Auch das übrige Ensemble überzeugte mit kleinen Rollen in seiner Geschlossenheit. Stellvertretend seien Daniel Pietzuch als unterkühlter Schachweltmeister, Franz Mey als geduldiger Zuhörer Hartl und Eckard Becker im Part des lauten, von sich überzeugten McConnor genannt. Ein unvergesslicher Abend, der Seele, Herz und Hirn forderte.

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