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So ticken die Schrittmacher der Zeit

Günter Dalek lebt mit und von der Zeit. Die Vergänglichkeit begleitet ihn jede Sekunde hör- und sichtbar: als mechanisches Ticken, leises Surren und dröhnendes Schlagen. 600 Uhren, zumeist Großuhren, hat der 65-Jährige in seiner privaten Sammlung. Weitere, kleine, große, runde, eckige stehen im Atelier des Uhrmachers –, und obwohl die Zeiger der Pendulen den Lauf der Zeit bezeugen, scheint die Zeit dort konserviert zu sein. Von Tomas Krause

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Tomas Krause

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Tomas Krause Onlineredakteur zur Autorenseite

Nur wenige Schritte sind es, die von der Hauptallee in Bad Pyrmont in das Geschäft von Günter Dalek führen. Unter den Arkaden, unweit des Löwenportals am Kurpark, betreibt er sein Uhren-Atelier. Es ist ein kleines Geschäft. Kaum 50 Quadratmeter auf zwei Etagen, unten Verkaufsraum, oben Werkstatt. An den Wänden und in Vitrinen stehen, hängen, liegen antike Uhren. Standuhren aus Kirschholz, vergoldete Taschenuhren. Auf der Tischuhr aus Porzellan küsst sich ein junges Bauernpaar. Auch ein Digitalwecker findet sich. Überall tickt, klackt und pocht es rhythmisch. „Ohne den beruhigenden Klang der Uhren kann ich nicht leben“, sagt Uhrmachermeister Günter Dalek. Er trägt einen gestärkten weißen Kittel, darunter blitzt eine gelbe Krawatte. Die Brille hat er sich tief auf die Nasenspitze gesetzt.

Der 65-Jährige ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Seit mehr als 40 Jahren sammelt Dalek historische Uhren. 800 Stück hat er in seiner eigenen Sammlung: Wanduhren, Turmuhren, Taschenuhren. Besonders Tischuhren aus Porzellan und Küchenuhren mit bemalten Emailleschildern haben es ihm angetan. Sein ältestes Stück stammt aus dem 18. Jahrhundert. Eine Spindeltaschenuhr mit Kette und Schnecke. In seinem winzigen Büro im ersten Stock des Ladens stapeln sich Fachbücher für den Unterricht, den er am Berufsförderungswerk gibt. Die angrenzende Küche hat der Uhrmachermeister zur Werkstatt umgerüstet. „Ich bin dabei zu expandieren“, sagt Dalek. Schon bald will er sein „Haus der Uhren“ in Pyrmont wieder eröffnen und die Sammlung dann der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Auslöser für Daleks Sammelleidenschaft ist eine bunte Jahresuhr. „Eigentlich nichts Besonderes, aber sie hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen.“ Immer wieder musste er sie im Schaufenster anstarren. Irgendwann habe er sie dann endlich gekauft. Es war die erste Uhr, die sich der damals 20-Jährige nach seiner Flucht aus Cottbus kaufte. Sie gehört zu den wenigen ausgesuchten Uhren, die er nie verkaufen würde.

Dalek mit einer Tischuhr.
  • Dalek mit einer Tischuhr.
Das Wiener-Uhrwerk zeichnet sich durch seine typische Bauart aus.
  • Das Wiener-Uhrwerk zeichnet sich durch seine typische Bauart aus.

Dalek ist ein Sammler aus Leidenschaft. Ihn interessiert weniger die Seltenheit oder der Wert einer Uhr, als ihre Schönheit und die Mechanik. „Nichts ist so faszinierend, wie das Uhrwerk“, meint er. Mit welcher Präzision die Uhrmacher schon vor Hunderten von Jahren gearbeitet hätten, das lasse ihn jedes Mal wieder staunen.

Gerade hat der Uhrenliebhaber ein ganz besonderes Stück zur Reparatur: eine Stutzuhr aus dem 17. Jahrhundert. Der hölzerne Korpus ist rot und gold gestrichen. Fünf Pokale schmücken ihr Gehäuse. Ein süddeutsches Modell, erklärt er. Für den Laien nicht zu erkennen, sei die Bauart typisch für die Gegend, weil Zahnräder und Messingplatinen in einem bestimmten Verhältnis zueinander stünden. „Der Kunde will sie wieder in den Originalzustand versetzen lassen, nachdem in den letzten 350 Jahren viel daran verändert wurde.“ Für den Uhrmacher ist das ein Glücksfall: „Alte Uhren sind Einzelstücke. In ihnen steckt eine Geschichte und die Kunstfertigkeit eines einzelnen Menschen – dessen, der sie angefertigt hat. Sie sind Kunstwerke und müssen daher unverändert bleiben.“

Umbauten an antiken Uhren lehnt Dalek ab. „Kunden, die mich bitten in ihre historische Uhr ein batteriebetriebenes Uhrwerk einzubauen, schicke ich nach Hause.“ Das sei wie eine Amputation. „Uhren sind lebendig. Sie haben eine eigene Geschichte, einen eigenen Klang, einen eigenen Charakter.“ Eine mechanische Uhr im Haus zu haben sei wie eine Partnerschaft, sagt Dalek. „Man erweckt sie zum Leben, hält sie täglich am Laufen und verleiht ihr Energie.“

Nicht immer waren die Eigentümer aber so feinfühlig mit ihren Erbstücken. „In den 1960er/70er Jahren musste alles modern sein. Massenhaft antike Uhren landeten auf dem Sperrmüll“, erinnert sich Dalek. Viele habe er mitgenommen und für seine Sammlung aufgearbeitet. „Um den Wert der Stücke hat sich damals niemand geschert.“ Heute seien einige mehrere Hundert Euro wert.

Aber die mechanische Uhr feiert gerade ihr Comeback. „Die Kunden wollen wieder schöne Uhren mit Wert und Klang.“ Im Verkaufsraum präpariert Dalek eine Standuhr aus England. In ihrer Tür klebt ein vergilbter Zettel. „Diese Uhr hat eine lebendige Geschichte. 1906 ist sie hier her verschifft worden. Diese Spur, die die Zeit an ihr hinterlassen hat, gehört zu ihrem Wesen und darf nicht gelöscht werden“, sagt er. Dann zieht er an der Gliederkette im Inneren. Surren. Auch die anderen Standuhren setzt Dalek in Bewegung. Ein Konzert der Zeit beginnt. Der sonore Ton der Westminister Abbey wird begleitet von einem schrillen Geläut. Ruhige, maßvolle Schläge werden aufgefüllt von hektischem Pochen. Die Namen der Schlagwerksmelodien sind so gefällig wie deren Klang: Westminster, Whittington, Tessiner Gang.

Was Günter Dalek über die Zeit denkt? „Sie ist der Ablauf von Ereignissen.“ Erst die Ökonomie habe das Bedürfnis nach einer Einteilung der Zeit aufgeworfen. „Angefangen hat es in der frühesten Antike mit der Schattenuhr. Später kamen Wasseruhren, Feueruhren, Kerzenuhren, Öluhren hinzu.“ Aber erst durch die Industrialisierung sei die Uhr peu à peu ein Massenartikel geworden. Trödel von wertvollen Stücken zu unterscheiden sei bei der Vielzahl gar nicht so einfach. „Das kann nur der Fachmann wirklich einschätzen.“ In jedem Fall solle man eine Uhr aber nie kaufen, ohne nicht in sie hinein geschaut zu haben – „in ihr Herzstück, in ihren Schrittmacher der Zeit“.

Und wenn er eine eigene Uhr entwerfen dürfte, wie würde die aussehen? „Es wäre mit Sicherheit eine kleine Turmuhr. Wie die großen Räder ineinandergreifen, sich bewegen, Hebel antreiben und das Schlagwerk auslösen – von diesem Anblick kann ich nicht genug bekommen. Das ist die sinnliche Qualität der mechanischen Zeitmessung.“

Günter Dalek lebt mit und von der Zeit. Die Vergänglichkeit begleitet ihn jede Sekunde hör- und sichtbar: als mechanisches Ticken, leises Surren und dröhnendes Schlagen. 600 Uhren, zumeist Großuhren, hat der 65-Jährige in seiner privaten Sammlung. Weitere, kleine, große, runde, eckige stehen im Atelier des Uhrmachers –, und obwohl die Zeiger der Pendulen den Lauf der Zeit bezeugen, scheint die Zeit dort konserviert zu sein.

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