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So schön – Faszination „Rudelgucken“

Es ist Dienstag, der 4. Juli 2006, kurz nach 21 Uhr: Auf dem Hamelner Pferdemarkt stehen knapp 5000 Menschen dicht an dicht. Sie sind eingetaucht in ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer. Große Leinwände sind aufgebaut. Es ertönen laute „Deutschland“-Rufe und dröhnende Fanfaren. Wenige Minuten später stimmt Hamelns größter Chor leidenschaftlich in „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ein. Anpfiff für das Halbfinal-Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen die italienische Auswahl.

EM 2008: Public Viewing in der Rattenfänger-Halle.  Foto: HMT

Von lars lindhorst

Es ist Dienstag, der 4. Juli 2006, kurz nach 21 Uhr: Auf dem Hamelner Pferdemarkt stehen knapp 5000 Menschen dicht an dicht. Sie sind eingetaucht in ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer. Große Leinwände sind aufgebaut. Es ertönen laute „Deutschland“-Rufe und dröhnende Fanfaren. Wenige Minuten später stimmt Hamelns größter Chor leidenschaftlich in „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ein. Anpfiff für das Halbfinal-Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen die italienische Auswahl. 119 Minuten wird gehofft, gebangt und gejubelt – in großer Gemeinschaft. Dann der Schock: Der Italiener Fabio Grosso trifft zum 1:0. Eine Minute später ist der Traum vom Finale vorbei, 2:0 für Italien. Deutschland ist ausgeschieden nach Verlängerung. Kein Finale gegen die Franzosen, die in der Region ihre Unterkunft bezogen haben. Enttäuschung und Tränen bei vielen Zuschauern. Man liegt sich in den Armen, und dennoch: Irgendwie herrscht auch Zufriedenheit. „Wir“ und „unsere Jungs“ haben doch so einiges erreicht. Fußball kann auch in der Niederlage schön sein.

Wie immer, Sieg und Niederlage liegen dicht beieinander, Triumph und Tränen ebenso. Es sind die Begleiterscheinungen eines großen fröhlichen und friedlichen Festes, dessen Gastgeber Deutschland vor vier Jahren war. Im Public Viewing liegt für viele Menschen die eigentliche Faszination des sportlichen Großereignisses, nicht unbedingt im eng gefassten Wettkampf elf gegen elf selbst. Der Sportsoziologe Robert Gugutzer führt den Boom des Public Viewing auf das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit zurück. Denn dort, wo sich Bindungen der Großgruppen wie Familie, Verwandtschaft, Dorfgemeinschaft oder Kirchengemeinde auflösten, suchten sich die Menschen neue, alternative Gemeinschaften. Die Sehnsucht nach genau solchen Gemeinschaftserlebnissen wie Public Viewing speise sich aus dem Frust über die Anstrengungen des Alltags, so der Soziologe gegenüber der Berliner Morgenpost. Dabei könnte Fußball schauen doch so gemütlich sein – auf dem heimischen XXL-Sofa, mit Blick aus erster Reihe auf das ultrascharfe Bild des 120-Zentimeter-Flatscreen-Heimkino-Fernsehers.

Die Massen zieht es dennoch vom Sofa hinein ins Getümmel. Beim ersten Spiel der WM vor vier Jahren hielt sich das Interesse der Hamelner am öffentlichen Fußballgucken noch in Grenzen. 500 Zuschauer kamen beim ersten Gruppenspiel zur Hochzeitshausterrasse. Beim zweiten waren es schon gut 800, beim dritten Spiel schnellte die Zahl auf 2700 hoch, im Achtelfinale auf 3500, beim Halbfinale gegen Italien waren’s dann knapp 5000. Der französische Journalist Pierre Girard hat 2006 die „Equipe Tricolore“, die sich ihre Unterkunft in Schwöbber ausgesucht hatte, bis ins Finale der Weltmeisterschaft begleitet. „Das Gesicht Deutschlands in der Welt ist ein anderes geworden. Jetzt wissen die Menschen in fremden Ländern, dass die Deutschen freundlich sind und feiern können“, sagte er damals der Dewezet.

Das Bild Deutschlands hat sich nachhaltig zum Positiven verändert. Das Public Viewing hat ebenso zu einem großen Imagegewinn für Hameln und die Region beigetragen – bei den vielen angereisten Franzosen etwa, die ganz nah bei ihrer Mannschaft sein wollten; bei den ausländischen Mitbürgern, die in Hameln und im Umland leben und bei den vielen deutschen Fans, die allesamt indirekt zum großen Sommermärchen beigetragen haben. „Public Viewing ist eine harmlose Möglichkeit, die Identifikation mit einem Kollektiv, etwa der eigenen Nation, lustvoll, kreativ und mit Spaß zum Ausdruck zu bringen“, so Gugutzer.

Wenn Tausende in Hameln unbekümmert von Fallerslebens Hymne lautstark singen und so selbstbewusst wie selbstverständlich schwarz-rot-goldene Fahnen schwenken, dann ist auch eine gute Portion Patriotismus mit im Spiel. Der Bremer Soziologe Hans-Jürgen Schulke stellt dazu allerdings fest, dass sich diese Art des Nationalismus „keinesfalls agressiv, sondern eher kuschelig“ äußerte. Der Patriotismus beim Public Viewing wirke identitätsstiftend, sagte Schulke dem Hamburger Abendblatt, er sei nicht abgrenzend und basiere auch nicht auf Überlegenheitsphantasien. Darüber hinaus, das sei bei der WM in Deutschland deutlich geworden, sei Public Viewing ein zentraler Grund gewesen, warum die WM in Deutschland so friedlich verlief. Rund eine Million ausländische Besucher seien vor vier Jahren in Deutschland unterwegs gewesen, ohne Tickets für die Stadien zu haben. Und das habe Konfliktpotenzial geborgen. Die Fan-Feste hätten die Möglichkeit geboten, die Spiele live in Stadionatmosphäre verfolgen zu können. Jeder einzelne hätte schimpfen, protestieren, jubeln, aber auch wildfremde Menschen in die Arme schließen können, so Schulke.

Das gemeinschaftliche Fußballgucken lockt aber nicht nur Fußballfans auf den Plan, sondern auch Touristiker, Verkehrsplaner, regionale Sponsoren und etliche Sicherheitskräfte. Große Sportveranstaltungen gehören mittlerweile zu den populärsten Kulturveranstaltungen in der Stadt und auf dem Land. Und kein anderes Ereignis als eine Fußballweltmeisterschaft ergreift die Emotionen so vieler Menschen in höchstem Maße. Aber Public Viewing ist auch kein billiger Spaß: HMT-Geschäftsführer Harald Wanger konnte nach der WM 2006 Informationen nicht dementieren, dass die Hamelner Events rund um die Weltmeisterschaft gut 180 000 Euro gekostet hätten. Der Veranstaltungsmarathon habe jedoch dazu beigetragen, „das Image der Stadt zu verbessern und ihren Bekanntheitsgrad zu steigern“.

Einem kollektiven Fußballrausch wird auch in diesem Jahr nicht sehr viel im Wege stehen. Die Hauptstadt Berlin wird wieder Vorreiter der deutschen Massenbewegung sein. Große Public-Viewing-Veranstaltungen, inklusive einer großen Fanmeile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, sind geplant. In Düsseldorf, Schalke, Leipzig und München stehen die Stadien für Public Viewing zur Verfügung. In Hameln geht es gleich mehrere Nummern kleiner zu: Neben der Übertragung in Kneipen und Bars sind die Spiele der Deutschen als offizielle Großveranstaltung nur in der Rattenfänger-Halle zu sehen.

Nun war die Euphorie bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land ungleich größer als bei der heute beginnenden WM in Südafrika. Die Public-Viewing-Erfahrungen in der Schweiz und in Österreich, Gastgeber der Europameisterschaft 2008, zeigten etwa, wie schnell die Euphorie auch vorbei sein kann: Nach dem Ausscheiden der gastgebenden Mannschaften sah man dort oft genug verwaiste Public-Viewing-Plätze. Ob es 2010 noch einmal zu solchen Dimensionen wie 2006 reicht, hängt im Wesentlichen vom Abschneiden der deutschen Mannschaft ab.

Marktforscher der Universität Hohenheim rechnen im Vergleich zur WM 2006 mit weniger Interesse an den Spielen. Sie glauben, dass die WM in Südafrika zu einer „Sofa-Veranstaltung“ werden könnte. Laut einer Studie wollen fast 90 Prozent der Befragten die Weltmeisterschaft lieber am heimischen Fernseher als an öffentlichen Plätzen verfolgen. „Glauben möchten die Befragten an ein Sommermärchen 2010 bisher noch nicht“, sagt der Hohenheimer Professor Markus Voeth. „Fast sechzig Prozent gehen davon aus, dass die Nationalmannschaft nicht über das Viertelfinale herauskommt.“ Aber das war bei den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 im Grunde nicht anders. Ach übrigens: Der Begriff Public Viewing ist ein Pseudo-Anglizismus. Die eigentliche Bedeutung wird vor allem im amerikanischen Englisch klar: Denn da steht Public Viewing für „Leichenschau“, das öffentliche Aufbahren der Toten.

Triumphe, Tränen, Träume: Mehr Gemeinschaft als beim Public Viewing gibt es selten. Knapp 16 Millionen Menschen haben in Deutschland die Spiele der WM 2006 auf riesigen Leinwänden verfolgt. Aber warum eigentlich?

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