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Roskilde, Frederiksborg und kleine Brauereien: Ein Kurztrip nach Dänemark

Skål und Prost auf diese Pracht

Roskilde / Hillerød. Wenn Britt Søndergaard in die Runde ihrer schmausenden Gäste schaut, dann läuft sie Gefahr, mit ihrem Sonnenscheinlächeln die hausgemachten Pralinen zum Schmelzen zu bringen. „Und? Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragt sie und lächelt und lächelt, und kaum dass sich der ob solcher Mühen erstaunte deutsche Touri nach drei, vier oder gar sieben Gängen den abschließenden Genüssen des womöglich besten Restaurants Roskildes chancenlos ergeben muss, fragt er sich, wo die vom dänischen Food Guide ausgezeichnete Restaurant-Managerin des „Mumm“ wohl dieses einwandfreie Deutsch gelernt hat? Darauf erst mal ’ne Praline und ein Espresso…

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Jens Meyer

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Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Aber er sollte nicht s i c h fragen, sondern s i e. „In Hamburg“, wird Britt Søndergaard antworten. „Ich habe anderthalb Jahre im Hotel Vier Jahreszeiten gearbeitet.“ 18 Monate reichten ihr also, um fast perfekt deutsch zu sprechen. Manchem Deutschen langt dazu ein ganzes Leben nicht. Aber zurück zum Essen: Dass es geschmeckt hat, wäre untertrieben. Es war himmlisch. Die gebratene Hähnchenkeule mit gebeiztem Spargel und das in Riesling badende Frikassee – für sich genommen zwei Gedichte. Das Dessert schließlich, eine nachgerade bizarre salzig-süße Melange aus Eis, Popcorn und Mais, ist reine Poesie gewesen, verspielt und fein, eine Eigenart, die den Wikingern vor Jahrhunderten völlig fremd vorgekommen sein muss.

Ach, was sind die Dänen stolz auf ihre Wikinger…

Ach, die Wikinger, ja, was sind die Dänen nicht stolz auf ihre Geschichte! Eine kriegerische, eine blutige, die aber so lange zurückliegt, dass sie im 21. Jahrhundert frei und ungezwungen davon erzählen können. Macht Ole Holger Hansen auch, der Guide im Winkingerschiffsmuseum unten am Hafen. Fünf einst als Barrikade versenkte Großboote hoben Wissenschaftler und Historiker, Handwerker und Freiwillige vor Jahrzehnten aus dem vor der Stadt liegenden Fjord. 25 Jahre dauerte es, bis das Puzzlespiel der Hölzer in dieser Expo schlussendlich ein rühmliches Ende finden durfte. Die fünf Wikingerschiffe sind Symbol für eine raue, aber glorreiche Vergangenheit. Das Holz ist unglaubliche 1000 Jahre alt und versprüht unmerklich ein Odeur des Stolzes. „Dänemark war damals eine Weltmacht“, sagt Ole. Ist lange her.

Eine Weltmacht wollen die Dänen heute auch nicht mehr sein. Die Zeiten sind zu schwierig geworden. Möglich, dass sich das Inselreich zwischen Nord- und Ostsee insgeheim ins Fäustchen lacht, weil es mit der Euro-Krise wenig zu tun hat – der Krone sei dank, und damit ist nicht die des Königshauses gemeint. Die rot-weiße Flagge im Spätsommerwind über dem stolzen Schlosse zu Frederiksborg wirkt wie ein trutziges Lebenszeichen. Seht her, hier sind wir, die Dänen. We are red, we are white, we are danish dynamite. Englisch können sie quasi ausnahmslos ab Kindergartenalter. Die Schweden haben sie allerdings nach wie vor ein bisschen auf dem Kieker, die rücken das eine oder andere Kunstwerk, sei es nun in Öl gemalt oder aus purem Gold geformt, nicht mehr heraus, obwohl es einstiger dänischer Besitz war. „Aber die schwedisch-dänischen Kriege liegen zu lange zurück, als dass wir da jetzt noch Ansprüche erheben könnten“, sagt Karin Månsson, die in ihrer Aufgabe als Schlossführerin sichtlich ihre Berufung gefunden zu haben scheint. Was ist denn auch schon die Kunst gegen Frieden und Freiheit?

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Frederiksborg ist wohl das schönste Schloss Dänemarks, da hält im Vergleich selbst Shakespeares Hamlet-Prachtbau Kronborg nicht stand, der nur ein paar Dutzend Kilometer auch im nördlichen Seeland zu finden ist. Roter Klinker, heller Sandstein. Der mit Arkaden geschmückte Ehrenhof Frederiksborgs ist fast zu mondän künstlerisch ausgestaltet, um ihn in Gänze zu genießen. Überbordend sagen die einen, übertrieben die anderen. König Christian VI ließ das Wasserschloss in Hillerød im 17. Jahrhundert erbauen, doch wurden weite Teile bei einem Großbrand 1859 zerstört, da halfen auch die Wassermassen rundherum nicht viel. Bier hingegen ließ den Feudalsitz dann aus Ruinen auferstehen. Gerstensaftmulti J.C. Jacobsen, Chef der Carlsberg-Brauerei, langte salopp gesagt mal in die Portokasse und ließ Frederiksborg aufwendig sanieren, vom 40 Meter langen Rittersaal über die exorbitant verspielte Kapelle bis zu den grünspangrünen Kupferdächern. Und nordwärts ein barocker Garten mit Wasserkaskaden und 65 000 wie an der Schnur gezogenen und getrimmten Buchsbäumchen. Wer hat die eigentlich gezählt?

Jedenfalls: Prost auf so viel Pracht! Und noch ein Prösterchen auf die dänische Braukunst. Für das deutsche Reinheitsgesetz interessieren sich die Biermacher im nordwärts liegenden Nachbarland herzlich wenig, dennoch schmeckt’s. Oder vielleicht gerade deswegen? Neben sogenannten Mikrobrauereien, die dem Gerstensaft schon mal weit über acht Prozent Alkoholvolumen einverleiben, lässt in dieser Hinsicht auch Schloss Gavnø in Næstved aufmerken. Die angeschlossene Brauerei ist in einem der schönen, historischen Getreidehäuser aus dem 19. Jahrhundert eingerichtet. Die unterschiedlichen Durstlöscher, teils in alten Whisky-Fässern drei Jahre lagernd, um ihnen den letzten Kick zu geben, sind handgemacht. Wer zu tief ins Glas schaut, schlingert schließlich so umher, wie die exotischen Falter es im Schmetterlingshaus des Parks von Gavnø schon nüchtern zu tun imstande sind und sich wundern, warum afrikanische Bergziegen im nördlichen Seeland Dänemarks die Weiden rund um Gavnø bevölkern. Man lässt eben nichts unversucht. We are red, we are white…

Noch im Rosengarten schlendern, noch unter der schon gähnenden Sonne durch frühherbstliche Landschaften cruisen, noch so gelassen mäandern von einem Augenblick zum andern, wie es die Dänen machen, deren relaxte Lebensart ein Juwel zu sein scheint, den sie hüten wie einen Schatz. Es gibt so viele schöne Seiten, die Reisende in Dänemark entdecken können. Das Schönste an diesem Land ist aber möglicherweise die Tatsache, dass hier nicht krampfhaft versucht wird, mit Sensationen zu locken. Obwohl Britts Gänge-Menü im „Mumm“ in Roskilde genau genommen schon eine ist.

Die Vogelfluglinie: Seit 50 Jahren verbindet Scandlines auf der Route Puttgarden–Rødby Deutschland und Dänemark miteinander. Das ist die sogenannte „Vogelfluglinie“. Alle halbe Stunde legen die Fähren ab. Die Überfahrt dauert 45 Minuten. Auch die Route Rostock–Gedser verschafft Reisenden eine perfekte Verbindung. Fahrtzeit: unter zwei Stunden. Für beide Routen bietet die Reederei ein Fünf-Tage-Ticket zu besonderen Konditionen an. Mehr Infos und Buchungen im Internet unter www.scandlines.de

Von oben im Uhrzeigersinn: Die warmgelbe Fassade des alten Klosters in Roskilde lächelt aus jedem Fenster. In der Brauerei des Schlosses Gavnø werden unterschiedlich starke Biere verkostet. Vor dem Langschiff im Wikingermuseum tauchen Besucher in die dänische Geschichte ein. Der Rittersaal des Schlosses Frederiksborg ist 40 Meter lang.ey

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