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Familie Vasile aus Bukarest in Rumänien hofft auf die Anerkennung der Freizügigkeit

Sie sind gekommen um zu bleiben

Bad Münder (st). Als im Herbst 2010 sieben rumänische Familien mit insgesamt fast 60 Mitgliedern nach Bad Münder kommen, ist die Aufregung groß, die Gerüchteküche beginnt zu brodeln. Von aus Frankreich ausgewiesenen Roma ist fälschlicherweise die Rede. Eltern bangen um die Ausbildung ihrer Kinder. Rumänische Mitschüler könnten das Lerntempo drosseln und einen schlechten Einfluss auf mündersche Sprösslinge haben. Mittlerweile haben sich die Wogen ein wenig geglättet, fünf der einst sieben Familien haben die Kurstadt bereits wieder verlassen – unter anderem in Richtung Berlin.

Cornelia und Filip liegen auf dem Bett und lernen bei einem kleinen Spiel Zahlen – auf deutsch.

Sie allerdings sind gekommen um zu bleiben: Mit ihren zehn Kindern sind Decebal-Tiberius Vasile (39) und seine Frau Carmen-Mihaela (38) im September des vergangenen Jahres aus Rumäniens Hauptstadt Bukarest nach Bad Münder gekommen. Ein Überlandbus hat sie damals auf dem Penny-Parkplatz in der Kurstadt rausgelassen – die Großfamilie war am Ziel ihrer Träume: in Deutschland. Und obwohl die Vasiles zu zwölft in einer kleinen Wohnung an der Rahlmühler Straße wohnen und ums Überleben kämpfen müssen, bereuen sie ihre Entscheidung nicht. Sie nehmen die Herausforderung an und beißen sich durch. Doch alle Mühen könnten umsonst sein, wenn der Familie die volle Anerkennung der Freizügigkeit versagt bleibt. Heute steht der entscheidende Termin bei der Ausländerbehörde in Hameln an.

„Wichtig ist für die Familie nachweisen zu können, dass sie ihren Lebensunterhalt in Deutschland aus eigenen Kräften bestreiten kann“, erklärt die Hachmühler Pastorin Frauke Kesper-Weinrich, die über die Schule in Kontakt mit der Familie gekommen ist und den Vasiles seitdem helfend zur Seite steht. Aber warum eine extra Bescheinigung? Rumänien ist zwar EU-Mitgliedsland, aber für die Bürger der Schwarzmeer-Republik gilt zurzeit noch die eingeschränkte Freizügigkeit innerhalb der Grenzen der Union. „Nach drei Monaten müssen die Vasiles eine Freizügigkeitsbescheinigung haben, ansonsten droht die Abschiebung“, weiß Kesper-Weinrich. Und heute ist es soweit: „Wir haben alles, was die Familie vorweisen kann zusammengesammelt und hoffen, dass es klappt“, sagt die Pastorin.

Da Decebal-Tiberius Vasile aufgrund der eingeschränkten Freizügigkeit keine unselbstständige Tätigkeit aufnehmen darf und keine Sozialleistungen erhält, schlägt er sich mit einem kleinen eigenen Gewerbe durch – pflegt Gärten, reinigt Wohnungen, hilft bei Handwerksbetrieben aus. In der Vergangenheit habe er einige Aufträge erhalten, im Winter war es dann eher dürftig. Aber für die kommenden Wochen und Monate stehen bereits mehrere Jobs in seinem Auftragsbuch.

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Die Vasiles haben nach anfänglichen und andauernden Schwierigkeiten den Kopf nicht in den Sand gesteckt – Mutter und Vater nehmen Sprachunterricht, die Kinder haben nach eigener Aussage großen Spaß am Lernen in der Schule. Deutsche Schulkameraden helfen beim Erwerb der Sprache – es werde von Tag zu Tag besser, erzählen die Kinder um den ältesten Sohn Emanuel-Tiberius (14).

Zurück nach Rumänien will die Familie nicht – und das nicht nur, weil sie dort sämtliche Zelte abgebrochen hat. „In Deutschland sind die Schulen besser, die Arbeit wird besser bezahlt“, sagt Decebal-Tiberius Vasile. Die Kinder freuen sich über Sport- und Musikunterricht, lernen mit Feuereifer neben Deutsch auch Englisch. In der Freizeit spielt unter anderem David-Elisei (13) Fußball, und er hat Riesenspaß am Mannschaftssport. Tochter Pamela (19) – hat Abitur in Rumänien gemacht – sucht eine Ausbildung.

Die Vasiles würden wieder in den Bus steigen, wieder die Strapazen der Reise mit zehn Kindern auf sich nehmen. Sie wollen bleiben – und sie wollen nichts geschenkt. Sie sind bereit, hart für ein bescheidenes Leben in Deutschland zu arbeiten.

Die Familie Vasile gemeinsam auf der Couch im Wohnzimmer: Mutter Carmen-Mihaela und Vater Decebal-Tiberius (Mitte) mit ihren zehn Kindern Emanuel-Tiberius (v.l.), Avraam, Filip, Pamela, Georgian-Daniel, Rebeca, Solomon, Cornelia, David-Elisei und Sefora. Fotos: st

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