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Sie hat Puls und Geist: die Zeit in der Sprache Sie hat Puls, Zahn, Geist und Nerv: die Zeit in der Sprache

Lord Henry Wotton hat das Wesen der Zeit verstanden. Sie sich untertan zu machen, dazu braucht es kaum mehr als ein bisschen Prinzipientreue. „He was always late on principle, his principle being that punctuality is the thief of time“ – er kam prinzipiell zu spät, da sein Grundsatz lautete, Pünktlichkeit stehle einem die Zeit.

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Autor:

Christiane Riewerts

Lord Henry Wotton hat das Wesen der Zeit verstanden. Sie sich untertan zu machen, dazu braucht es kaum mehr als ein bisschen Prinzipientreue. „He was always late on principle, his principle being that punctuality is the thief of time“ – er kam prinzipiell zu spät, da sein Grundsatz lautete, Pünktlichkeit stehle einem die Zeit. So schreibt Oscar Wilde über den schöngeistigen Lord Henry, der im „Bildnis des Dorian Gray“ Unpünktlichkeit zur Lebensmaxime erklärt und zugleich einen ungleich schicksalhafteren Wunsch der Herrschaft über die Zeit heraufbeschwört – die verhängnisvolle Gier des schönen Dorian nach ewiger Jugend.

Oscar Wilde tut es und das Buch, Prediger der Bibel, Muttis in Poesiealben, die alten Römer in Denkschriften, Politiker in mehr oder weniger klugen Appellen: Alle schreiben von der Zeit. Die Sprache schenkt der Zeit jede Menge Zeit: In Redewendungen, Sprichwörtern und Poesie ist sie beinahe so allgegenwärtig wie im Leben.

Kein Wunder: Sie ist schließlich ein knallharter Wirtschaftsfaktor. So gab der nordamerikanische Staatsmann und Wissenschaftler Benjamin Franklin anno 1748 in seinem „Advice to a young tradesman“ jungen Kaufleuten mit auf den Weg: „Remember that time is money“ – denkt dran: Zeit ist Geld. Eine Erkenntnis, die sich über die Jahrhunderte gehalten hat. Noch heute verknüpfen gerade Angelsachsen gerne Geld und Zeit: Auf Englisch kann man Zeit ausgeben (to spend time) und sparen (to save time), man kann sich Zeit leisten (to afford time) oder sie gar kaufen (to buy time – sich Zeit verschaffen).

Franklins wohlmeinender Ratschlag an den jungen Handelsreisenden scheint den BAP-Rockern um Wolfgang Niedecken auch 1986 noch zeitgemäß: „Time is cash, time is money“ dürfte den Kölnern in der Tat mit der Zeit immer mehr Geld eingebracht haben. Vielleicht ist das auch ein Grund, weswegen sich die Zeit so hartnäckig in der Populärkultur festbeißt? „So schön, schön war die Zeit“ fand Freddy Quinn jedenfalls schon in den Fünfzigern. Eine „Gute Zeit“ erlebten die Ärzte 1988, eine „Geile Zeit“ Juli anderthalb Jahrzehnte später. „Es ist an der Zeit“ finden in durchaus unterschiedlicher Intention Westernhagen wie Wader. „Gegen die Zeit“ singen Revolverheld. Und mit ihrem „Die Zeit heilt alle Wunder“ wandeln Wir sind Helden frech den überlieferten Volksglauben ab. Zumindest für seine „TV Total“-Jünger hat Stefan Raab ein überartikuliertes „Wir-ha-ben-doch-kei-ne-Zeit!“ mit dem Tick aufs unbeuhrte Handgelenk zeitweilig zum Kult gemacht. Und mit ihrer im Titel dem klassischen Eheversprechen entlehnten Daily Soap „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“ (kürzer: „GZSZ“, spart Zeit) läutete RTL 1992 die Ära weniger guter Vorabendserien ein.

Vor der Pop- freilich machte schon die Hochkultur die Zeit zu ihrem ureigenen Bestandteil – zumindest 15 Minuten davon. Vielbeschäftigte Wissenschaftler wissen um den Wert einer kleinen Viertelstunde: Damit Studenten früherer Jahrhunderte quer durchs Städtchen rechtzeitig zur häufig in der Privatwohnung des Professors abgehaltenen Vorlesung hasten konnten, wurde ihnen eine Verspätung von einer seither akademischen Viertelstunde zugestanden. „Cum tempore“, mit Zeit also, kam man um viertel-nach, „sine tempore“ zur vollen Stunde. Ersteres eine Pünktlichkeit wohl ganz im Sinne des Lord Henry Wotton.

Nicht uninteressant für all jene, die auch private Einladungen gern einmal „c.t.“ wahrnehmen: Mitunter wurde zur akademischen Viertelstunde noch ein Zuschlag gewährt – „magna cum tempore“ erlaubte ein Plus von 30 Minuten, „maxima cum tempore“ gar eines von einer Dreiviertelstunde. Ein charmanter Diskurs über diese zwar angestaubten, aber gar nicht so unnützlichen Gepflogenheiten vermag verärgerte Gastgeber vielleicht milde zu stimmen.

Ein entsetztes „Ach, du liebe Zeit!“ zumindest wird die Dame des Hauses wohl kaum beim bloßen Zuspätkommen eines Gastes ausrufen – wohl eher dann, wenn der Braten im Ofen das Zeitliche gesegnet hat. Als so arg „lieb“ allerdings dürfte sie die (lange schon abgelaufene Gar-)Zeit in diesem Fall nicht empfinden, wohl eher als etwas unerbittlich Grausames. Im Übrigen eine nicht allzu seltene Bewertung: Überraschend oft wird dem kostbaren Gut Zeit ein herbes Schicksal zuteil. Der eine schlägt sie tot, der andere vertreibt sie, der Dritte schindet sie, der Vierte schlägt sie sich um die Ohren. Wenn ein Fünfter die Zeit bloß aussitzt, so ist dies im Vergleich noch ein mildes Los. Immer hinfort mit dieser Zeit!

Klar. Es ist ja auch alles so furchtbar anstrengend. Immerzu scheint die Zeit durch ihre bloße Existenz zum ewigen Wettstreit herauszufordern: Das Rad der Zeit dreht sich unerbittlich. Das Rennen gegen die Zeit kann nur verloren werden. Und doch muss man bei allem Zeitdruck am Puls der Zeit bleiben, den Nerv der Zeit treffen, im Wettlauf mit der Zeit bestehen, die Zeichen der Zeit erkennen, mit der Zeit Schritt halten, ihr ja nicht hinterherhinken – es wird höchste Zeit! Denn allzu schnell ist die Zeit reif, sie wird knapp, sie drängt, sie naht, sie rinnt dahin, sie geht zu Ende, sie schwindet – und dann bleibt nur die lapidar schadenfrohe Erkenntnis: Wer nicht kommt zu rechten Zeit, der muss nehmen, was übrig bleibt.

Sicher: Ein Griff zur rechten Zeit spart viel Müh’ und Leid. Aber: Wann, bitte, ist die Zeit denn recht? Wann ist der in der griechischen Mythologie geprägte und jüngst so überstrapazierte „kairos“, der rechte Zeitpunkt? In diesem Zusammenhang ausdrücklich als Quelle genannt sei die Bibel: „Alles hat seine Zeit“, behauptet recht global das Buch Prediger, Kapitel 3, Vers 1-8. Und nennt als Beispiele: Geborenwerden und Sterben, Pflanzen und Gepflanztes ausreißen, Steine sammeln und Steine schleudern, Aufbewahren und Wegwerfen. „Alles hat seine Zeit und jegliches Vornehmen unter dem Himmel seine Stunde.“

Eine feine, deutsche Ordnung: alles zu seiner Zeit. Rechtzeitig eben. Nicht vorzeitig, vor der Zeit, zu einer unchristlichen Zeit oder gar zur Unzeit. „Allzeit bereit“ müssen nur die Pfadfinder sein, getreu des von Pfadfinder-Gründer Baden-Powell ausgegebenen Sinnspruchs. Ein beinahe zeitloses Motto.

Mitunter merken wir kaum, wie wir sie verwenden: die Hoch-Zeit, die Mahl-Zeit, die Brot-Zeit, die Frei-Zeit, die Aus-Zeit. Gar liederlich gehen wir mit ihr um, verschwenden die Zeit, verplempern, vertrödeln, vergeuden, verlieren sie. Umso schöner, auch mal Zeit zu gewinnen, sie sich schlicht zu nehmen und sie sich dann zu lassen, sie zu haben, sie zu nutzen, sie zu sparen oder gar zu investieren. Ob dieser Prozess indes noch mehr Zeit zeitigt, sei vielleicht lieber dahingestellt. Am sinnvollsten also, wir folgen dem Rat des römischen Philosophen Seneca, der in seinem „De brevitate vitae“ um die Kürze des Lebens wusste: „Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern viel Zeit, die wir nicht nutzen.“ Denn eigentlich haben wir doch alle Zeit der Welt.

So abstrakt die Zeit, so menschlich ihre Attribute: Sie hat einen Puls, einen Nerv, einen Zahn, einen Geist. Letzteres gar auf Englisch: Der deutsche „Zeitgeist“ ist in den USA so bekannt wie sonst nur die ebenfalls übernommenen Vokabeln Blitzkrieg oder Kindergarten. Aber nur schnödes Menschlein zu sein, nein, das wäre der Bedeutung der Zeit nicht angemessen – eher göttliche Züge zeigt sie in ihrem Handeln. Die Zeit erlaubt, sie heilt, sie lehrt, sie zeigt, sie kommt – und bringt Rat mit.

Etwas Göttlich-Naturgewaltiges liegt auch in ihrem Ursprung: Das deutsche Wort Zeit leitet sich vom angelsächsischen „tid“ ab und war ursprünglich die Bezeichnung für Ebbe und Flut, wie das Wort Gezeiten noch heute andeutet. Auch andere Sprachen verknüpfen die Zeit in Ehrfurcht vor ihrer unbeherrschbaren Gewaltigkeit mit der Natur: Das spanische „el tiempo“ und das französische „le temps“ bedeuten gleichermaßen Zeit wie Wetter, im Lateinischen heißt „tempus“ Zeit, „tempestas“ Sturm.

Verwirrung herrscht darüber, wem sie eigentlich gehört, die Zeit. Diese unklaren Besitzverhältnisse scheinen kriminellen Machenschaften Vorschub zu leisten. Zeitdiebe sind allgegenwärtig, sie stehlen anderen Zeitgenossen die Zeit – und sogar dem lieben Gott. Gehört ihm also die Zeit? Oder doch uns allen? Für die Vergangenheit melden gern ältere Menschen Besitzansprüche an, nicht selten verbunden mit einem Vorwurf an die Jüngeren (deren Zeit – so viel Trost darf sein – ja im Übrigen noch komme): „Zu meiner Zeit, da hatten die Kinder noch Respekt vor den Älteren.“ Wie relativ Zeit ist, zeigt der Blick auf den Rokoko-Dichter Friedrich von Hagedorn, der rückblickend bereits im frühen 18. Jahrhundert Ähnliches empfand: „Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit, bestand noch Recht und Billigkeit […] ward Pflicht und Ordnung nicht entweiht […] war noch in Ehen Einigkeit.“ Ja, das waren noch Zeiten. Die gute, alte Zeit eben. Klar: Die Zeit hat schon bessere Zeiten gesehen.

Der schöne Dorian übrigens auch. Das Experiment des Zeitanhaltens ist zum Scheitern verurteilt, am Ende altert und stirbt er im Zeitraffer. Und überlebt doch bis ins Jahr 2000: Da wurde in der Psychoanalytik erstmals ein Name für einen krankhaften Jugendwahn ersonnen – das Dorian-Gray-Syndrom.

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