weather-image
15°

Senioren suchen Ausweg aus der Sucht

Wenn man den sechs Senioren in die Augen blickt, sieht man vor allem eines: Offenheit. Regelmäßig treffen sie sich im Haus der Diakonie, einige kennen sich bereits seit zwei Jahren, anonym wollen sie bleiben, aber über ihre Sucht und ihre Probleme wollen sie sprechen. Die meisten der sechs Senioren haben mehr als 20 Jahre regelmäßig Alkohol getrunken und sie alle sind derzeit „trocken“, konsumieren also keinen Alkohol.

Alkoholsucht im Alter ist nicht selten. Eine Selbsthilfegruppe b

Vom Matthias Rohde

Wenn man den sechs Senioren in die Augen blickt, sieht man vor allem eines: Offenheit. Regelmäßig treffen sie sich im Haus der Diakonie, einige kennen sich bereits seit zwei Jahren, anonym wollen sie bleiben, aber über ihre Sucht und ihre Probleme wollen sie sprechen. Die meisten der sechs Senioren haben mehr als 20 Jahre regelmäßig Alkohol getrunken und sie alle sind derzeit „trocken“, konsumieren also keinen Alkohol. „Das ist natürlich eine der Bedingungen, die die Teilnehmer erfüllen müssen, um an diesen Treffen teilnehmen zu können“, sagt die Leiterin des Hauses der Diakonie und Sozialtherapeutin Kerstin Blome-Soontiës. Fünf Frauen, ein Mann, die Therapeutin, Kaffee und von einer Teilnehmerin selbst gemachter Rhabarberkuchen. Doch der aufkeimende Eindruck eines ganz normalen „Kaffeekränzchens“ verfliegt abrupt, wenn sie zu erzählen beginnen.

„Jeden Morgen bin ich mit dem Gedanken aufgewacht, wo ich die nächste Flasche Alkohol herbekomme“, sagt eine Rentnerin und die anderen nicken. Versteckt habe sie die Flaschen in der Wohnung, versteckt vor ihrem Partner, den Kindern, Freunden. Sie schüttelt den Kopf, während sie sich an diese Zeit zurückerinnert. Seit rund einem Jahr sei sie nun „trocken“.

Nein, das ist kein Plauderstündchen, wenn die Gruppenmitglieder über ihre Ängste sprechen. Die Familie, vor allem die Kinder und Enkelkinder, wollen sie nicht verlieren. Und doch berichten einige Gruppenmitglieder von Kindern, mit denen sie sich wegen ihrer Sucht überworfen haben.

Und in diesen Momenten der Rückbesinnung zeigt die Sucht ihr häßliches Gesicht: Tiefer Schmerz, Traurigkeit, Angst, Erinnerungen an Heimlichkeit und peinliche Momente.

Eine andere Frau meint: „Irgendwann fühlt man einfach nichts mehr, da ist dann nichts, alle Gefühle verloren.“ Nur der Gedanke an die Flasche beherrschte sie. Wieder eine andere Teilnehmerin erzählt, dass sie sich während ihres Aufenthaltes in einer Spezialklinik vor rund zweieinhalb Jahren alles von der Seele geredet habe. „Zum ersten Mal“, betont sie. Geweint habe sie. Die anderen senken die Köpfe, erinnern sich.

Der Gedanke, dass eine Frau, eine Mutter, eine Oma Jahrzehnte nicht nur Flaschen, sondern gleich sich selbst versteckt hat, ist so unvorstellbar, dass der Atem stockt. Nein, ins Detail wolle sie nicht gehen. Die Mitglieder der Gruppe seien willkommene Gäste in ihrem Privatleben, hier finde sie vor allem Verständnis und Unterstützung. Die Öffentlichkeit bleibt außen vor.

Diese Gruppe sei ein großes Glück für sie alle, betonen die Rentner immer wieder. Blome-Soontiës: „In der Tat ist dies eine sehr harmonische und intensive Gruppe. Gerade bei Senioren ist das Schamgefühl über die eigene Sucht zu sprechen, um einiges größer als bei den anderen Generationen.“ Einige der Teilnehmerinnen geben zu, dass es für sie ein schwerer Schritt gewesen sei, sich fremden Menschen gegenüber so zu öffnen, aber bereuen würden sie es nicht. Es ist eine überraschende Sicherheit in ihren Stimmen, wenn die Senioren über die Gründe sprechen, wie es zu ihrer Alkoholsucht gekommen ist. Diese Sicherheit zu erlangen, erklären sie, war ein hartes Stück Arbeit. Der erste Schritt, so eine Teilnehmerin sei die Einsicht gewesen, die Einsicht: „Ja, ich bin alkoholabhängig.“

Der Hamelner Psychologe Karl Möller hat vor rund vier Jahren begonnen, dem Suchtproblem von Senioren ein Angebot gegenüberzustellen. „Damals haben wir mit einer ReHa-Gruppe begonnen“, erinnert sich Möller. Das Suchtverhalten der älteren Menschen sei ein ganz anderes als das der Jüngeren. „Bei den jungen Menschen sind es vor allem Beziehungsprobleme oder Sorgen um den Job, die sie in ihrer Sucht beschäftigen. Das ist bei älteren Menschen in der Regel nicht so.“ Im Gegenteil: Für viele Senioren käme nach dem Berufsleben der „Rentenschock“. Plötzlich fehle ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Zudem gebe es bei der Generation 55+ eine große Angst vor dem Alleinsein, ja sogar vor Einsamkeit, so der Psychologe. Zwar seien es nicht die meisten älteren Menschen, die den Weg in eine Selbsthilfegruppe finden, aber wenn sie sich dafür entschieden hätten, dann sei ein Unterschied signifikant, so Psychologe Möller: „Ältere Menschen haben eine wesentliche positivere Grundhaltung, sich auf die Hilfsangebote einzulassen als die anderen Generationen.“ Und sowohl Möller als auch Therapeutin Blome-Soontiës sind sich einig: Ein wichtiger Grund für die Intensität der Gruppe ist die Erkenntnis der Mitglieder: „So viele Chancen haben wir in unserem Leben nicht mehr.“

Die Therapeutin kennt noch einige weitere Faktoren, die die Alkoholsucht im Alter so besonders macht: „Je älter die Menschen werden, desto geringer wird der Wasseranteil im Körper. Das führt dazu, dass die Alkoholverträglichkeit im Alter abnimmt.“ Zudem funktioniere der Körper eines älteren Menschen langsamer, so dass ein älterer Mensch wesentlich mehr Zeit braucht, um den Alkohol im Körper abzubauen.

Aber nicht nur medizinische Gründe machten aus der Sucht im Alter etwas Besonders, denn: „In unserer Gesellschaft gehen wir davon aus, dass Senioren über viel Lebenserfahrung verfügen und deswegen mit ihren Problemen allein fertig werden.“ Dass dem nicht so ist, zeigt die Hamelner Selbsthilfegruppe. Die Zahlen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sind besorgniserregend. Demnach sind rund drei Prozent der Männer und knapp ein Prozent der Frauen über 60 Jahre in Deutschland von Alkoholmißbrauch betroffen. Im Drogen- und Suchtbericht 2009 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung heißt es, dass fast 10 Millionen Menschen in Deutschland Alkohol in gesundheitsgefährdender Form konsumieren. Davon gelten rund 1,3 Millionen als alkoholabhängig, und an den Folgen des Alkoholmissbrauchs starben 73000 Menschen.

„Diese Gruppe ist mir sehr wichtig, denn hier kann ich über alles reden, ohne viel erklären zu müssen“, sagt eine Frau, und der Mann ergänzt: „Wer gibt schon gerne zu, dass er abhängig ist?“ Für ihn hätte Alkohol schon recht früh einfach dazugehört, bereits in der Jugend habe er Alkohol konsumiert. Als er dann aus dem Berufsleben ausschied, sei seine Sucht so groß geworden, dass er sich Hilfe holte. Eine Therapie habe er gemacht, wie die anderen auch. Und für sie alle ist der „worst case“ der Rückfall. „Ja, das kommt immer wieder vor“, weiß die Therapeutin. „So ein Rückfall ist für die Betroffenen besonders schlimm.“ Jedoch: Nach Entgiftung und Entwöhnung nehmen auch die rückfällig gewordenen Senioren wieder regelmäßig an den Gruppentreffen teil.

Alle Gruppenmitglieder haben die Erfahrung gemacht, dass diese Gruppe eine wichtige Unterstützung bei der Bewältigung ihres Alkoholproblems ist. Eine Rentnerin möchte ein Buch über ihre Sucht schreiben und damit anderen Senioren Mut machen etwas gegen ihre Sucht zu tun. Nächste Woche aber werden sie sich erst wieder in gewohnter Runde treffen und dann – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – schonungslos sich selbst und den anderen gegenüber über ihre Sucht sprechen.

Alkohol ist die Volksdroge Nummer 1. Doch während es für junge Menschen ein ganzes Arsenal an diversen Präventionsprogrammen gegen den Alkoholmissbrauch gibt, haben es Senioren mit einem Alkoholproblem ungleich schwerer. Seit einigen Jahren besteht für die Generation 55+ in Hameln eine Selbsthilfegruppe.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare