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Seine Welt kennt kein Licht und keinen Ton

Hendrik G. liegt entspannt auf dem Wasserbett. Sein Kopf bewegt sich stereotyp von einer Seite zur anderen. Sein Mund ist leicht geöffnet. Aus den Lautsprechern in dem Zimmer tönt wohlklingende Musik. Deren Bässe erzeugen Vibrationen, die Hendrik vielleicht wahrnehmen kann. Betreuerin Evelyn Werner ist mit Hendrik in den Snoezele-Raum gegangen – ein spezielles Zimmer, in dem er sich entspannen kann und in dem ihm besondere Reize angeboten werden, damit er sich wahrnehmen und spüren kann. Obwohl es Hendrik nicht sehen kann, wurde das Licht abgedunkelt.

Mit dem Finger tastet der taubblinde Hendrik, wie voll das Schäl

Autor:

Sylvia Wyrwoll

Hendrik G. liegt entspannt auf dem Wasserbett. Sein Kopf bewegt sich stereotyp von einer Seite zur anderen. Sein Mund ist leicht geöffnet. Aus den Lautsprechern in dem Zimmer tönt wohlklingende Musik. Deren Bässe erzeugen Vibrationen, die Hendrik vielleicht wahrnehmen kann. Betreuerin Evelyn Werner ist mit Hendrik in den Snoezele-Raum gegangen – ein spezielles Zimmer, in dem er sich entspannen kann und in dem ihm besondere Reize angeboten werden, damit er sich wahrnehmen und spüren kann. Obwohl es Hendrik nicht sehen kann, wurde das Licht abgedunkelt. Evelyn Werner verständigt sich mit Hendrik über Gebärden oder Bezugsobjekte. Um ihn nicht zu erschrecken, klopft sie vor der Berührung an sein Bett, denn der Taubblinde kann nicht wahrnehmen, wann jemand auf ihn zukommt. Vorsichtig nimmt die Betreuerin seine Hände und bedeutet ihm über Tastbewegungen mit den Fingern, dass sie ihn gleich mit sanften Druck berühren wird. Evelyn Werner hüllt Hendrik in eine weiche Decke und achtet darauf, dass sie eng am Körper anliegt. „Das ist wichtig, damit er seine Körpergrenze wahrnimmt,“ erklärt sie. Mit unterschiedlichen Drücken und mit Noppenhandschuhen massiert sie behutsam seine Füße. Hendriks Gesichtszüge sind entspannt, aus seinem Mund formen sich Töne, die Wohlfühlen ausdrücken. „Der taubblinde Mensch erfährt sich über Berührungen, Bewegungen, über Tasten und Gerüche.“ Hendrik kann das, was mit und um ihn herum geschieht, nicht konkreten Bildern zuordnen, da er sehr früh seinen Seh- und Hörsinn verloren hat. Einfühlsam klopft die Betreuerin Hendriks Körper ab und setzt sich hinter seinen Kopf. Ihre Beine legt sie entlang seines Körpers und übt vorsichtig etwas Druck aus. Hendrik drückt die Beine etwas beiseite. Evelyn Weber lächelt: „Er zeigt mir genau, was er möchte und was nicht.“

Nun nimmt sie seinen Kopf behutsam in ihre Hände, hält und massiert sanft und ruhig sein Gesicht mit bloßen Händen. Hendrik ist ganz ruhig geworden, ein Lächeln zeigt sich auf seinem Gesicht. „Das ist so ein ganz glücklicher und inniger Moment, wenn man spürt, dass der Mensch entspannt und ruhig wird. Ich hoffe, dass er sich jetzt wohlig und geborgen fühlt.“

Hendrik wohnt seit 1994 im Taubblindenzentrum in Fischbeck. Die Anlage gleicht einem kleinen Dorf. Das Areal umfasst 56 000 Quadratmeter. 105 Wohnplätze bietet die Einrichtung mehrfachbehinderten, hör- und sehbehinderten sowie taubblinden erwachsenen Menschen an. Das Zentrum verfügt über eine Behindertenwerkstatt, Sporträume, eine Gärtnerei, eine Pferdekoppel, einen Sinnesgarten, eine Großküche und den Snoezele-Raum. Hendrik arbeitet während der Woche in der Werkstatt, wo er unter anderem Sortier- oder Verpackungsarbeiten erledigt. Heute hat er einen freien Tag und lässt sich viel Zeit beim Essen. Der Tisch ist gedeckt. Alle Gegenstände stehen immer am gleichen Platz, damit der Behinderte sich orientieren kann. Die anderen Gruppenmitglieder nimmt Hendrik nur wahr, wenn sie ihn berühren. Selbstständig greift der 35-Jährige zur Teekanne, fährt sie vorsichtig mit den Händen mehrmals ab. Dann hält er seine Finger in die vor ihm stehende Tasse, um zu prüfen, ob sie leer ist. Nun gießt er gekonnt den Tee in seinen Becher. Mithilfe des Fingers spürt er auch, wann die Tasse voll ist. Zwischendurch berührt er immer wieder die Gegenstände auf dem Tisch. Wenn sie auf ihrem gewohnten Platz stehen, gibt ihm das Sicherheit. Einige Gegenstände führt er zum Mund und ertastet sie mit der Zunge. So orientiert er sich an den unterschiedlichen Strukturen und kann die Teile identifizieren. Als er fertig ist, bedeutet ihm die Betreuerin durch die Gebärde „Fertig“, dass er sein Gedeck wegräumen soll. Hendrik G. tastet erneut alle Gegenstände und den Tisch ab. Er entdeckt, dass zwei Tische nicht in gewohnter Ordnung stehen. Er verschiebt die beiden Möbelstücke so lange, bis eine glatte Außenlinie entsteht. Dann räumt er einen Gegenstand nach dem anderen vom Tisch. Er tastet sich an der Wand entlang und stellt das Geschirr in immer gleicher Weise auf die Ablagestelle.

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Hendrik benötigt viel Ruhe und Zeit. So macht er auch gern ein Nickerchen auf dem Sofa des Gruppenraumes. Auch heute. Bis die Betreuerin an das Möbel klopft und ihm eine Papierblume in die Hand gibt. Damit bedeutet sie ihm, dass sie gemeinsam in die Gärtnerei gehen wollen. Hendrik greift die Blume, und seine flinken Finger beginnen sogleich, sie zu zerpflücken. „Das tut er unheimlich gerne“, sagt seine Betreuerin. „Er sammelt gern kleine Gegenstände, am liebsten solche, die man zerlegen und zerreißen kann.“

Auf dem Weg zur Garderobe tastet sich Hendrik wieder an der Wand entlang und erfühlt das Wandtelefon. Er hält inne und fühlt immer wieder. „Das Telefon ist ausgetauscht worden, etwas ist anders, neu. Hendrik G. bemerkt die Veränderung sofort. Auch den Weg zur Gärtnerei kennt Hendrik G. genau. Handläufe und Bodenmarkierungen in Form von Noppen und Tastbildern geben den Menschen auf dem Gelände Orientierung. Auch das große Gewächshaus kennt er. Dort wird er von den Mitarbeitern erwartet. Hendrik G. glättet mit Sandpapier Holzweihnachtssterne die später verkauft werden sollen. Seine Aufmerksamkeit gilt allerdings mehr dem Sandpapier. Er reibt es über seine Hand und versucht es zu zerreißen, ein Schnipsel wandert in seine Hosentasche. „Hendrik G. ist ein sehr ausgeglichener Bewohner, der gern lacht und zufrieden wirkt“, erzählt die Betreuerin Kerstin Kiehne. Es gibt auch Bewohner, die sich aufgrund ihrer Behinderung und der damit verbundenen Reizarmut ganz anders verhalten und äußern. Das geht hin bis zu Selbstverletzungen, um sich zu spüren. Deshalb sind die Reize von außen so wichtig.

Die tiergestützte Pädagogik bietet besondere Möglichkeiten, sinnliche Erfahrungen zu machen. „Therapeutisches Reiten“ wird auf einem Reiterhof außerhalb des Heimgeländes organisiert. Hendrik wird von seiner Betreuerin zurzeit einmal pro Woche zum Reitstall gefahren. Dort nehmen ihn Reittherapeutinnen des Taubblindenzentrums, die erfahren im Umgang mit Pferden sind und gleichzeitig die Probleme der ihnen Anvertrauten kennen, freundlich in Empfang. Hendrik riecht die frischen Pferdeäpfel, aber er hat keine Bilder von den Pferden, deren Gestalt, deren Bewegungen und deren Umgebung im Kopf. Gleichwohl fühlt er die weichen Nüstern und spürt den Atem der Pferde in seiner Hand. Durch Gebärden erklärt ihm die Therapeutin, dass er das Pferd putzen soll. Sie führt ihn zum Putzkasten, und mit etwas Hilfe bürstet er das Pferd und kratzt die Hufe aus. Dabei artikuliert er sich durch Laute. Seine Hände fahren über die Körperteile des Pferdes. So spürt er das weiche Fell und die Wärme des Körpers. Etwas ganz Besonderes für Hendrik ist es, endlich auf dem Pferd zu sitzen und den Körper sich den wiegenden Bewegungen des Tieres anzupassen. Durch welche Welt das Pferd ihn trägt, davon weiß Hendrik wenig. Und was genau in dem Taubblinden vorgeht, bleibt für Außenstehende unklar.

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