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Schwingen für die berufliche Zukunft

Man muss das Gebäude der CJD Schule Schlaffhorst-Andersen in Bad Nenndorf nicht betreten, um einen Eindruck davon zu bekommen, was im Inneren vor sich geht. Denn schon vor der Tür sind Gesänge und Klavierspiel deutlich zu hören. „Im Moment hören Sie hier etwa drei unserer 25 Klaviere“, erzählt der stellvertretende Schulleiter Torsten Lindner. Doch wer jetzt den naheliegenden Schluss zieht, dass es sich um eine Musikschule handelt, liegt falsch. Hier lernen Schüler für ihre berufliche Zukunft. Denn die Schlaffhorst-Andersen Schule ist Deutschlands einzige Berufsfachschule für staatlich geprüfte Atem-, Sprech- und Stimmlehrer.

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Autor:

Jessica Rodenbeck

Zweimal jährlich, im Februar und im August, kommen im Schnitt 25 junge Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet nach Bad Nenndorf, um hier ihren späteren Beruf zu erlernen. Eine von den Schülern des aktuellen ersten Semesters ist die 20-jährige Ulrike Hoffmann. „Ich wusste schon sehr früh, dass ich etwas mit Menschen machen möchte“, erzählt sie. Viele mögliche Berufe hat sie sich angeschaut, doch irgendwie war es nie das Richtige. Dann machte sie ein Praktikum bei einer Absolventin der Bad Nenndorfer Schule. „Als ich gesehen habe, wie sie arbeitet, wusste ich sofort, dass es das ist, was ich auch machen möchte.“

Atem-, Sprech- und Stimmlehrerinnen helfen Kindern mit Verzögerungen in der Sprachentwicklung, Menschen mit Redeflussstörungen wie Stottern, und sie behandeln Menschen, die das Sprechen nach einem Schlaganfall neu erlernen müssen. „Dieser medizinisch-therapeutische Bereich umfasst etwa 70 Prozent des Berufes und ähnelt dem Berufsfeld des Logopäden“, erklärt Lindner. „Doch zusätzlich gehören auch die Musik und der pädagogisch-künstlerische Bereich zum Profil.“ Absolventen können nach ihrer Ausbildung dadurch an Theatern, Opernhäusern oder in Rundfunk- und Fernsehanstalten arbeiten und Schauspieler, Moderatoren oder Sänger im Gebrauch ihrer Stimme schulen.

„Für diesen zweiten Bereich gehört eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Musik zu unserer Ausbildung“, sagt Lindner. Dazu werden auch die vielen Klaviere benötigt, denn jeder Schüler erhält während der drei Jahre sowohl Einzelunterricht im Gesang als auch im Klavierspiel. Um dieses anspruchsvolle Ziel umsetzen zu können, hat die Schule ein außergewöhnliches Schüler-Lehrer-Verhältnis. Ein Lehrer kümmert sich im Schnitt um nur 6,5 Schüler. „Dadurch kennen wir alle Schüler, die unsere Schule besuchen, und können intensiv auf sie eingehen“, sagt Lindner. Mit belegbarem Erfolg: In den über zwanzig Jahren, in denen Lindner mittlerweile an der Schule tätig ist, hat nur eine einzige Schülerin ihr Examen nicht bestanden.

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Gerade wegen dieser besonderen Betreuung entschloss sich die 22-jährige Leonie Feike dazu, ihre Ausbildung in Bad Nenndorf zu machen. „Zur Wahl stand außerdem ein Lehramtsstudium in Musik“, erzählt sie. Doch nachdem sie einen Hospitationstag genutzt hatte, um einen Tag lang in die Ausbildung hineinzuschnuppern, stand ihre Entscheidung fest. „Die Ausbildung hier umfasst nicht nur das reine Lernen, wie es an der Uni üblich ist“, erklärt sie. „Sie beinhaltet auch viel für mich selbst. Ich werde als Individuum gesehen und erhalte eine musikalische und persönliche Bildung, durch die ich mich weiterentwickeln kann.“ Mittlerweile ist Leonie in ihrem dritten Ausbildungsjahr, und auch für ihre berufliche Zukunft hat sie klare Vorstellungen. „Ich möchte gerne mit Musikern arbeiten und mit ihnen an ihrer Artikulation und ihrem Stimmklang arbeiten.“ Vorstellbar ist für sie auch die Arbeit mit reinen Instrumentalmusikern. „Die Körperhaltung kann auch den Klang eines Instrumentes beeinflussen“, erklärt sie.

Die Ausbildung an der Schule, deren Träger das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) ist, orientiert sich an einer der umfangreichsten Behandlungsmethoden in der Stimm- und Atemtherapie, dem Schlaffhorst-Andersen-Konzept. Es geht auf die Namensgeberinnen der Schule, Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen, zurück, welche schon im 19. Jahrhundert Wechselwirkungen zwischen der Atmung, der Stimme und der Bewegung erkannt haben. Aus dieser Erkenntnis entwickelten sie ein Konzept, in dessen Zentrum sie die Atmung stellten, welche daher auch im Unterricht der Schlaffhorst-Andersen-Schule eine zentrale Rolle spielt.

Um das Konzept auch am eigenen Körper auszuprobieren und dadurch zu verinnerlichen, gibt es an der Schule zum Beispiel täglich eine „Schwingepause“. Das Schwingen ist einer von fünf Regenerationswegen, mit dessen Hilfe nicht nur Atemfehlfunktionen, sondern auch Störungen der Sprache und der Stimme sowie Fehlhaltungen behandelt werden können. „Das Schwingen dient dem Muskelausgleich“, erklärt Lindner. „Im gesamten Körper sollen Spannungen dort, wo es nötig ist, abgebaut werden, und gleichzeitig dort, wo es nötig ist, aufgebaut werden. Das dient unter anderem der Tonerzeugung.“ Die Schüler und Schülerinnen bringen sich das Schwingen gegenseitig bei. Die höheren Semester zeigen es den jüngeren. Zusätzlich gibt es auch eine extra Schwingeinheit, bei der ein Lehrer zur Seite steht. „Gerade bei schönem Wetter schauen die Nachbarn manchmal etwas verwundert. Dann steht die ganze Schule eine halbe Stunde lang im Garten und schwingt“, erzählt Leonie Feike lachend.

Der Unterrichtsplan an der CJD Schlaffhorst-Andersen-Schule ist vielfältig. Medizinische Fächer wie Anatomie, Physiologie und Pathologie bereiten genauso wie Pädagogik, Psychologie und Sprachbehindertenpädagogik auf die spätere therapeutische Tätigkeit vor. Auch die Unterweisung in Berufs- und Rechtskunde ist in diesem Zusammenhang unerlässlich. Hinzu kommt die praktische und wissenschaftliche Unterweisung in das Schlaffhorst-Andersen-Konzept. Dazu werden Fächer wie Atem- und Stimmtherapie in kleinen Gruppen oder sogar einzeln unterrichtet. Der musische Zweig untergliedert sich in Musiktheorie, Rhythmik, Klavierspiel und Gesang. Im fünften Semester absolviert jeder Schüler ein sechsmonatiges Betriebspraktikum.

„Durch die wechselnden praktischen und theoretischen Inhalte ist die Ausbildung sehr abwechslungsreich“, versichert Feike. Aber auch anstrengend. 38 Unterrichtsstunden stehen im Moment auf ihrem Stundenplan, hinzu kommt die Zeit zum Lernen und Üben. „Gerade das Üben am Klavier nimmt natürlich nicht jeder Schüler gleich ernst“, gibt sie zu. Obwohl die Schüler rund um die Uhr die Gelegenheit dazu hätten. Denn mit einem Schlüssel haben sie Zugang zu sieben Übungsklavieren – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Vor dem Beruf Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin steht jedoch eine Hürde, die interessierte Bewerber meistern müssen: die Aufnahmeprüfung. „Jeder Bewerber muss sich in vier Teilbereichen vorstellen“, erklärt Lindner. In zwei schriftlichen Tests werden verbale Intelligenz und Musiktheorie abgefragt. „Bei der Musiktheorie reicht aber eigentlich das schulübliche Wissen“, versichert er. „Wir wollen nur sichergehen, dass der Bewerber das Ausbildungspensum auch schaffen kann.“ Im zweiten Teil müssen ein Lied und ein Sprechtext vorgetragen werden, danach folgen zwei Gruppenstunden in den Bereich Singstimme/Bewegung und Sprechstimme/Bewegung. Nachmittags folgen ein bis vier mündliche Einzelprüfungen. „Wir haben an unserer Schule maximal 150 Ausbildungsplätze. Da wollen wir einfach sichergehen, dass diejenigen, die einen Platz erhalten, auch wirklich für die Ausbildung geeignet sind.“ Ulrike Hoffmann hat die Aufnahmeprüfung sogar zweimal abgelegt. „Beim ersten Mal war ich erst 16, da hat mir die Schule geraten, es in ein paar Jahren noch einmal zu versuchen.“ Den Grund dafür erklärt der stellvertretende Schulleiter. „Gerade in sozialen Berufen muss man natürlich auch auf die Persönlichkeit des Besuchers achten.“ Diese sei gerade in jüngeren Jahren noch nicht so ausgeprägt. „Generell empfehlen wir den Bewerbern, sich ab 18 Jahren zu bewerben. Es ist jedoch immer eine Einzelentscheidung.“ Ulrike hat die Zeit genutzt. Sie machte in ihrer Heimatstadt Heiligenhafen das Abitur.

Die Ausbildungskosten übernimmt zu rund 55 Prozent das Land Niedersachsen, da die Berufsfachschule staatlich anerkannt ist. Die monatlichen Kosten für den Auszubildenden betragen dann bei monatlicher Zahlweise noch 389 Euro. Viel Geld, doch dafür locken laut Lindner hervorragende Berufsaussichten. „In unserem letzten Examensjahrgang hatten schon einen Monat später alle Absolventen etwas gefunden.“

Es ist ein einmaliges Bildungsangebot in ganz Deutschland. Die CJD Schule Schlaffhorst-Andersen in Bad Nenndorf bildet Atem-, Sprech- und Stimmlehrer aus. Eine Ausbildung, in der Klavierunterricht und Schwingen genauso selbstverständlich zum Lehrplan gehören wie Anatomie oder Rechtskunde.

Geschwungen wird in Partnerarbeit. Hier schwingt Leonie Feike (l.) ihre Partnerin Ulrike Hoffmann. Die Übung soll Spannungen im Körper regulieren und ist dadurch auch der Tonbildung dienlich. Fotos: jaj

Klavierspiel und Singen gehören zum Ausbildungs-Inhalt. Gemeinsames Üben fördert nicht nur das Gehör, es verbindet auch.

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