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Extertal und Kalletal bekommen wöchentlich etwa zehn Personen zugewiesen / Geld und Betreuung am Limit

Schule wird Heim für Flüchtlinge

Extertal/Kalletal. In Nordrhein-Westfalen sind die Kommunen selbst für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständig, nicht wie in Schaumburg der Landkreis. Das heißt, im Schnitt zweimal pro Woche schickt die zuständige Bezirksregierung in Arnsberg Zuweisungsbescheide auch ins Rathaus in Bösingfeld – und kurzfristig muss Wohnraum her. Dezentrale Unterkünfte zur besseren Integration, wie eigentlich gewünscht, das reicht nicht mehr. Jetzt wird in Bösingfeld erstmals eine leere Schule hergerichtet. 59 Plätze soll sie bieten. „Das reicht derzeit für etwa sechs Wochen“, sagt Fachbereichsleiter Marco Wallenstein auf Anfrage. „Kommen noch mehr Flüchtlinge, müssen wir noch schneller Alternativen suchen.“

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Autor:

Dietrich Lange

Letzte Woche wurde diese Lösung von Bürgermeister Hans Hoppenberg dem Haupt- und Beschwerdeausschuss mitgeteilt. Inzwischen sind per Hauswurfsendung alle Bürger informiert. In dieser Woche waren Brandschutzprüfer des Kreises Lippe in der seit Sommer 2014 leer stehenden früheren Pestalozzi-Förderschule, um die nötigen Brandschutzmaßnahmen zu ermitteln. „Da wurde seit Jahren nichts gemacht, weil die Schule ja geschlossen werden sollte“, erklärt Wallenstein. „Jetzt warten wir auf die Kostenberechnung. Wir sind aber immerhin schon Eigentümer, die Investitionen sind überschaubar. Sanitäre Anlagen, Duschen, eine Großküche und weitere Dinge sind schon vorhanden. “

Das Geld für die Sanierung hat die Gemeinde eigentlich nicht, steht wegen Ebbe in der Kasse sogar in der Haushaltssicherung. „Zum Glück haben wir unseren Haushalt 2015 aber erst Mitte des Jahres beschlossen“, so Wallenstein. „Da wussten wir schon mehr über das Ausmaß des Flüchtlingsandrangs als zu Jahresbeginn, aber von der jetzt erwarteten Zahl von 800 000 bundesweit war auch im Frühsommer noch nicht die Rede.“

580 000 Euro hatte die Gemeinde für Flüchtlingsbetreuung eingeplant, nur 220 000 Euro hat das Land Nordrhein-Westfalen bisher als Einnahmen überwiesen. „Die Unterdeckung beträgt 63 Prozent“, rechnet Wallenstein vor. „Noch reicht das Geld, aber wir sind bald am Limit.“ Notfalls werden Kredite aufgenommen. Die einmaligen Hilfen von Bund und Land sind noch nicht konkret bei der Gemeinde angekommen.

Sozialarbeiter zur Flüchtlingsbetreuung zu beschäftigen, das kann sich die Gemeinde nicht leisten. Hauptamtliche Rathausmitarbeiter und ehrenamtliche Helfer springen derzeit in die Bresche, sind laut Wallenstein aber auch am Limit. Wallenstein: „Rund 50 Bürger unterstützen uns über den zum Jahresanfang gegründeten Arbeitskreis Migration/Integration bei Sprachkursen, Erstkontakten und Spendenbeschaffung.“

Die 11 800 Einwohner zählende Gemeinde hat bereits 110 Flüchtlinge aufgenommen, bis Jahresende könnten es weitere 100 sein. 80 von ihnen leben in zwei Sammelunterkünften für Asylbewerber, die übrigen sind in angemieteten Wohnungen untergebracht. „Noch mehr Wohnungen können wir gar nicht so schnell beschaffen wie benötigt, und die dezentrale Betreuung bei unseren zwölf Ortschaften ist umständlicher und teurer als eine Zentrale“, erklärt Wallenstein.“ Gestern kamen vier neue Flüchtlinge ins Extertal, weitere fünf werden diese Woche noch erwartet.

Ansprechpartnerin für Wohnungsanbieter und ehrenamtliche Helfer ist die Integrationsbeauftragte Martina Roche, (01 75) 2 98 35 79.

In der Gemeinde Kalletal mit ihren 13 000 Einwohnern leben schon 164 Flüchtlinge, wöchentlich kommen auch hier fünf bis zehn dazu. Zwei Sammelunterkünfte mit 45 (für Einzelpersonen) und 35 Plätzen (für Familien) sind schon voll. Kürzlich wurde ein Wohnblock in Lüdenhausen mit 40 Plätzen erworben, dieser ist nun auch fast voll belegt, teilt Herrmann Fischer, Fachbereichsleiter Ordnung und Soziales mit. Inzwischen sind auch einige Wohnungen angemietet.“ Problem sei, dass Privatvermieter nur Familien wollen und dass die angebotene Bausubstanz mitunter schon abgängig ist. Die Preise steigen. „Schnäppchen können wir nicht mehr machen“, sagt Fischer. Im Moment sondiert die Kalletaler Verwaltung auch Möglichkeiten in Gewerbeobjekten.

„Wir hangeln uns gerade so durch. Neue größere Objekte bräuchten sicher erst einen Umbau und Investitionen in Brandschutz“, erklärt Fischer. „Eine Containerlösung, wie wir sie im Frühjahr mal vorgeschlagen haben, lehnt die Politik aber bisher ab.“

Finanziell stößt die Gemeinde Kalletal auch an Grenzen. Sie hatte ihren Haushaltsplan schon im Dezember aufgestellt, das Geld ist schon weg. Die Gemeinde muss bald mit einem Nachtragshaushalt neues Geld nachschießen. Die Unterdeckung ist so groß wie im Extertal, von Bund und Land gibt es noch keine konkreten Zuschüsse. Immerhin: Eine Sozialarbeiterin hat die Gemeinde ab Mai eingestellt, um die ehrenamtlichen Betreuer und hauptamtlichen Mitarbeiter zu unterstützen. Die Verschuldung steigt, dabei steht auch die Gemeinde Kalletal bereits in der Haushaltssicherung, also strenger Aufsicht des Kreises.

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