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Schrauber stöbern heute im Internet

Damals, in den 70er und frühen 80er Jahren, gab es kaum einen Sonnabend, an dem der Schrauber nicht auf Streifzug durch den Schrottplatz ging. Immer auf der Suche nach einem brauchbaren Ersatzteil. Und nie war er der einzige, der seine alte Rostgurke mit schicken, preisgünstigen Accessoires vom Schrottplatz aufmotzte: mit Nebelschlussleuchten, Zusatzscheinwerfern, Spoilern, langem Auspuffrohr…

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Von Alda Maria Grüter

Mehr als dreißig Jahre später: Gleicher Ort, gleicher Anlass – und doch ist jetzt alles anders als früher. Von Beschaulichkeit keine Spur mehr auf dem Hof des Rumbecker Verwertungsbetriebes, den Werner Watermann 1968 gründete und den der Sohn Fred Watermann 1989 übernahm: Reih an Reih, übereinandergestapelt die Schrottware. Drei, vier, fünf, sechs und neuerdings – als „Abfallprodukt“ der Abwrackprämie – auch mal sieben und acht Etagen mit zusammengepressten Blechgerippen.

Die Holzbude hat einem zeitgemäßen Bürogebäude Platz gemacht. Preise werden nicht „Pi mal Daumen“ und mit Handschlag gemacht, sondern ganz genau kalkuliert, richten sich nach den üblichen Marktpreisen, nach Angebot und Nachfrage. Das Sammelsurium an Spoilern und Nebelschlussleuchten hat sich um ganz viele elektronische Bauteile erweitert. Und alles, was in der Welt des EDV-unterstützten Lagersystems geführt wird, ist heute eine schnell abrufbare, endlos lange Nummer. „Unser EDV-erfasstes Ersatzteillager ist über unsere Homepage www.autoverwertung-watermann.de einzusehen“, sagt Fred Watermann. Also hereinspaziert: In den fünf Meter hohen Regalen des Lagerraums liegen fein sortiert rund 12000 Autoersatzteile. Die Werkstatt nebenan ist ausgestattet gemäß allen Anforderungen, die ein zertifizierter Betrieb zu erfüllen hat.

An einem Dienstagmorgen im Mai 2010 schaut Gerd Feldmann mal wieder bei Autoverwerter Fred Watermann vorbei. Auch wenn er es liebend gerne täte – im Gegensatz zu früher braucht der 62-Jährige sich heute nicht mehr die Hände schmutzig zu machen. Gerd Feldmann hat vorher angerufen, die benötigten Gebrauchtteile liegen auf dem Tresen zur Abholung bereit. Aber wo sind sie denn geblieben, die Bastler, die richtigen versteht sich, die mit eigenem Werkzeug anrückten und eigenhändig die benötigten Ersatzteile aus den Schrottkisten ausbauten? Die Schrauber-Spezies tummeln sich heutzutage auf ganz anderen Marktplätzen herum: „Schrottplatz ade - Hallo Internet!“ – so könnte das Motto lauten. „80 Prozent des Gesamtumsatzes machen wir über das Internet.“ Allein der Online-Anbieter „Ebay“ listet rund 1300 Artikel aus dem Verwertungsbetrieb Watermann auf.

Was aus den alten Autos an brauchbaren Teilen herauszuholen ist,
  • Was aus den alten Autos an brauchbaren Teilen herauszuholen ist, das wird vom Werkstatt-Team sorgfältig demontiert.
Etwa 30 Prozent der Autos waren so alt, dass sich das Ausschlach
  • Etwa 30 Prozent der Autos waren so alt, dass sich das Ausschlachten gar nicht lohnt. Fotos: amg

Vor dem Einlagern werden alle Teile mit einem Barcode erfasst. Gleichzeitig macht der mobile „PDA“ (Personal Digital Assistant) ein Foto des Ersatzteils, das mit allen technischen Daten ins EDV-System, dann per W-Lan ins Netz geht und innerhalb von Sekunden weltweit zum Verkauf angeboten wird. Rund 1000 E-Mail-Anfragen landen an einem einzigen Tag im elektronischen Postfach der Firma Watermann. Und wenn die Tür zur Werkstatt sich öffnet, einer im „Blaumann“ wieder prall gefüllte Wägelchen hereinrollt, dann bedeutet das: Arbeit fürs Büro. Bis zu 200 Ersatzteile gehen täglich über die Tische von Angelika Watermann und Sabine Steinborn-Kaurin: „Ein Kunde in Venezuela braucht eine Kraftstoffpumpe für einen Twingo“, sagt Angelika Watermann. Ein weiterer Kunde aus Lettland ist auf der Suche nach einem gebrauchten Querbeschleunigungs-Sensor. Kein Problem, ein paar Tasten werden gedrückt und auf dem Bildschirm erscheint die gewünschte Information: Die Artikel sind auf Lager, werden heute noch verschickt.

Nebenan sorgt das Werkstatt-Team laufend für Nachschub. Fast komplett ausgeschlachtet sind der Ibiza, Baujahr 98, der 13 Jahre alte Opel Vectra und der noch ältere weiße Benz, dem Mechatroniker André Junghans gerade die restlichen „Organe“ entnimmt. Alle verwertbaren Teile werden auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft. Logisch, sonst könne man sie ja nicht verkaufen. Gesetzlich bindend sei eine Gewährleistungspflicht von zwölf Monaten auf gebrauchte Ersatzteile, erläutert er. Während André Junghans weiter im Motorraum des roten Ibiza herumschraubt, stellt der Kollege Andreas Stroz seine Begabung als „Verpackungskünstler“ unter Beweis und wickelt die Viersitz-Bank, die ein Kunde aus Österreich bestellt hat, in dunkler Folie ein.

Junghans, Stroz und Oliver Suhr, ebenfalls ausgebildeter Mechatroniker und langjähriger Mitarbeiter bei Watermann, sind konzentriert bei der Sache. Was aus den alten Autos herauszuholen ist, das kriegen sie auch garantiert heraus. Ab und zu wird gefachsimpelt oder Details über einen Kundenauftrag besprochen. Radiomusik dudelt leise im Hintergrund. André Junghans erzählt weiter: „Bevor wir die Ausbauarbeiten durchführen, muss das Fahrzeug trockengelegt werden.“ Soll heißen: Vor dem Ausschlachten werden sämtliche wassergefährdenden Flüssigkeiten abgelassen. Das sei aus umwelttechnischen Gründen vorgeschrieben, sagt der 28-Jährige. Die ausgebauten Teile werden erfasst und eingelagert, die Restkarossen landen auf dem Schrottplatz hinter dem Büro- und Lagergebäude. Solange, bis der vollgestellt ist. Dann ist der „Schredder“, der Recyclingbetrieb Hennies aus Hildesheim, gefragt. Und der ist in den vergangenen eineinhalb Jahren „Dauergast“ gewesen: „Wegen der Abwrack-Prämie wurden wir mit Autos nur so überrumpelt“, sagt Fred Watermann. 2009 wurden insgesamt 2700 Pkw angeliefert. „Das entspricht einem Aufkommen, das wir sonst in fünf Jahren verbuchen.“ Allein von einem einzigen Hamelner Autohaus holte Watermann 361 PKW zum Verschrotten ab. Dem Verwertungsbetrieb bescherte die Abwrackprämie viel Arbeit. Aber auch viel vergebene Mühe. „Etwa 30 Prozent der Autos waren so alt, dass sich das Ausschlachten gar nicht lohnte.“ Ein Nullsummen-Spiel, manchmal gar ein Verlustgeschäft: „Das Auto musste von uns abgeholt und trockengelegt werden. Allein der Aufwand, um den ganzen Papierkram zu erledigen, damit der Kunde Anspruch auf staatliche Umweltprämie hatte… Nichts als Kosten!“ Ein Pkw, der keine brauchbaren Teile hergab, hatte Mitte 2009 einen Schrottwert von gerade einmal acht Euro. Wirtschaftskrise und „Abwrack-Prämie“ haben die Schrottpreise regelrecht Achterbahn fahren lassen. Zum Vergleich: Vor dem Einbruch lag der Schrottwert eines Pkw bei 180 bis 200 Euro.

Die Entwicklung der Schrottpreise schätzt der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) für das laufende Jahr als „vorsichtig optimistisch“ ein. Fred Watermann jedenfalls atmet schon bei der Nachricht auf, dass sich der Markt nur langsam erholt. Immerhin sei der Tiefstwert von acht Euro auf jetzt etwa 110 Euro gestiegen. „Die Preise unterliegen allerdings täglichen Schwankungen“, räumt Watermann ein. Gar nicht ins Schwanken hingegen gerät Michael Bornickel: Den 40-Tonner-Ladekran hat der Lkw-Fahrer fest im Griff. Wenn der Mitarbeiter von Hennies seinen Job macht, wird es mächtig laut auf dem sonst eher friedhofsstillen Schrottplatz. Es kracht das Blech, es scheppert das Glas, Plastikteile fliegen durch die Luft, es knallt, quietscht und knatscht, dass die Scheiben an der Rolltür zur Werkstatt unaufhörlich vibrieren. Wie ein wildes Tier, das seine „Beute“ packt, rüttelt, drückt und quetscht, schlägt die Kralle zu. Da knickt selbst die einst noch so dicke Karre widerstandslos ein. Kein Wunder: „Die Gabel hat 400 Bar Hydraulikdruck auf dem Zinken“, sagt Michael Bornickel. Zwischen Fahrerkabine und Ladefläche, hoch oben auf dem Freiluft-Sitz, hat der 44-Jährige alles, was kleinzumachen ist, im Blick. Ein Wagen nach dem anderen wird angehoben, geplättet und auf den Lkw geladen. Klar sei ein Renault Clio leichter fertigzumachen als die zähe Mercedes-Limousine der C-Klasse, weiß Michael Bornickel aus Erfahrung. Im Durchschnitt brauche er für jedes Auto etwa drei Minuten. Sechs Container à durchschnittlich sieben Karossen wird er nach gut zwei Stunden gefüllt haben. Und damit auf dem Autowrack-Sammelplatz Platz geschaffen haben für die neuen alten Autos, die gerade in der Werkstatt demontiert werden.

Bis es um 18 Uhr Feierabend heißt, ist der mobile „PDA“ im Dauereinsatz, Geschäfte werden im Minutentakt über Telefon und Internet abgewickelt, in der Werkstatt wird fleißig demontiert. Und manchmal, da wird man auch in modernen Zeiten doch noch ein bisschen an die Holzbuden-Ära erinnert: „Bei Ebay bieten wir ein Getriebe für einen Lancia für 500 Euro an – der Kunde will nur 400 zahlen“, sagt Sabine Steinborn-Kaurin zum Chef. Der ruft, mit einer wegscheuchenden Handbewegung, die Antwort durch den Büroraum: „Weg damit!“ Über den Preis kann man also nach wie vor reden. Hauptsache, Käufer und Verkäufer sind zufrieden und das Ding ist verkauft …

Überschaubar die Haufen schrottreifer Autos, und mittendrin auf dem 4000 Quadratmeter großen Platz stand eine Holzbude: „Wenn man fertig war mit dem Stöbern und wenn man etwas gefunden hatte, dann ging man zur Bude, handelte mit Werner den Preis aus. Und der Fall war erledigt“, sagt Gerd Feldmann.

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