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Dr. Ludwig Heuwinkel zeigt Ursachen und Alternativen zur Beschleunigungsgesellschaft auf

Schnell, schnell – wer soll denn da mithalten?

Hameln.Die Veranstaltungsreihe der Dewezet unter dem Motto „Forum Zeitgeschichten“ ist gestern mit Dr. Ludwig Heuwinkel in die zweite Runde gegangen. Sich mit dem beschleunigten Leben zu beschäftigen, ist zu seiner Leidenschaft geworden. Heuwinkel ist Soziologe, Volkswirtschaftler und Philosoph und hat sich in zahlreichen Veröffentlichungen mit der Beschleunigungsgesellschaft auseinandergesetzt, wobei er hauptsächlich die Wirtschaft im Blick hat. Sein Ansatz: Das muss auch langsamer gehen, sonst krankt die Gesellschaft. Wir haben mit dem Zeitexperten gesprochen.

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Birte Hansen

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Birte Hansen Reporterin zur Autorenseite

Schnell was essen, schnell zur Bank, nur schnell mal die Mails abrufen – was macht Tempo mit den Menschen?

Tempo nimmt die Zeit zum Nachdenken und zum Verweilen. Es führt dazu, dass die Menschen sich die Zeiteinteilung von außen vorschreiben lassen und fremdbestimmt leben. Aber Tempo und Beschleunigung sind nicht nur negativ.

Es ist also Fluch und Segen zugleich? Woran denken Sie bei den positiven Auswirkungen?

Wenn ich nach einem Unfall verletzt auf der Straße liege - da möchte sicherlich niemand, dass Krankenwagen und Notarzt entschleunigen.

Und was halten Sie an der Beschleunigung in unserer Gesellschaft für schädlich?

Der Druck auf jeden Einzelnen nimmt zu. Das sieht man schon daran, dass psychische Erkrankungen laut Untersuchungen vieler Krankenkassen enorm zugenommen haben, zum Beispiel leiden immer mehr unter Burnout.

Aber schreiben Sie das ausschließlich der Beschleunigung zu?

Nein, nicht ausschließlich. Aber durch den Wettbewerb der Unternehmen hat der Druck stark zugenommen. Beim Zunftwesen im Mittelalter war Konkurrenz noch ausgeschlossen. Der Zwang, möglichst effektiv zu arbeiten und immer schneller neue Produkte auf den Markt zu bringen, liegt in der Struktur unseres Wirtschaftssystems. Unternehmen streben nach immer kürzeren Produktlebenszyklen, wie z.B. der immer schnellere Modellwechsel in der Automobilbranche zeigt.

Welche Alternativen und anderen Systeme sehen Sie denn, in denen die Beschleunigung und der Wettbewerb nicht die treibende Kraft sind?

Naja, also, ich will jetzt auch nicht auf das System der ehemaligen osteuropäischen Zentralverwaltungswirtschaften eingehen und das als Alternative loben – wenngleich dort aus verschiedenen Gründen eindeutig langsamer gearbeitet worden ist. Auch der Kibbuz in Israel basiert auf einer Nicht-Gewinn-Wirtschaft. Das Leben der Amish-People in den USA wäre da auch noch zu nennen, aber Alternativen sind tatsächlich rar. Das Unternehmen Mont Blanc, der Hersteller der teuren Schreibgeräte, fällt mir dazu noch ein. Dort gibt es Ruhezonen, vier Mal im Jahr gibt es Musikveranstaltungen während der Arbeitszeit, Freizeitangebote wie Tischtennis im Unternehmen, und die Mitarbeiter können sich ihre Arbeitszeit selbst einteilen.

Kann das Modell als Vorbild für andere dienen?

Bedingt, denn es kann nicht überall gelten, da die hohen Preise nicht von allen bezahlt werden können. Allerdings muss man auch die höhere Qualität und Langlebigkeit der Produkte berücksichtigen. Würden wir dauerhafte und qualitativ höherwertige Produkte herstellen, dann könnte man das auch in langsamerer Handarbeit herstellen. Aber da wir immer das neueste Produkt haben wollen, funktioniert das nicht ohne Weiteres. Der Konsument trägt ja selbst zu der Entwicklung bei.

Damit zielen Sie aber darauf ab, dass sich der Konsument freiwillig mit weniger und Älterem zufrieden gibt und das unsere Gesellschaft eben nicht mehr an Wachstum ausgerichtet ist. Doch über einen möglichen Stillstand, sagen Volkswirte, würde das komplette System zusammenbrechen …

Wenn wir nichts ändern, bricht das System viel eher zusammen. Die Grenzen des Wachstums gibt es, man muss sich nur die begrenzten Erdölvorkommen ansehen. Ein neuer ressourcenschonender Lebensstil in der westlichen Welt ist unabdingbar.

Aber genauso tickt der Mensch doch nicht: sich mit dem zufriedengeben, was er hat und nicht mehr zu wollen. Wie soll das funktionieren?

Wir haben die Alternativen Zeitwohlstand oder materieller Wohlstand – Umfragen haben ergeben, dass Menschen mehr Zeit haben möchten und dass andere Aktivitäten außer Arbeit wieder zählen, wie Muße zum Beispiel. Es gibt ja schon Manager, die ihre Arbeitszeit auf 75 Prozent reduzieren, oder andere, die sogenannten Zeitpioniere, die ausbrechen und sich für ein selbstbestimmtes Leben entscheiden und Schafhirte auf einer Hallig werden. Es gibt Gegenbewegungen, wie man ja auch an der Slow-Food-Bewegung erkennen kann. Dabei tun sich Menschen zusammen, die gemeinsam regionale Spezialitäten kochen. Allerdings ist das sicher noch keine große Bewegung.

Es ist doch kaum möglich, diesen Weg als Arbeitnehmer alleine zu gehen und sich gegen Beschleunigung und zunehmenden Druck zu stemmen – welche Möglichkeiten sehen Sie?

Das stimmt, man kann das nicht ausschließlich individuell machen. Die Politik ist hier gefordert. Der Staat muss vom Wachstumsimperativ Abschied nehmen und die Grundlagen für eine zukunftsfähige Gesellschaft schaffen, in der wir ökologisch verantwortlich wirtschaften. Längere Arbeitszeiten könnten zudem weniger attraktiv gemacht werden, indem die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung mit höherem Gehalt und längerer Arbeitszeit steigen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat das Versagen des Neoliberalismus sichtbar gemacht, die Folgen müssen nun alle Bürgerinnen und Bürger tragen. Vor diesem Hintergrund ist gegenwärtig – so meine Hoffnung – eine stärkere staatliche Steuerung mit der Zielsetzung einer nachhaltigen Entwicklung eher durchsetzbar.

Im Alleingang in einer globalisierten Welt? In der es etliche aufstrebende Länder gibt wie China oder Indien – sie sollen nicht wachsen und stattdessen entschleunigen?

Auch in einer globalisierten Welt geht das. Die Globalisierung ist immer ein gutes Argument, hinter dem sich Länder verstecken können. Ich habe die Hoffnung, dass ein breiteres Bewusstsein entsteht für diese Probleme. Ich stelle fest, dass das Thema Beschleunigung in der Gesellschaft die Menschen interessiert und nachdenklich macht.

Passen sich denn Kinder und Jugendliche, die jetzt aufwachsen, nicht auch an die schnellen Zeiten an und können mit Geschwindigkeit und Simultanität viel besser umgehen als Ältere?

Nein. Sie werden zwar damit groß, aber es führt eben auch zu den Problemen, die bekannt sind, wie zum Beispiel die Aufmerksamkeitsstörungen.

Besteht in Ihren Augen die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft – die, die mithalten können mit der Beschleunigung und die, denen die Welt zu schnell geht?

Ja, das sehe ich schon. Jeder muss innerhalb unserer real existierenden Beschleunigungsgesellschaft versuchen, am Ball zu bleiben, wenn es um Weiterentwicklung und Anpassung geht, ansonsten droht Arbeitslosigkeit. Wenn sich ein Ingenieur oder eine Sekretärin nicht mit neuen, schnelleren Technologien befasst, kann das zum Problem werden. Wenn man sich kein alternatives Plätzchen gesucht hat wie der Schafhirte, und merkt, dass ihm die Welt zu schnell wird, ist das nicht leicht zu schaffen. Wie sagte schon Adorno? Es gibt kein richtiges Leben in einem falschen.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben, Dr. Heuwinkel.

Dr. Ludwig Heuwinkel, Bielefeld, hat ein Buch im Wochenschau-Verlag veröffentlicht mit dem Titel: „Umgang mit der Zeit in der Beschleunigungsgesellschaft“.

Das beschleunigte Leben ist seine Leidenschaft: Dr. Ludwig Heuwinkel referierte gestern beim „Forum Zeitgeschichte“ der Dewezet.

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