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Schleifen hilft, den Kopf frei zu machen

Gina wird sie hier in der Tischlerei Schnülle gerufen, fertigt gerade ein besonderes Möbelstück – ein handgefertigtes Unikat. Die 26-jährige baut im Dorf der sieben Mühlen ihr Gesellenstück als Tischlerin. Drei Tage hat die Auszubildende noch Zeit, die von ihr selbst entworfene Kinderkommode aus Ahorn- und Nussbaumhölzern mit magnetisch anhaftenden Sternen als Spielelement fertig zu stellen.

iBei der Feinarbeit an Ginas Gesellenstück sind schon so einige

Von Frank Neitz

Gina wird sie hier in der Tischlerei Schnülle gerufen, fertigt gerade ein besonderes Möbelstück – ein handgefertigtes Unikat. Die 26-jährige baut im Dorf der sieben Mühlen ihr Gesellenstück als Tischlerin. Drei Tage hat die Auszubildende noch Zeit, die von ihr selbst entworfene Kinderkommode aus Ahorn- und Nussbaumhölzern mit magnetisch anhaftenden Sternen als Spielelement fertig zu stellen. Dann wird die Kommode der Prüfungskommission der Tischlerinnung Hameln-Pyrmont zur Bewertung vorgestellt, mit den geforderten Anforderungen wie Schubkasten und Schlitz-Zapfenverbindungen.

Insgesamt einhundert Arbeitsstunden hatte die Groß Berkelerin in den letzten vier Wochen Zeit um aus Holzbrettern und Platten das 146 cm breite, 97 cm hohe und 60 cm tiefe und von ihr selbst entworfene und gezeichnete Möbel zu fertigen. In dieser Zeit hieß es für Gina die Hölzer zuzuschneiden, abzurichten, hobeln, nuten und schleifen, immer wieder schleifen. Auch viel per Hand, denn trotz des Einsatzes hochmoderner Maschinen ist der Beruf des Tischlers ein klassischer Handwerksberuf. „Da sind schon so einige Meter Schleifpapier draufgegangen“, spricht die Auszubildende das monotone Schleifen an. „Zwei Tage der Zeit habe ich wohl nur geschliffen. Das hört nicht auf, auch nach dem Lackieren erfolgen Zwischenschliffe.“

Ginas Gesellenstück basiert auf der klassischen, aber auch aufwendigeren Rahmenbauweise, wovor ihr Lehrmeister Olaf Schnülle „den Hut zieht“. „Mein Gesellenstück hatte ich in der Plattenbauweise erstellt“, so der 41-jährige Tischlermeister. „Wir haben nur am Anfang die Planungen gemeinsam besprochen, der Rest kam dann von ihr“ erzählt der Ausbilder.

Gina zeigt Tischler Daniel Freihorst ihre Fortschritte beim Lack
  • Gina zeigt Tischler Daniel Freihorst ihre Fortschritte beim Lackieren.
Bis zum 17. Juni ist Ginas Gesellenstück in der Sparkasse Weserb
  • Bis zum 17. Juni ist Ginas Gesellenstück in der Sparkasse Weserbergland zu besichtigen.

In Schnülles Werkstatt entstehen dieses Jahr gleich zwei Gesellenstücke. Ginas Kollege Dennis Bohlke ist mit seinem Stück schon fertig, er baute seinen Schrank schon drei Wochen früher. Eine Ausnahme machte dies möglich, denn in dem Kleinbetrieb sollten nicht gleich beide Lehrlinge zeitgleich für die betrieblichen Arbeiten ausfallen.

„Es ist noch kein Meister (geschweige denn Geselle) vom Himmel gefallen“ und „wo gehobelt wird da fallen Späne“ – zwei Sprichwörter, die zutreffen als Gina auf einen kleinen Patzer bei ihrer Arbeit zu sprechen kommt: „Irgendwie ließ die Konzentration nach und ich hatte bei der Schlitz- und Zapfenverbindung der Rahmenteile für Tür und Schubkasten an beiden Seiten Schlitze gemacht. Da war dann der Zapfen weg.“ Neumachen war angesagt, aber erstmal legte die angehende Tischlergesellin die Rahmenstücke zur Seite und griff zum eigentlich ungeliebten Schleifklotz. „Am besten erstmal wegpacken und monotone Arbeiten wie Schleifen machen. Das hilft, um gedanklich abzuschalten und den Kopf wieder frei zu bekommen“, weiß Gina, wie sie wieder Konzentration holen konnte.

In der letzten Bauphase bekam die Auszubildende erwartenden, aber nicht angemeldeten Besuch. Lehrlingswart Bernhard Albrecht und Oberstudienrat Walter Wilkening vom Prüfungsausschuss der Innung machten sich vor Ort ein Bild vom Baufortschritt und führten ein Fachgespräch mit dem Prüfling. „Von mir wollten sie wissen, was für einen Lack ich nehme. Ob der Lack einen UV-Schutz hat, der das Vergilben des hellen Ahorns verhindert, wo die Schwierigkeiten beim Bau lagen und ob ich was gegenüber der Zeichnung ändern musste“, erzählt Gina-Rosa Weiß vom Fachgespräch, dessen Bewertung neben der Noten für Gesellenstück und Arbeitsprobe die gesamte Praxisnote ausmacht.

Um den praktischen Teil der Gesellenprüfung zu bestehen, muss jeder Gesell gegen Ende seiner Ausbildung ein Gesellenstück anfertigen. In einer vorgeschriebenen Zeitspanne soll der Auszubildende durch die Anfertigung dieses Gesellenstückes zeigen, dass er die Arbeitsgeräte seiner Zunft fachgerecht einsetzen kann und in der Lage ist, logisches und praktisches Denken anzuwenden. Zwar darf er beim Entwurf des Gesellenstückes Hilfe in Anspruch nehmen, die Fertigung und die nötigen Pläne muss er jedoch selbst erarbeiten.

Der Prüfungsausschuss der zuständigen Innung bewertet dann nach der Fertigstellung den Herstellungsprozess und das Ergebnis, benotet diese und erstellt, gegebenenfalls in Verbindung mit anderen Teilen der praktischen Prüfung, die Praxisnote der Gesellenprüfung.

„Was wir hier gesehen haben hat schon Hand und Fuß“, berichtet Bernhard Albrecht, der als Lehrlingswart in diesem Jahr Gesellenstücke von 15 Auszubildenden der Hameln-Pyrmonter Tischler-Innung zu bewerten hat. Und die feiert im kommenden Jahr 125-jähriges Jubiläum.

Auch wenn die Innung ein Nachfolger der mittelalterlichen Zünfte ist, haben sich die Arbeitsweise im Tischlerhandwerk und die daraus entstehenden Produkte doch sehr verändert. „Wir Tischler haben uns stark gewandelt“, erklärt Obermeister Michel Deppe. „Vom ehemaligen Schubkasten mit Streich- und Kittleiste blieb nicht viel. Heutige moderne Möbel haben Schubkästen mit Teleskopauszug und Selbsteinzug.“ Die teilweise ausgefallenen und ansprechend gefertigten Gesellenstücke, neben Möbel auch Bauelemente, können jetzt bis zum 17. Juni in der Schalterhalle der Sparkasse Weserbergland „Am Markt“ besichtigt werden. Schüler, die sich für den Beruf des Tischlers interessieren, erhalten dort auch Informationen zur Ausbildung.

Der schrille Klang einer Formatkreissäge ist schon auf dem Hof der Tischlerei Schnülle in Heßlingen zu hören. In den weiß gestrichenen Räumen stehen große Holzbearbeitungsmaschinen. Mittendrin im Bankraum steht Gina-Rosa Weiß an einer Werkbank und schleift an einem Schubkastenstück aus kanadischem Ahorn.

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