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Realschulabschluss ist das Mindeste

Wenn ein Ausbildungsplatz besetzt werden soll ist häufig zu hören: „Es muss nicht immer der Beste sein, es muss der Richtige sein.“ Doch das fällt einigen Arbeitgebern angesichts der Erfahrungen, die sie in den letzten Jahren mit Bewerbern gemacht haben, zunehmend schwerer. Die Voraussetzungen, die die Jugendlichen mitbrächten, reichten oftmals nicht aus, heißt es.

Jessica Kabbeck macht bei der KVG eine Ausbildung zur KFZ-Mechat

Von Matthias Rohde

Wenn ein Ausbildungsplatz besetzt werden soll ist häufig zu hören: „Es muss nicht immer der Beste sein, es muss der Richtige sein.“ Doch das fällt einigen Arbeitgebern angesichts der Erfahrungen, die sie in den letzten Jahren mit Bewerbern gemacht haben, zunehmend schwerer. Die Voraussetzungen, die die Jugendlichen mitbrächten, reichten oftmals nicht aus, heißt es. Dabei gebe es nicht nur bei den schulischen Leistungen Defizite, wie Arbeitgeber und Verbände immer wieder beklagen. Es fehle vor allem an Motivation, in das Berufsleben einzusteigen, aber auch an Leistungsbereitschaft und Disziplin.

Auch bei der Hamelner Agentur für Arbeit beobachtet man mit gewisser Sorge, wie die Anforderungen um einen Ausbildungsplatz zu erhalten stetig steigen. Pressesprecherin Christina Rasokat erklärt am Beispiel „Medizinische Fachangestellte“, früher auch als „Arzhelferin“ bezeichnet, was gefordert wird: „Obgleich der Hauptschulabschluß bei der Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten als Zugangsvoraussetzung ausreicht, legen die Arbeitgeber bei einem Lehrstellenangebot schon von vornherein fest, dass die Bewerberin das Abitur haben sollte.“

Ähnlich verhält es sich in anderen Branchen. Der Lehrlingswart der Innung des Kraftfahrzeughandwerks Hannover, Kai Busch, sagt: „In einem Auto sind heutzutage 50 bis 60 kleine Computer verbaut, die miteinander vernetzt sind. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die schulische Vorbildung einen großen Einfluß auf eine erfolgreiche Ausbildung hat.“ Und so buhlt das KFZ-Handwerk mit den vielen Ausbildungsbetrieben anderer Branchen um die besten Schüler eines Jahrgangs.

Noch gehe das auch gut, wie Rasokat weiß: „Im Mai dieses Jahres standen 1992 Lehrstellen den 2558 Bewerber zur Verfügung. Jetzt im Juni sind es zwar mit 2098 Lehrstellen knapp 100 mehr als im Vormonat, aber verglichen mit den Vorjahreszahlen sind das 133 Lehrstellen weniger. Dem gegenüber stehen 2744 Bewerber, also 306 mehr als letztes Jahr. Spätestens in zwei Jahren wird sich dieses Verhältnis aber dramatisch verändern, prognostiziert Rasokat. Dann nämlich wird es wesentlich weniger Bewerber geben, und das werde in absehbarer Zeit den Fachkräftemangel verstärken.

Ein Problem sei, so die Pressesprecherin, dass vor allem die guten Hauptschüler weiter zur Schule gingen, weil sie sich damit noch bessere Chancen am Arbeitsmarkt versprächen. Dabei stehe vielen Jugendlichen schon jetzt und mit ihren Abschlüssen eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Verfügung. Die Leiterin der Hamelner Geschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer Hannover, Dr. Dorothea Schulz, sieht indes noch ein anderes Problem: „Einerseits wird in vielen Familien der Gedanke, dass eine weitere Beschulung grundsätzlich förderlich sei, kultiviert, andererseits schöpfen einige Betriebe ihre Ausbildungsmöglichkeiten gar nicht aus.“ Es gebe eine Vielzahl von neuen Berufen, von denen die Betriebe gar nicht wüßten, dass sie für diese Berufe als Ausbildungsbetrieb in Frage kämen, so Schulz weiter. „Ein Blick in unsere Lehrstellenbörse zeigt: Realabschluß aufwärts wird gefordert.“ Und die Lage werde sich wegen der doppelten Abschlußjahrgänge sogar noch verschärfen. Vielen Jugendlichen mache die Vorstellung von einem Berufsleben, in dem man Verantwortung übernehmen und Engagement zeigen müsse Angst, vermutet Schulz zudem.

Während einige Betriebe den Abiturienten und guten Realschülern den sprichwörtlichen roten Teppich ausrollen, um diesen Bewerbern ihre Ausbildungsplätze schmackhaft zu machen, andere wegen ihrer schlechten Erfahrung mit einigen Auszubildenden gar nicht mehr ausbilden, setzt die Arbeitsagentur auf ein ganz anderes Konzept. Rasokat: „Wir müssen die Jugendlichen dort abholen, wo sie gerade sind. Wir müssen ihre Stärken kennen und sie dann an die Hand nehmen und zu ihrem persönlichen Traumberuf begleiten.“ Eine Kampagne der Arbeitsagentur soll nun helfen den Jugendlichen den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern. Unter http://www.ich-bin-gut.de werden gezielt die Interessen der Jugendlichen thematisiert und mit Fragen des Berufslebens kombiniert.

Schon im April dieses Jahres hieß es aus Kreisen des Deuschen Industrie- und Handelskammertages (DIHT): „Nicht Lehrstellen sind knapp, sondern geeignete Bewerber.“ „Stimmt“, sagt Carsten Busse, Geschäftsführer der Kraftverkehrsgesellschaft Hameln mbH (KVG). „Entscheidend für unser Unternehmen ist, ob der Bewerber ins Team passt.“ Vier unterschiedliche Ausbildungen seien derzeit bei der KVG möglich, und in diesem Jahr werden fünf Auszubildende ihre Lehrstelle bei der KVG antreten. Auch Busse hat in den letzten Jahren schlechte Erfahrungen mit einigen Lehrlingen gemacht, dennoch ist er überzeugt, dass es ein großer Fehler wäre, eine Vielzahl an Bewerbern schon im Vorfeld auszusortieren, nur weil sie kein Abitur oder Realschulabschluss hätten.

„Das Problem bei den Bewerbungen sind in erster Linie nicht die Schulnoten, sondern die Einstellung zum Beruf. Die muss stimmten“, meint Busse. Aber sowohl bei Hauptschülern, als auch Realschülern sowie Abiturienten gebe es gerade in diesem Punkt große Defizite.

Das sieht Thomas Rüsenberg, Betriebsleiter der Hamelner Firma „Meisterstück - HAUS“ genauso und fügt an: „Gerade die Anforderungen im Bereich Motivation, Pünktlichkeit und Einstellung zum Beruf sind über die 14 Jahre, in denen ich hier Betriebsleiter bin, immer gleich geblieben. Trotzdem hapert es hier bei einigen Bewerbern zunehmend.“ Die Schulnoten allein seien nur zu rund einem Drittel entscheidend, ob ein Bewerber eine Lehrstelle bekomme, so Betriebsleiter Rüsenberg.

„Wenn einer unserer Auszubildenen Unterstützung benötigt, dann sind wir selbstverständlich bereit, ihm zu helfen“, so Busse und Rüsenberg. Wenn aber schon die Motivation und Leistungsbereitschaft fehle, dann sei die Gefahr, dass unterstützende Maßnahmen verpufften, sehr groß.

Unter anderem bietet die Hamelner Arbeitsagentur ausbildungsbegleitende Hilfen an. Rund 250 Plätze werden dort vorgehalten und 54 davon sind derzeit sogar noch frei, und selbst wenn es einen größeren Bedarf an dieses Maßnahmen gebe, dann können die Kapazitäten durchaus noch ausgebaut werden, wie Rasokat klarstellt.

Für die Pressesprecherin indes ist und bleibt der wichtigste Faktor aber, die Jugendlichen über ihre Möglichkeiten zu informieren. Die wenigsten wüssten, so die Pressesprecherin, dass auch eine Vielzahl von zweijährigen Berufsausbildungen zur Verfügung stehe. „Die Option nach einer solchen kurzen Ausbildung sich fort- und weiterzubilden ist groß; denn wenn man erst einmal seinen Traumberuf gefunden hat, dann ist die Motivation, sich weiter zu qualifizieren, um ein Vielfaches größer.“

Erschreckend sei aber auch, laut Umfrage des DIHT, dass viele Eltern offensichtlich nicht mehr in der Lage seien ihren Kindern Kompetenzen, wie Leistungsbereitschaft, regelmäßiges Aufstehen und Pünktlichkeit zu vermitteln. Busse: „Wenn ein Auszubildender in seiner ersten Arbeitswoche dreimal zu spät kommt, dann spielt es keine Rolle, ob er Haupt- oder Realschüler oder Abiturient ist. Für unser Unternehmen ist dieser Auszubildende dann schlicht und ergreifend nicht tragbar.“

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