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Kein Platz für sehbehinderte Nele-Tiziana im Kindergarten? / Gruppengröße ist das Problem

Psyche der Kleinen nicht mit Füßen treten

Beckedorf (gus). Ein dreijähriges Mädchen aus Beckedorf soll seinen Kindergartenplatz verlieren, weil es sehbehindert ist. So sehen es aktuelle Gesetze vor. Die geltenden Richtlinien zur Integration körperbehinderter Kinder bedeuten, dass die kleine Nele-Tiziana ihren Platz in der Kindertagesstätte Beckedorf räumen muss. Und das, obwohl Vertreter der Gemeinde, des Landkreises sowie des Kindergartens für deren Verbleib in ihrer momentanen Umgebung sind - ebenso wie Nele-Tizianas Mutter.

Die dreijährige Nele-Tiziana klettert problemlos aufs Kletterger

Manuela Koch versteht die Welt nicht mehr. Seit Februar besucht ihre Tochter den Kindergarten in Beckedorf. Alles läuft reibungslos, findet die Mutter. Stimmen aus dem Umfeld des Kindergartens bestätigen dies. Dennoch muss wegen der Gesetzeslage auf jeden Fall etwas an der aktuellen Situation geändert werden: Entweder wird die Gruppe, die Nele-Tiziana besucht, verkleinert, oder die Dreijährige muss den Kindergarten verlassen. "Integration - aber bitte nur nach strengen Gesetzen", so hat Manuela Koch einen Briefüberschrieben, mit dem sie sich an die Presse wandte. Die besagten Gesetze schreiben vor, dass ein "Integrations-Kind" nur in einer maximal 20 Kinder umfassenden Gruppe betreut werden darf. Das Ganze nennt sich dann "Einzelintegration". Im Beckedorfer Kindergarten werden zwei 25er-Gruppen unterhalten. Nele-Tiziana leidet an einer seltenen Augenkrankheit, wegen der sie in der Medizinischen Hochschule Hannover bereits 13 Mal operiert werden musste und wegen der sie zu erblinden droht. Für das Landesjugendamt und das zuständige Gesundheitsamt ist klar, dass sie deshalb nicht einfach einen Platz in der "normalen" Kindergartengruppe besetzen kann. Das wäre im Fachjargon eine "schwarze Integration". Für jedes Szenario gibt es einen Terminus - für Manuela Koch sind diese jedoch nur leere Worthülsen. Was für die Beckedorferin zählt, ist das Wohl ihres Kindes. Und das würde nach Ansicht der Mutter enorm leiden, wenn es den Kindergarten verlassen müsste. Es sei einem Kind nicht vermittelbar,warum es die Umgebung, die es mag, nicht mehr besuchen darf. Und darauf laufe alles hinaus, wenn der Gesetzestext umgesetzt wird. Dass die Gruppe verkleinert wird und fünf andere Kinder zu Hause bleiben müssen, ist undenkbar. Aber auch die Einrichtung einer 20er- und einer zusätzlichen Fünfergruppe erscheint unrealistisch. Dafür, das bestätigte Ludwig Hecke, Pressesprecher des Landesjugendamtes, müsste zusätzliches Personal eingestellt werden. Hecke ist bekannt, dass die mit der Angelegenheit betrauten Mitarbeiter der Gemeinde Beckedorf, des Kindergartens und des Landkreises Schaumburg für den Verbleib Nele-Tizianas in ihrer angestammten Gruppe sind. Ein Konsens auf der ganzen Linie sozusagen. Hecke verweist auf die Paragraphen. Ziel der Vorschriften sei es, einem "Integrations-Kind" die nötige Aufmerksamkeit zu gewährleisten. Im Fall der sehbehinderten Nele-Tiziana könnte beispielsweise der Geräuschpegel ein Problem sein. Auch Manuela Koch weiß, dass ihre Tochter wegen ihres Augenleidens auf großen Lärm gereizt reagieren könnte. Doch die Mutter fragt sich: Produzieren 25 Kinder wirklich so viel mehr Geräusche als 20? Noch ist das Verfahren nach Angaben Heckes in der Schwebe, ein negativer Bescheid ebenso möglich, wie die Entscheidung, Nele-Tiziana aus dem Kindergarten zu nehmen. Manuela Koch bittet die entscheidenden Stellen, ihrer Tochter den Besuch der gewohnten Kindergartengruppe nicht zu verwehren, ihr diese Ausgrenzung nicht zuzumuten. "Dann würden die Gesetze die Psyche meines Kindes mit Füßen treten", meint die Beckedorferin.

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