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Prozessbeginn in Hannover: Kader K. will dabei sein

HAMELN/HANNOVER. Nachts kommen die Albträume. Sie rauben ihr den Schlaf, jagen ihr Angst ein. Dann sieht sie ihren Ex-Mann. Mal hält er ein Messer, mal eine Axt in der Hand. „Er läuft hinter mir her. Irgendwann falle ich ins Bodenlose“, erzählt Kader K. (28).

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Wenn die junge Mutter aufwacht, ist sie meist schweißgebadet. „Mein Ex-Mann verfolgt mich in meinen Träumen“, sagt die Hamelnerin, die am Abend des 20. November 2016 ein „barbarisches Verbrechen“ (Oberbürgermeister Claudio Griese) überlebt hat. Die äußerst brutal ausgeführte Tat machte weltweit Schlagzeilen, sorgte für Abscheu und Entsetzen. Heute wird Kader K. ihrem Ex-Mann Nurettin B. (39), den sie im Sommer 2013 geheiratet hat, gegenübersitzen – im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Hannover. „Es wird mir sicher sehr schwerfallen, aber ich muss einfach dabei sein“, sagt das Verbrechensopfer, das als Nebenklägerin auftritt.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 39-Jährigen aus Eimbeckhausen versuchten Mord, vollendete gefährliche Körperverletzung und Bedrohung vor. Nurettin B. soll die Mutter seines Kindes vor einem Mehrfamilienhaus an der Königstraße erst mit einem Messer niedergestochen und dann mit der stumpfen Seite einer Axt auf sie eingeschlagen haben. Das Werkzeug traf vor allem den Kopf und den Oberkörper der bereits am Boden liegenden Hamelnerin. Danach soll Nurettin B. die lebensgefährlich verletzte Kader K. an sein Auto, in dem auch der damals zweijährige Sohn des Paares saß, gebunden und über mehrere Straßen – teilweise über Kopfsteinpflaster – bis zur Kaiserstraße geschleift haben. Nach rund 200 Metern löste sich das Seil von der Anhängerkupplung, blieb das Opfer blutüberströmt liegen. Nurettin B. fuhr direkt zur Polizei, sagte in der Wache nur zwei Worte: „Ich war’s.“ Neben dem Kindersitz auf der Rücksitzbank fanden Ermittler die blutverschmierte Axt.

Kader K. hat wie durch ein Wunder überlebt. „Dreimal ist mein Herz stehengeblieben. Aber der liebe Gott hat mir jedes Mal mein Leben zurückgegeben“, sagt die gläubige Frau, die noch heute unter den Folgen der Gewalttat leidet. Alpträume und Schlafstörungen sind das eine. Schmerzen im Kopf, im Nacken und am Rücken das andere. „Ich kann nicht lange stehen, bin schnell erschöpft, kann mich nicht gut auf eine Sache konzentrieren“, berichtet die Hamelnerin. Manchmal fange sie an zu zittern, es werde ihr schwindelig. Die rechte Körperhälfte tut ihr weh. Papiere ausfüllen – „das strengt mich an. Ich bin danach fix und fertig.“

19. Februar 2015: Die gebürtige Kurdin Kader K. bei ihrer Einbürgerung in Hameln mit Sohn Cudi und Oberbürgermeister Claudio Griese.
  • 19. Februar 2015: Die gebürtige Kurdin Kader K. bei ihrer Einbürgerung in Hameln mit Sohn Cudi und Oberbürgermeister Claudio Griese.

Auch Sohn Cudi leidet nach Angaben der Mutter. Anfangs habe der Kleine ganz oft gesagt: „Papa. Mama. Aua“, erzählt Kader K., was ihr von Dritten berichtet wurde. „Der Kleine hat oft geweint und sehr gelitten. Er muss gesehen haben, was sein Vater mit mir gemacht hat.“

Dass Kader K. die Attacken überlebt hat, sei allein der ärztlichen Kunst zu verdanken, stellt Opfer-Anwalt Roman von Alvensleben, der die junge Frau gemeinsam mit seinem Kollegen Raban Funk vor Gericht vertritt, klar. Die 28-Jährige soll neben zwei Stichverletzungen und großflächigen Schürfwunden auch eine lebensbedrohliche Hirnblutung erlitten haben, außerdem wurden Herzbeutel und Milz getroffen worden sein. Nach Angaben des Landgerichts hat Kader K. seinerzeit auch einen offenen Schädelbruch und ein Hirntrauma erlitten. „Meine Mandantin musste mehrfach wiederbelebt werden. Sie war dem Tod sehr nahe. Deshalb muss diese abscheuliche Tat juristisch wie ein vollendeter Mord gewertet werden“, sagt von Alvensleben – und betont: „Auch der versuchte Mord kann mit lebenslanger Haft bestraft werden.“

Auch Nebenklägerin Kader K. sieht das so. „Für das, was er mir angetan hat, gibt es nur eine Strafe: lebenslänglich.“ Außerdem fordert sie: „Man muss ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entziehen und ihn nach Verbüßung der Strafe abschieben.“ Bereits im Dezember hatte sich die junge Frau gegenüber dieser Zeitung geäußert und erklärt, dass das Motiv der Tat ihrer Meinung nach Geld war. Ihr Ex-Mann habe sie angegriffen, weil er den Unterhalt nicht bezahlen wollte.

„Ich habe den Prozess gewonnen. Er hat bei meiner Rechtsanwältin angerufen und gedroht: ,Ich bringe dich und Kader um, wenn ich von dir noch einmal einen Brief bekomme.‘“ Nach Angaben von Richter und Medienmanager Hans-Christian Rümke soll Nurettin B. seiner Ex-Frau schon im Oktober gedroht haben: „Wenn die Unterhaltpfändung nicht bald aufhört, dann wird einer von uns bald sterben.“

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