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Prost, Deutschland – Prost, Schwalenberg

Das Deutschland-Bier hat etwas gemeinsam mit weltberühmten Lebens- und Genussmitteln. Wie mit dem berühmten Champagner beispielsweise, der durch eine unbeabsichtigte Nachgärung eines auf Flaschen gezogenen Weines entstand. Oder dem französischen Roquefortkäse, dessen einzigartiger Blauschimmel durch ein in einer Höhle liegen gelassenes Käsebrot eines Schäfers entdeckt wurde.

Ein kühles Blondes? Oder doch lieber ein feuriges Rotes? Oder da

Karl-Heinz Recklebe

Das Deutschland-Bier hat etwas gemeinsam mit weltberühmten Lebens- und Genussmitteln. Wie mit dem berühmten Champagner beispielsweise, der durch eine unbeabsichtigte Nachgärung eines auf Flaschen gezogenen Weines entstand. Oder dem französischen Roquefortkäse, dessen einzigartiger Blauschimmel durch ein in einer Höhle liegen gelassenes Käsebrot eines Schäfers entdeckt wurde. Ungewollt und keinesfalls durch gezielte Forschung und Entwicklung kam auch das süffige Getränk zustande, das das Herz der Deutschland-Fans höher schlagen lässt. Noch aber hat es dem lippischen Städtchen Schwalenberg nicht zu Weltruhm verholfen.

Schwarz–Rot–Gold, die Farben schön sauber voneinander getrennt, leuchtet dem Biertrinker der Gerstensaft im Glas entgegen, und oben drauf, wie sich das für ein gut gezapftes Bier gehört, ziert eine weiße Schaumkrone das Getränk. Wer das Gebräu zum ersten Mal sieht, denkt eher an einen Chemiecocktail als an ein Bier. Aber der Trinktest beweist: Es ist Bier. Und es schmeckt nicht nur gut, sondern ist auch nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut.

Als Erfinder dieser Biersensation gilt Eckhard Strüber. Im Berufsleben ist er Immobilienspezialist, aber in seiner Freizeit frönt er dem Hobby des Bierbrauens. Diese Leidenschaft teilt er mit zwölf aktiven Kollegen, die in der Schwalenberger Brauzunft e.V. alte Brautraditionen pflegen. Alle paar Wochen trifft sich diese verschworene Männergesellschaft, um ein paar hundert Liter Bier zu brauen. Ganz so einfach ist das aber nicht, denn ein Brautag erfordert leicht seine zehn Stunden Arbeitseinsatz von den Männern. Die Frauen dürfen zugucken, wenn sie es denn wollen, und am Nachmittag auch gern frisch gebackenen Kuchen mitbringen. Aber sonst bleiben die Männer unter sich und überbrücken die Arbeitspausen schon mal mit ein paar kleinen Bierchen. Auch Touristen und Schwalenberger Bürger sind immer willkommen, um den Bierbrauern bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen. Es gibt also so manche Ablenkung bei dem an sich komplizierten Vorgang der Bierproduktion. Kein Wunder, wenn da auch mal etwas schiefgeht.

Die Hobbybrauer bei ihrer Arbeit: Martin Vandiekn (unten v.li.),
  • Die Hobbybrauer bei ihrer Arbeit: Martin Vandiekn (unten v.li.), Eckhard Strüber, Michael Wittek und Udo Strüber. Oben werkeln Reinhardt Bicker (v.l.), Martin Kutz und Frank Ehlert. Fotos: khr
Er wird als der Erfinder gehandelt: Eckhard Strüber.
  • Er wird als der Erfinder gehandelt: Eckhard Strüber.

„Und genau das ist im Herbst 2008 passiert“, erzählt Eckhard Strüber. Damals wurde eine Charge helles und eine Charge dunkles Bier gebraut. Frank Ehlert, der Vorsitzende des Brauvereins, kann genau erklären, wie die Farbe ins Bier kommt. Den Unterschied macht nämlich das Malz, also das vorgekeimte und anschließend einem Röstverfahren unterzogene Gerstenkorn. Ob es nun an den Frauen lag, an den Touristen oder an einem anderen Umstand, wird wohl noch lange für Spekulationen sorgen. Sicher ist nur: Das dunkle Bier war an jenem Tag einfach nicht gelungen. Zu wenig Kohlensäure gab dem Bier einen schalen Geschmack. Normalerweise etwas für den Ausguss. Aber schließlich steckte ein ganzer Arbeitstag in dieser Plempe. „Als sparsame Lipper wollten wir das nicht so einfach wegschmeißen“, erzählt Eckart Strüber schmunzelnd, „und wir haben versucht, es mit dem normalen hellen Bier wieder etwas aufzupeppen.“ Zum Erstaunen aller blieben das dunkle und das helle Bier im Glas sauber getrennt. Die Hobbybrauer hatten ein zweifarbiges Bier kreiert: Schwarz und Gold. Für die Farben der Deutschlandfahne fehlte nur noch Rot. Diese Erkenntnis war die Geburtsstunde des Deutschlandbieres. Um ein Bier mit rötlicher Farbe hinzubekommen, haben die Schwalenberger Brauer eine ganze Weile getüftelt. Irgendwann hatten sie den Dreh heraus und für das Rot war das richtige Malz gefunden. Das ganze Geheimnis verraten sie natürlich nicht. Nur so viel: Die richtige Kombination von Stammwürze, Malzsorte und Kohlensäure verhindert, dass sich die verschieden gebrauten Biere im Glas vermischen. Aber, und darauf legen die Schwalenberger Brauer großen Wert, es sind Biere, die dem deutschen Reinheitsgebot entsprechen, sprich: nichts außer Hopfen, Malz und Wasser. Allerdings muss das Deutschlandbier aus drei unterschiedlichen Fässern gezapft oder aus entsprechenden Flaschen eingeschenkt werden, um den besonderen Effekt im Glas zu erzeugen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum man bis heute nach Schwalenberg fahren muss, um dieses besondere Bier zu genießen. Weder die Fußballweltmeisterschaft noch die neue deutsche Parteienlandschaft, in der auch Schwarz-Rot-Gelbe Koalitionen möglich sind, haben der Brauzunft aus dem lippischen Städtchen eine Brauerei beschert, die diese Bierinnovation in größerem Stil unter das Volk bringt. Die Schwalenberger dürfen nämlich als gemeinnütziger Verein ihr Bier nicht selbst vermarkten. „Die Endverbrauchernachfrage ist zwar kolossal“, vermeldet Vereinsvorsitzender Frank Ehlert, „aber wir dürfen unser Bier nur anlässlich unserer Brautage im Rahmen einer Besenwirtschaft oder bei örtlichen Festveranstaltungen verkaufen“. Weder Werbung noch einen besonders günstigen Preis dürfen die Hobbybrauer für ihr Bier machen. Nicht einmal ein Preisaushang ist erlaubt. Beim Bierpreis müssen sie sich schlicht an den ortsüblichen Preis halten.

Dass es sich um eine Innovation handelt, beweist die Tatsache, dass die Schwalenberger auf ihre Rezeptur seit Mai 2009 ein Patent haben, das beim Deutschen Patentamt eingetragen ist. Das hat auch Fernsehsender wie RTL und Sat 1 mobilisiert, die ausführlich über das Deutschlandbier aus Schwalenberg berichteten. Aber richtig ausgezahlt hat sich ihre Erfindung trotzdem noch nicht. Gleichwohl könnten sie eine Finanzspritze gut gebrauchen, versichert Frank Ehlert. Bis zum Jahr 2005 haben sie ihr Hobby zu Hause in Kellern, Küchen und Carports ausüben können. Dann aber hätten ihre Frauen sie wegen der Gerüche, des Drecks und vermutlich weiterer Begleiterscheinungen aus dem häuslichen Bereich vertrieben. In einem historischen Gebäude Schwalenbergs, das bezeichnenderweise in der Straße „In der Tränke“ liegt, fanden sie ein neues Domizil. Aufwendig restauriert und mit modernen Braueinrichtungen ausgestattet, hat es über 30 000 Euro verschlungen. Trotzdem hat es bis heute keine Heizung, die Stromversorgung ist unzureichend und das große Tor muss erneuert werden. Auch wenn der kommerzielle Erfolg auf sich warten lässt: In der Brauszene sind die Schwalenberger anerkannt. Nicht ohne Stolz verweist Frank Ehlert darauf, dass die Haus- und Hobbybrautage Deutschlands in diesem Jahr in Schwalenberg stattfinden. Frank-Walter Steinmeier, der aus dem benachbarten Brakelsiek stammt, und Schirmherr der vom 27. bis 29. August stattfindenden Brautage ist, bescheinigt den Schwalenber-gern: „Es gibt wohl kaum einen Ort in unserem Land, an dem die Tradition eines historischen Brauamts so umfassend und lebendig gepflegt wird.“ So bleibt den Männern aus dem Lipperland immerhin die Hoffnung, dass zur Fußball-EM 2012 bundesweit mit Deutschlandbier auf die Siege der Nationalmannschaft angestoßen wird.

Dieses Bier, das so schön in die WM-Zeit passt, war ein Unfall. Ein Schwalenberger Hobbybrauer gilt als Erfinder dieser Bierspezialität. Um es zu trinken, muss man allerdings in das lippische Städtchen fahren. Der kommerzielle Durchbruch steht aus.

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