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450 Linke gehen in Bad Nenndorf gegen Rechtsextreme auf die Straße / Demo vorzeitig abgebrochen

Polizei nimmt gewaltbereite Demonstranten fest

Bad Nenndorf (fox). Unwissende, die am Sonnabend per Auto in die Kurstadt fahren wollten, dürften sich gewundert haben: Polizeikontrollpunkte an jeder Hauptverkehrsader mussten diese passieren und wurden im Zweifelsfall gestoppt. Insgesamt hat die Polizei an diesem Tag 144 Wagen kontrolliert. Grund für die Sicherheitsvorkehrungen waren Demonstrationen von Neonazis und Gruppierungen desLinken Spektrums. Mehr als 1000 Polizisten waren dazu im Einsatz und machten Bad Nenndorf zu einer Festung.

Linke Demonstranten auf ihrem Weg von der Martin-Luther-Straße a

"Als ich 14 Jahre alt war, begann der Krieg, den die Nazis angezettelt haben. Als ich gerade 17 Jahre alt war, musste ich daran teilnehmen - vier Jahre lang. Nach dem Krieg dachte ich, niemals mehr kann sich Faschismus ausbreiten. Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen" - das sind Worte von Wolfgang Meffert. Der 83-Jährige machte seiner Meinung am Lautsprecherwagen des Protestzuges der Linken Gruppierungen am Bahnhof gegen 11 Uhr Luft - und erntete dafür kräftigen Applaus von den meist jugendlichen Demonstranten. Dass diese rund 50 Jahre jünger waren als er, störte ihn wenig, auch die Rockmusik konnte Meffert nicht beirren. "Herrlich", sagte der Nenndorfer, "auch wenn die teilweise verquere Gedanken im Kopf haben - die Initiative zählt." Meffert war einer der wenigen Menschen, die am Sonnabendüber das Mikrofon ihren Protest gegen Rechts geäußert haben. Die meiste Zeit über schmetterte Musik aus den Lautsprechern oder die Boxen auf der Ladefläche des Pritschenwagens schwiegen - auflagenbedingt. Lediglich fünf Minuten am Stück durften die Veranstalter, sowohl die Rechtsextremen, als auch das Linke Lager, per Beschluss des Verwaltungsgerichts Hannover Musik spielen. Danach musste eine fünfminütige Pause eingelegt werden. Möglicherweise hätten die Gegendemonstranten des Neonazi-Aufmarsches die Lautsprecher vor Abmarsch am Bahnhof auch häufiger für längere Reden genutzt, hätten sie gewusst, dass es zu der geplanten Abschlusskundgebung am "Haus Kassel" nicht mehr kommt. Denn die Demonstration wurde - nach Abmarsch mit dreistündiger Verspätung um 13 Uhr - in Höhe des "Schlecker"-Marktes an der Hauptstraße gegen 15 Uhr vom verantwortlichen Versammlungsleiter Frank Gockel nach Zwischenfällen vorzeitig aufgelöst. Zum Leidwesen lokaler Bündnisse sowie der jüdischen Gemeinde, des DGB und anderer, die sichauf diese Kundgebung vorbereitet hatten. "Wir haben uns nicht mehr in der Lage gesehen, unsere Meinung unter den gerichtlichen Auflagen und den Umständen während des Demonstrationszuges frei zu äußern", sagte Gockel. Er hielt die Demonstration durch das bereits im Vorfeld angekündigte rigide Durchgreifen der Polizei für gefährdet. Mit speziellen Festnahmeeinheiten griffen die Ordnungshüter in den Demonstrationszug ein und nahmen Störenfriede fest. "Vier Polizisten prügelten auf einen Mann ein, der auf dem Boden lag", berichtete Antifa-Sprecherin Bea Hänsch. Zwei "Ordner" der Antifa seien zudem von der Polizei mit Schlagstöcken verletzt worden. Dass sich ein Teil der insgesamt rund 450 linken Demonstranten gegenüber der Polizei provokant verhalten, sich teilweise vermummt und beleidigende Sprüche skandiert hat, klingt in der Pressemitteilung der Antifa jedoch nicht an. Auch nicht, dass deren "Ordner" gegenüber Journalisten bei dem Aufzug am Vorabend und am Sonnabendselbst in Gegenwart von Beamten handgreiflich wurden und Drohungen äußerten. Nach Polizeiangaben sind fünf Teilnehmer der Demonstration gegen Rechts ausgeschlossen worden. Polizeipressesprecher Axel Bergmann berichtete von zum Teil gewaltbereiten Demonstranten. Rund 70 hatten in einer Spontanaktion auf dem Bahnsteig das Eintreffen eines Zuges, in dem sich Neonazis befanden, behindert. Durch das aggressive Auftreten einiger Teilnehmer sei der Aufzug der Linken mehrere Male ins Stocken geraten, berichtete Bergmann. Es sei deshalb zu zeitlichen Verzögerungen gekommen, die sich nachteilig auf die Verkehrssituation in der Stadt ausgewirkt habe. Unter anderem hätten einige Teilnehmer der Gegenveranstaltung zum Ende des Aufzuges unter den mitgeführten Transparenten nach Polizeibeamten getreten, so Bergmann. Zwei Beamte sind nach Polizeiangabenleicht verletzt worden, drei Täter wurden festgenommen. "Gegen diese sowie drei weitere Personen sind Strafverfahren eingeleitet worden", teilte Bergmann mit. Informationen zu angeblichen Verletzten auf Seiten der Demonstranten hat die Polizei nicht mitgeteilt. Seite 21

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