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Die dunklen Seiten des Gesundheitswesens: Bestseller-Autor Wolfgang Schorlau liest im Bildungszentrum

Politkrimi über eine Branche ohne Ethik

Bad Münder (hzs). Natürlich stehe er in der Tradition der Politkrimis von Maj Sjöwall und Per Wahlöö, erklärt Bestseller-Autor Wolfgang Schorlau bei seiner Lesung in Bad Münder. „Aber ich drehe die Schraube noch etwas weiter.“ Was Schorlau auf die Spiegel-Bestsellerliste und an die Spitze der deutschen Kriminalschriftsteller gebracht hat, ist die meisterhafte Kombination von aktuellen, politisch brisanten Themen und deren literarisch überzeugende Einbettung in traditionelle Versatzstücke des Genres.

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Trotz der Komplexität und Brisanz des Themas sei ein Sachbuch nicht die bessere Form gewesen, stellt der Autor klar: „Ich bin Geschichtenerzähler, das ist mein Beruf.“ In „Die letzte Flucht“ schickt Schorlau seinen Helden – er zieht dieses etwas aus der Mode geratene Wort dem „Ermittler“ vor – ins Dickicht des Gesundheitswesens. Und der Leser begreift schnell, dass das zwischen Kostendämpfung und Pflegenotstand ziemlich kränkelt. Der Grund sind die Pharmakonzerne. „Die haben nur eine Stelle im System im Visier, jenen Moment, in dem der Arzt das Medikament verschreibt“, teilt Schorlau dem fasziniert lauschenden Publikum im Wilhelm-Gefeller- Bildungszentrum mit. Das Gesundheitswesen, das sei „wichtig für uns alle, monatlich zahlen wir viel Geld dafür, doch wie es im Innersten funktioniert, davon haben wir keine Ahnung.“

Schorlaus Recherchen haben ergeben: unglaubliche Renditen, clevere Manipulationen in rechtlichen Grauzonen, Geschenke und Bestechungen von Ärzten bis hin zu ausgefuchsten Marketingstrategien wie der verdeckten Gründung neuer und der Unterwanderung bestehender „Selbsthilfegruppen“. Der Autor schwankt zwischen Abscheu und Bewunderung gegenüber den Verantwortlichen. „Pharmamanager sind Zyniker, aber auch alles kluge Leute, die genau wissen, was sie tun, und dass das auch mal zu Ende gehen wird. Aber wer nicht mitmacht, ist draußen. Und es geht um verdammt viel Geld.“

Wolfgang Schorlau überfällt sein Publikum nicht mit seinen Enthüllungen, sondern nähert sich den harten Fakten im charmant-witzigen Plauderton mit einer ausgiebigen Schilderung der Entstehung seiner Charaktere. Da ist die Hauptfigur, Georg Dengler, Ex-BKA-Beamter, jetzt als freier Ermittler unterwegs, dann der Horoskopschreiber Martin Klein und der kahlköpfige Kellner Mario. „Zu viele Nebenfiguren für den letzten Roman“, stöhnt Schorlau, doch sein Versuch eines „Massakers unter den Nebenfiguren“ scheiterte am Einspruch der Frau eines der Betroffenen. Lacher. Und auch Schorlaus Bericht über die Recherche im Domina-Studio, in dem sich Dengler verstecken muss, erheitert, deckt aber zugleich das Wesen dieses Milieus auf.

Diese Verknüpfung von Spannung und Aufklärung kommt auch bei Schorlau-Fan Sabine Süpke, Leiterin des

IGBCE-Schulungszentrums, sehr gut an. „Hier wird auf unterhaltsame Art ein Fenster auf wichtige politische Themen geöffnet.“ Schorlaus Text packt die Zuhörer, weil hier nichts auf Effekt gedrillt oder konstruiert ist. Der Autor erweckt seine Figuren zum Leben, redet von ihnen wie von guten Freunden, und eben das zieht die Zuhörer hinein in die Welt der dunklen Machenschaften des für den Beitragszahler völlig unübersichtlichen Molochs Gesundheitswesen. Den nächsten Arztbesuch werden viele Zuhörer wohl mit etwas anderen Augen sehen.

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