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Bei unerwünschten Ausländern reagierten Landesherrn und Alteingesessene schon immer allergisch

Planetenleser und Lumpenträger

Wer ist willkommen und wer soll wieder gehen? Das Für und Wider um den Zuzug von Fremden und Ausländern erhitzt (wieder einmal) die Gemüter. Als besondere Gefahr gelten derzeit integrationsunwillige Muslime. Gegen sie und andere Ausbeuter des Sozialstaates sei eine härtere Gangart erforderlich, ließen sich jüngst Unionspolitiker vernehmen. Nur qualifizierter Fachkräfte und andere nützliche Fremde seien in Deutschland erwünscht. „Die Guten und Wertvollen rein, die Bösen und Ungebildeten raus“, so die offensichtlich populäre, landauf landab weitverbreitete Devise.

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Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Die Abwehr unerwünschter Eindringlinge war – auch und vor allem in der hiesigen, über die Weser und mehrere alte Heer- und Handelswege relativ leicht erreichbaren Region – ein zentrales, über Jahrhunderte hinweg beherrschendes Thema. Anders als heute waren nur die Zielpersonen und die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Globalisierung, internationale Menschenrechtsvereinbarungen und schnelle Fortbewegungsmöglichkeiten mittels Auto, Zug und Flugzeug gab es noch nicht. Die jenseits des eigenen kleinen Lebensbereichs herrschenden Einkommensverhältnisse kannte man höchstens vom Hörensagen. Und Länder mit liberalem Asylrecht und prall gefüllten Schaufenstern lagen außerhalb jedweder Vorstellungskraft. Anders gesagt: Vor dem Zustrom von Wirtschaftsflüchtlingen und/oder Türken, Afghanen und sonstigen Islamisten mussten sich unsere Vorfahren noch nicht fürchten. Das Aufmarschgebiet von Ausländern in die hiesige Region war auf die Nachbarterritorien beschränkt. Zum Schutz der eigenen Grenzen waren Schlagbäume und Grenzsoldaten aufgestellt. Doch das reichte – damals wie heute – zur Abwehr von Eindringlingen nicht aus. Neben Söldnerheeren strömte immer wieder auch viel „unnützes Gesindel“ ins Land.

Es gebe „vielfältige Klagen wegen der umlaufenden Landstreicher, Bettler, Lumpenträger, Planetenleser (Sterndeuter, Wahrsager) und Gardenbrüder (umhervagabundierende arbeitslose Soldaten)“, klagte vor gut 400 Jahren der damalige Schaumburger Landesherr Graf Adolf XI. Die aus den benachbarten Herrschaften eindringenden „Vaganten“ (Vagabunden) seien eine Plage und „Beschwernis für unsere armen Unterthanen“. Deshalb solle sich keiner unterstehen, diesen „obberüten Landverderbern im geringsten am Geld, Brod, Eyren, Würsten, Speck und derogleichen zu geben, viel weniger dieselben hinführo zu behausen oder zu beherbergen, noch sie in Hochzeiten oder Kindbieren (Tauffeiern) zu speisen“, heißt es in einer am 1. September 1600 abgefassten Verordnung. Stattdessen sollten sich die Leute „an den Örtern, da dieß Gesindel betreten wird, ungesäumt zusammen thuen, und dieselbigen mit Worten, oder da sie sich dagegen auflehneten, mit guten Schlägen abschaffen“.

Ähnliche Regelungen sind – in großer Zahl und bis in die jüngste Vergangenheit hinein auch von Adolfs Nachfolgern überliefert. Dabei rückte – vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung von Handwerk und Gewerbe – der Wunsch nach Anwerbung und Zuzug von Fachkräften in den Vordergrund. Neben den bisher betriebenen Abschottungsanstrengungen setzte eine Art „kalkulierter Zuwanderungspolitik“ ein. Als Regulierungsinstrument kam der Reisepass in Mode.

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„So wollen Wir hiedurch nochmahls verordnen und allen Ernstes befehlen, wie keinem Fremden der Aufenthalt und Zutritt in Unsern Landen gestattet und zugestanden werden soll“, ließ sich 1770 der schaumburg-lippische Landesherr Graf Wilhelm (1748–1777) vernehmen. Eine Ausnahme dürfe es künftig jedoch dann geben, „wenn selbiger Fremde wegen seines Gewerbes und ehrlichen Handthierung bekannt, oder mit ohnzweifelhaften sicheren Pässen anhero gekommen“.

Wenig später wurde auch das bis dato streng-einseitige Verfahren im benachbarten hessischen Schaumburg gelockert. So ließ der von 1760 bis 1785 in Kassel residierende Landgraf Friedrich II. unter anderem die Vorschrift in der Schublade verschwinden, nach der sich nur gut betuchte und in ordentlichen Verhältnissen lebende Personen im Lande niederlassen durften – ein Schritt in Richtung mehr Freizügigkeit, der jedoch schon bald wieder rückgängig gemacht wurde. Die Ausweitung der Zuzugsmöglichkeit habe zu einem starken Zuzug von „unvermögenden und dem Publico zur Last fallenden Untertanen“ geführt, klagte 1786 Friedrichs Nachfolger Wilhelm IX. (1785 bis 1821). Ab sofort werde keiner mehr reingelassen, der nicht über ein Eigenkapital von mindestens 200 Kammergulden verfüge.

Das gesetzgeberische Hin und Her setzte sich – je nach wirtschaftlichem Bedarf und/oder politischer Großwetterlage – auch in den folgenden Jahrhunderten fort. Eine der bislang umfangreichsten Regelungen zum Thema Ausländerrecht dachte sich der hessische Landesherr Wilhelm II. (1821–1847) aus. 1823 ließ er eine zwölfseitige „Verordnung enthaltend Maasregeln der Sicherheitspolizei wegen der erwerbs- oder heimathlosen und dergleichen verdächtigen Personen, sowie der Reisenden und Fremden“ verkünden.

Vieles darin Enthaltene wird – mit anderen Worten und unter anderen Vorzeichen – auch heute noch diskutiert.

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